Donnerstag , 5. Dezember 2019
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Von dem Gebäudeensemble in der Oberen Ohlingerstraße sind nur noch Fragmente der Vorderfront stehen geblieben. Foto: us

In der Altstadt klafft eine Lücke

Lüneburg. Auffallende Schönheit ging von dem kleinen Gebäudeensemble an der Oberen Ohlingerstraße wohl nie aus, von seiner schmucklosen und zuletzt kaputtrenovierten Rückseite schon gar nicht. Doch die jetzt abgetragenen Häuser mit den Nummern 26 und 27 waren als Gruppe baulicher Anlagen innerhalb der Lüneburger Altstadt als Baudenkmale eingestuft. Jetzt sind nur noch Fragmente der früheren Fassade übrig. Nach altem Vorbild soll es aber wieder aufgebaut werden jedenfalls ansatzweise.

„Die Gebäude werden in den gleichen Abmessungen wieder aufgebaut, die gesamte Kubatur verändert sich nicht“, erklärt Prof. Dr. Georg Klaus, der das Projekt für den in Salzhausen lebenden Bauherrn als Architekt begleitet. Der hatte die Gebäude vor wenigen Jahren gekauft und bei der Stadt einen Antrag auf Sanierung, Modernisierung und Umbau gestellt, dem stattgegeben wurde. Ein Nachbau wie beim Lösecke-Haus sei nicht geplant, gleichwohl sei „durch die akribische Dokumentation des Bestandes eine Rekonstruktion möglich“, wie die Stadt erklärte eine Forderung der Unteren Denkmalschutzbehörde, die den Wiederaufbau begleitet.

Massive Schäden durch holzzerstörende Organismen

Dass die Behörde dem ursprünglich nicht geplanten Abtragen der Gebäude letztlich doch zugestimmt hat, begründet sie mit der nicht mehr ausreichenden Standsicherheit des als Fachwerkbau errichteten Ensembles aus dem 18. Jahrhundert. Ein Holzschutzgutachten habe zwischenzeitlich eine starke Schädigung der Bausubstanz ergeben, außerdem seien zurückliegende Umbaumaßnahmen nicht fachgerecht ausgeführt worden. „Es gab massive Schäden an Holzbauteilen durch tierische Schädlinge und Pilze. Teilweise waren Hölzer wohl auch im Zuge von Umbauten entfernt worden“, erläutert die Stadt. Wie der Bauherr selbst sei auch die Stadt ursprünglich davon ausgegangen, dass die Gebäude im Bestand hätten modernisiert werden können, „so sahen es Bauantrag und Baugenehmigung vor“. Doch der desolate Zustand sei augenscheinlich nicht wahrnehmbar gewesen, „der Zerstörungsgrad wurde erst nach erfolgter Freilegung offenkundig“.

„Das, was zu retten ist, retten wir“, sagt Architekt Klaus, der Architekturbüros in Hamburg und Hannover betreibt, in Lüneburg wohnt und sich selbst als „erfahren“ in Sachen Denkmalschutz bezeichnet. „Wir machen so etwas nicht gern, aber wir machen es auch nicht ohne Not.“ Gemeinsam mit dem Bauherrn habe man hin und her überlegt, „kriegen wir das im Bestand wieder so hin?“. Letztlich sei aber aufgrund des starken Schadensbildes die Entscheidung für Abtrag und Wiederaufbau gefallen, „alles in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde“. Die Sensibilität vieler Lüneburger beim Erhalt von Altbauten könne er nachvollziehen, „aber wir hatten keine Chance“.

ALA überrascht von dem Abriss

Die noch intakte Substanz Teile des Fachwerks und Ziegel wurde geborgen und für die Wiederverwendung zwischengelagert. Laut Stadt wird das äußere Erscheinungsbild „nahezu identisch mit den Bestandsgebäuden sein“, Farbgebung von Fachwerkhölzern, Ziegeln, Fenstern und Türen werde mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt.
Änderungen werden sich aber im Inneren der Gebäude ergeben. Dort sind zwei jeweils rund 100 Quadratmeter große Wohnungen geplant, bislang waren dort fünf Wohneinheiten untergebracht. „Bei vorangegangenen Sanierungen war das Objekt regelrecht zerhackt worden“, beschreibt Klaus den bisherigen Zustand. Jetzt gehe man wieder „einen Schritt zurück“ und orientiere sich an der früheren Nutzung und Aufteilung der Gebäude.

Überrascht vom Abriss des Ensembles zeigt sich der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA), der seit Jahren für den Erhalt historischer Gebäude kämpft. „Das ist leider an uns vorbeigegangen und auch an den Ausschüssen, in denen wir vertreten sind“, wundert sich ALA-Vorsitzender Christian Burgdorff. Wenn Objekte abgerissen werden, entspreche das nicht der Linie des Vereins: „Kein einziges Haus ist überflüssig.“ Burgdorff beklagt auch, dass es immer wieder zum Verfall von Gebäuden komme, hier seien die Eigentümer, in diesem Fall der Vorbesitzer gefordert: „Eigentum verpflichtet.“

Von Ulf Stüwe

Kontrolle nur schwer möglich

Am Erhalt der historischen Bausubstanz ist auch die Stadt interessiert. Doch die Möglichkeiten der Einflussnahme seien begrenzt. „Wenn uns Schäden an denkmalgeschützten Gebäuden oder Verstöße gegen den Denkmalschutz ersichtlich sind, gehen wir dem nach“, sagt Pressesprecherin Suzanne Moenck. Ein Zutrittsrecht in privat genutzte Gebäude habe die Stadt aber lediglich, wenn Gefahr für Leib und Leben oder der hinreichende Verdacht bestehe, dass baupolizeilich nicht alles in Ordnung sei.

„Wir dürfen also denkmalgeschützte Gebäude ohne begründeten Anfangsverdacht nicht regelmäßig von innen kontrollieren. Abgesehen davon sind versteckte oder sich ausbreitende Schäden im Gebälk nicht immer ersichtlich, wenn dieses zum Beispiel verkleidet ist.“ Bei denkmalrechtlichen Verfehlungen oder dem Verdacht auf solche leite die Stadt gegebenenfalls ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein.