Aktuell
Home | Lokales | Luhmühlen strahlt: von der maroden Anlage zum Leuchtturm
Zum dritten Mal findet Anfang August das Festival A Summers Tale in der Westergellerser Heide statt. Foto: t&w

Luhmühlen strahlt: von der maroden Anlage zum Leuchtturm

Luhmühlen/Westergellersen. Kaum ein Ort hat in der Vielseitigkeitsreiterei einen so klangvollen Namen wie Luhmühlen. Ob Deutsche, Europa- oder Weltmeisterschaften: Seit rund 60 Jahren steht der kleine Heideort mit dem Turniergelände in der angrenzenden Westergellerser Heide für Spitzensport der Extraklasse und das weltweit.

Auch abseits des Pferdesports hat sich die Marke Luhmühlen in den vergangenen Jahren einen Namen erarbeitet. Ob Mittelalterfestival, Open-Air-Oper, „A Summers Tale“ oder die MudMasters: Als Veranstaltungsort wird Luhmühlen immer beliebter, über die nächsten Projekte wird bereits verhandelt. Im Gespräch sind ein weiteres Festival und der Bau eines Hotels.
Gern vergessen wird bei der Dynamik der Ereignisse, dass der Standort Luhmühlen noch vor knapp neun Jahre am Boden lag, das Märchen, das mit Kurt-Günther Jagau Mitte der 1950er-Jahre begann, ausgeträumt schien. Dies ist ein Geschichte über Glück, Mut zum Risiko und Fleiß. Aber auch darüber, dass Politik nicht nur Geld versenken, sondern mit Geld und Geschick auch viel bewegen kann.

Schlechte bis gar keine Infrastruktur

Mit Mühe und 11,5 Millionen Euro Steuergeld hat sich der Standort Luhmühlen 2010/2011 im Sattel gehalten. Heute spricht der Erfolg für sich. Foto: be

Im Sommer 2008 war die Infrastruktur für den Reitsportbetrieb in Luhmühlen entweder in schlechtem Zustand oder erst gar nicht vorhanden. Zwei der drei Hallen im Ausbildungszentrum Luhmühlen (AZL) mit den Landkreisen Lüneburg und Harburg sowie dem Pferdezucht- und Reitverein (PZRV) Luhmühlen als Gesellschaftern waren marode, auf dem Turniergelände fehlte es an Versorgungsleitungen, Strom- und Wasseranschlüsse gab es nicht. Zwar lag eine Studie vor, die Perspektiven für den Reiterstandort Luhmühlen aufzeigte, doch bezifferten die Autoren das Investitionsvolumen auf mindestens 60 Millionen Euro keine realistische Option. „Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, wo das Geld hätte herkommen sollen“, sagt Lüneburgs Erster Kreisrat Jürgen Krumböhmer rückblickend.

Damals waren die Kreise Lüneburg und Harburg bereit, noch einmal jeweils eine sechsstellige Summe in das AZL und das Turniergelände zu investieren. Voraussetzung war jedoch, dass sich auch der PZRV finanziell beteiligt. Doch die Verhandlungen gestalteten sich zäh, auch wäre das Grundproblem nicht gelöst worden. Ein Ausstieg der Kreise aus dem AZL und damit dessen Ende war nicht mehr ausgeschlossen.

Finanzkrise Rettung für Luhmühlen

Ausgerechnet die weltweite Finanzkrise war in dieser vertrakten Situation die Rettung für Luhmühlen. Über das Konjunkturpaket II stellten Bund und Land plötzlich Mittel bereit, um über Investitionen die deutsche Wirtschaft vor einer Rezession zu bewahren. Gefördert wurden Projekte, für die es bereits fertige Pläne gab. Auch in Luhmühlen sowie den Kreishäusern in Lüneburg und Winsen wurde in Schubladen gekramt und die besagte Studie hervorgeholt. 60 Millionen Euro waren zwar weiterhin utopisch, doch begannen die Verantwortlichen die hochtrabenden Pläne abzuspecken allen voran Harburgs damaliger Erster Kreisrat und heutiger Landrat, Rainer Rempe. Das Ergebnis: Rund 11,5 Millionen Euro würden in AZL-Anlagen (vier Millionen) und Turniergelände (7,5 Millionen) investiert werden müssen, wenn der Reiterstandort Luhmühlen noch eine Zukunft haben sollte. Eine Zukunft, die nicht nur auf Reiter zugeschnitten sein sollte, sondern auf möglichst viele Menschen in der Region.

Ab in den Matsch: Auch die Mud Masters finden 2017 wieder auf dem Turniergelände statt. Foto: t&w

Mit den Plänen in der Tasche ging eine Abordnung um Rempe auf Werbetour in Hannover. Erfolgreich: Drei Millionen Euro flossen aus der Sportstättenförderung nach Luhmühlen, mit 5,5 Millionen Euro förderte das Landwirtschaftsministerium die Pläne, und jeweils 1,5 Millionen schossen die Kreise zu. Im Nachgang rüffelte das Verwaltungsgericht Lüneburg zwar das Innenministerium dafür, dass es bei der Vergabe der Sportstätten-Mittel gegen eigene Richtlinien verstoßen habe, doch da war das Geld schon ausgegeben.

Hauptamtlicher Geschäftsführer als Koordinator

Angesichts des Investitionsvolumens war den Kreisen klar, dass es nur einen hauptamtlichen Geschäftsführer gelingen würde, die Arbeiten zu koordinieren sowie AZL und Turniergelände auf ein wirtschaftlich solides Fundament zu stellen. Zumal der Zeitplan eng gestrickt war: Nach dem Start im Juni 2010 mussten die Arbeiten auf dem Turniergelände bis Juni 2010 abgeschlossen sein. Dann stand die traditionelle Vier-Sterne-Prüfung auf dem Programm als Probelauf für die Europameisterschaft wenige Wochen später.
Und wieder hatten die Verantwortlichen Glück. Mit dem promovierten Landwirt Dr. Roland Wörner verpflichteten die Kreise einen Mann, der es schaffte den Überblick über 23 Baustellen und die Arbeit von fünf Fachplanern zu behalten und der zudem über gute Beziehungen in der Reiterszene verfügt, weiß, wie seine „Klientel“ tickt. „Ohne diesen Geschäftsführer hätten wir heute nicht dieses Ergebnis“, urteilt Krumböhmer.

Bereits zum vierten Mal gastiert das Mittelalter-Kultur-Festival Spectaculum in der Westergellerser Heide. Foto: t&w

Zu Wörners Auftrag zählt auch heute noch, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Viele Millionen Euro Steuergeld waren schon in den Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende in den Standort Luhmühlen geflossen. Nur hatte niemand nachhaltig dafür Sorge getragen, die damti finanzierten Anlagen instand zu erhalten. Letztlich mussten Ende 2009 zwei von drei mit Steuergeld finanzierte Hallen abgerissen werden. „Das soll nicht noch einmal passieren“, sagt Krumböhmer. Ziel sei von Anfang an gewesen, dass sich das AZL von selbst trägt, die Kreise mittel- und langfristig kein Geld zuschießen müssen.

Schwarze Zahlen seit 2013

Ein Etappenziel hat Wörner bereits erreicht. „Seit 2013 schreiben wir schwarze Zahlen“, sagt der Geschäftsführer. Auch ist es ihm gelungen Luhmühlen als Marke im Reitsport breiter aufzustellen. Regelmäßig nutzen inzwischen Western- und andere Reiter die Anlagen des AZL für Veranstaltungen. Die Boxen der Anlage sind ausgebucht, der Terminkalender ist prall gefüllt.
Zudem gelingt es immer besser das Turniergelände zu vermarkten. Bereits zum vierten Mal gastiert in diesem Jahr zu Ostern das Mittelalterfestival in der Westergellersen Heide, Anfang August ist die dritte Auflage für „A Summers Tale“ geplant und im September kehren auch die Mud Masters nach der Premiere im vergangenen Jahr zurück. Schon heute sind am AZL bei einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro 20 Voll- und Teilzeitkräfte einschließlich zwei Auszubildenden beschäftigt.

Und weitere Verhandlungen laufen: Zuversichtlich ist Lüneburgs Erster Kreisrat, dass es gelingt ein Fantasy-Festival in die Westergellersen Heide zu holen. „Ein Angebot für Fans von Harry Potter und ,Der Herr der Ringe“, sagt Krumböhmer. Gleichzeitig führt Wörner erste konkrete Gespräche mit einem Investor, der ein Hotel bauen möchte. „22 Zimmer mit Restaurant. Nicht in Luhmühlen, sondern am Turniergelände in unmittelbarer Nähe des Wohnmobilstellplatzes“, verrät der AZL-Geschäftsführer. Und dann wäre da noch ein Interessent, der eine Pferdeklinik mit Schwerpunkt Zahngesundheit in Luhmühlen aufbauen möchte. Und nicht zuletzt sollen 2019 die Europameisterschaften der Vielseitigkeitsreiter wieder in der Heide stattfinden. Bislang ist Luhmühlen der einzige Bewerber. Die Zukunft kann also kommen.

Von Malte Lühr