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Claudia Wölk arbeitet im International Office der Leuphana. Die Betreuung von Flüchtlingen ist ein neues Aufgabenfeld, sie will dabei helfen, sie auf ein späteres Studium in Deutschland vorzubereiten. Foto: t&w

Angebote der Leuphana für Flüchtlinge

Lüneburg. „Akademische Vorbildung“ so bezeichnet die Lüneburger Universität ihr Studienprogramm für Flüchtlinge. Viele junge Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, mussten ihr Studium abbrechen oder konnten es noch gar nicht antreten. Der Zugang zu den deutschen Hochschulen ist eine große Hürde, notwendige Deutsch- und vielfach auch Englischkenntnisse fehlen. Die Leuphana hat eigene Programme entwickelt, um Flüchtlinge auf ein Studium vorzubereiten. Die LZ hat mit Claudia Wölk, Koordinatorin der internationalen Studenten und Gastwissenschaftler, gesprochen. Die 49-Jährige ist seit mehr als 15 Jahren im International Office tätig, kennt Zahlen und Herausforderungen, hat aber auch Wünsche für die Zukunft. Außerdem erzählt ein Geflüchteter von seiner Zeit an der Leuphana und den kleinen Fortschritten, die er Tag für Tag macht.

Interview

Frau Wölk, Sie sind Ansprechpartnerin für Flüchtlingsfragen. Was leistet die Leuphana in der Flüchtlingsarbeit?
Claudia Wölk: Wichtig ist, dass uns der Aufenthaltsstatus nicht interessiert. Wir überlegen, wie wir Geflüchtete fördern können, beraten auch in Einzelgesprächen, zeigen Möglichkeiten für ein Studium in Deutschland auf. Im Sommersemester 2015 haben wir außerdem die Open Lecture Hall gestartet. Dadurch können Flüchtlinge an Lehrveranstaltungen des Gasthörerprogramms teilnehmen. Wir haben schnell gemerkt, dass eine größere Verbindlichkeit wichtig ist. So ist keine drei Monate später das Brückenstudium entstanden und die Möglichkeit, ausgewählte Veranstaltungen zu besuchen und Prüfungsleistungen zu erbringen. Im Juni 2016 ist außerdem der erste Deutsch-Intensivkursus für Flüchtlinge gestartet.

Welche Voraussetzungen müssen Geflüchtete für das Programm mitbringen?
Wir lassen uns die Kopie des Schulabschlusses zeigen, machen außerdem einen Einstufungstest für die Sprache. Das ist kein Ausschlusskriterium, sondern hilft uns dabei, besser beraten zu können. Mit einem A1-Niveau ergibt es einfach keinen Sinn, Veranstaltungen an einer Universität zu besuchen. Wichtig ist eine akademische Vorbildung und die Absicht, ein Studium aufnehmen zu wollen.

Also sehen Sie die Sprachkenntnisse auch als größte Herausforderung an?
Ja, gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind überaus wichtig. Besonders Englisch haben viele nicht auf dem Zettel, dabei ist mehr Flexibilität gerade im Bildungssektor so wichtig. Außerdem gibt es viele textlastige Fächer, in denen man ohne gute Sprachkenntnisse nicht weiterkommt. Auch für die Teilnehmer muss es dann unbefriedigend sein. Deshalb haben wir Intensivkurse gestartet. Wenn sich jemand bei mir in der Studienberatung vorstellt, der kaum Deutsch spricht, rate ich ihm, lieber noch ein Semester zu warten, um dann mit ausreichendem Gepäck wiederzukommen. Denn wenn jemand eine Hochschulzulassung in Händen hält, sollte er nicht mehr an seiner Sprache arbeiten müssen.

Wie groß ist denn die Chance, dass es mit einem richtigen Studium an der Leuphana klappt?
Wir haben hier begrenzt Plätze, arbeiten auch nach einem Vergabesystem. Bei der Zulassung zählt bei internationalen Studenten die Abiturnote. Eine bestimmte Anzahl an Personen erhält einen Platz, wer auf der Liste weiter unten steht, kann eventuell nachrücken. Unsere Quote der Nicht-EU-Studenten liegt bei 5 Prozent, die Plätze sind schnell erschöpft.

Was läuft noch nicht so gut?
Die Finanzierung. In unseren Programmen muss man mit dem Nachweis, dass man einen Geflüchteten-Status besitzt, nichts bezahlen, dann greift die Härtefallregelung. Das ist zwar ein Vorteil, gleichzeitig hat man so aber auch nur einen Gasthörerstatus, ist kein eingeschriebener Student. Das hat viele Verwaltungsvorgänge losgetreten, war für uns ein echter Kraftakt.

Was ändert sich, wenn ein Geflüchteter eine Hochschulzulassung erhält, offiziell also ein eingeschriebener Student ist?
Sie gelten dann als internationale Studenten, erhalten keine Zuschüsse mehr. Natürlich gibt es einen Anspruch auf BAföG, das Formular ist aber komplex, das Geld zur Hälfte ein Darlehen. Auch die Stipendienlandschaft ist in Deutschland nicht so ausgeprägt wie in Amerika oder Großbritannien. Die Konkurrenz ist hier deshalb umso größer, auch mit deutschen Studenten. Ich möchte nicht, dass ein internationaler Student nebenbei zwingend arbeiten muss. Ich rate also jedem, sich mit ausreichend Vorlauf auf ein Stipendium zu bewerben, die Finanzierung nicht erst mit der Zulassung im Briefkasten zu klären.

Es sind ja auch viele Flüchtlinge im Landkreis untergebracht, wie erreichen sie die Universität und wer zahlt die Fahrtkosten?
Die Flüchtlinge, die am Intensivkursus teilnehmen, bekommen die Fahrtkosten von der Universität erstattet. Für die anderen konnten wir bislang noch keine Lösung finden, zeitweise konnten wir das mit Spenden decken. Wir haben Flüchtlinge in unserem Programm, die unter anderem in Seevetal, Jesteburg, Geesthacht, Wietze, Uelzen oder Neetze untergebracht sind. Sie kommen in der Regel mit Bussen, was auch dazu führt, dass wir keine Info-Veranstaltungen mehr nach 18 Uhr legen können. Denn dann kommen sie nicht mehr nach Hause. Hier sind wir dringend auf Hilfe angewiesen.

Von Anna Paarmann

Flüchtlinge an der Leuphana

Am Brückenstudium nehmen zurzeit 33 Flüchtlinge teil, gefragt sind vor allem Module im BWL-Sektor, auch Natur- und Politikwissenschaften treffen auf großes Interesse. Die Angebote der Open Lecture Hall nutzen 30 Personen, acht kommen nicht aus der Stadt, sondern aus dem Umland. Im Sommersemester hatten 49 Geflüchtete am Gasthörerprogramm der Leuphana teilgenommen. Seminare wie „Softwaretechnik“, „3D-Druck“, „Computer als Medium“ und „Ingenieurmethoden und Prozesse“ stehen besonders häufig auf ihrem Stundenplan. Das Durchschnittsalter der Geflüchteten, die Angebote der Open Lecture Hall nutzen, liegt bei 27 Jahren.