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Zwei Hektar Erlenwald, zwei Hektar Brachland und ein 500 Quadratmeter großer Teich: „Das ist mein Paradies“, sagt Susanne Ihden. Doch Jäger gehen nicht nur in dem benachbarten Hochsitz auf die Pirsch, sondern auch auf ihrem Gelände. Dagegen wehrt sie sich nun vor Gericht. Foto: t&w

Töten? Nicht in meinem Wald!

Bleckede. Vor 13 Jahren kaufte sich Susanne Ihden ein Stück Land. Die Besitzerin eines Reisebüros wollte sich ein Refugium schaffen, um runterzukommen und glaubte, in den vier Hektar am Ufer der Neetze ihr Paradies gefunden zu haben. Doch dann musste sie feststellten, dass das deutsche Recht Jägern auch in ihrem Paradies das Töten von Tieren erlaubt. Für die überzeugte Vegetarierin ein Schock. Und gleichzeitig der Ausgangspunkt für einen Kampf, der am Montag um 11.15 Uhr seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht: vor der fünften Kammer des Verwaltungsgerichtes Lüneburg.

„Ich will nicht, dass auf meinem Land arglose Tiere geschossen werden“, sagt die 61 Jahre alte Bleckederin, „dass es trotzdem passiert, quält mich seit Jahren.“ Sie möchte ihr Land deswegen zur jagdfreien Zone erklären lassen. Und beruft sich dabei auf § 6 a des Bundesjagdgesetzes „Befriedung von Grundflächen aus ethischen Gründen“ – einen Paragrafen, den es erst seit Dezember 2013 gibt. Erlassen wurde er, nachdem die Große Kammer des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als allerhöchste Instanz Ende Juni 2012 entschied: Jagd auf eigenem Land dulden zu müssen sei für Jagdgegner eine „unverhältnismäßige“ Belastung und verletze den Schutz des Eigentums.

„Ich möchte nur Frieden in meinem Paradies.“
Susanne Ihden Flächeneigentümerin

„Dann war mir plötzlich klar: Ich muss kämpfen.“

Doch so einfach, wie es sich anhört, ist das mit der „Befriedung aus ethischen Gründen“ nicht. Zunächst einmal ist nach deutschem Recht jeder Besitzer kleiner Wald- und Flurstücke (bis 75 Hektar) Zwangsmitglied in einer Jagdgenossenschaft. Und das heißt: Die Fläche kann auch bejagt werden. Zustimmen muss die zuständige Jagdbehörde einem Antrag auf Befriedung nach § 6 a Bundesjagdgesetz nur, wenn ein „Ruhen der Jagd“ nicht eine Reihe anderer Belange (von Tierseuchen- bis Wildschädenschutz) gefährdet. Und genau das wird für viele Jagdgegner zum Problem.
Susanne Ihden beantragte die Befriedung ihrer Fläche aus ethischen Gründen Anfang 2015. Damals lebte sie mit der Zwangsjagd seit mehr als zehn Jahren, musste ertragen, „dass von dem Hochsitz am Grundstücksrand auch Tiere auf meinem Land geschossen wurden“. Als ihr Ende 2013 das neue Gesetz die Chance gab, sich dagegen zu wehren, musste sie dennoch überlegen. Auch wegen der Kosten. Ihr Reisebüro hatte sie inzwischen verkauft, sich als Strickdesignerin selbstständig gemacht, war aus Thomasburg nach Bleckede gezogen, „ich hatte weder Geld für den Antrag noch den Anwalt übrig“, sagt sie. Ein Jahr lang rang sie mit sich. „Dann war mir plötzlich klar: Ich muss kämpfen.“

Susanne Ihden holte sich mit Rechtsanwalt Dominik Storr den Experten auf dem Gebiet an ihre Seite, der Antrag an den Landkreis Lüneburg als zuständige Jagdbehörde ging im Januar raus. Drei Monate später kam die Antwort: „Antrag abgelehnt.“ Dieses Mal musste die Bleckederin nur eine Nacht darüber schlafen, um zu wissen: Sie wird dagegen klagen.
Zur Ablehnung des Antrags führten nach Auskunft von Kreissprecher Hannes Wönig im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens: Mit einem Verbot der Jagd würde die Gefahr von Wildschäden für Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft zunehmen. Und zweitens: Eine Konzentration des Wildes in der jagdfreien Zone würde die öffentliche Sicherheit gefährden. Genauer: „Das Risiko wäre groß, dass die Zahl der Wildunfälle auf der angrenzenden Kreisstraße weiter steigt“, sagt Wönig. Argumente, die Susanne Ihden und ihr Anwalt nicht gelten lassen wollen – und über die am Montag das Gericht entscheiden muss.

Kampf gegen Zwangsjagd kostspielig

Drei Jahre nach der Gesetzesänderung steigt die Zahl der jagdfreien Zonen, auch in Niedersachsen gab es bereits Dutzende Anträge, die Mehrheit von ihnen wurde allerdings abgelehnt. Dafür hat Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) inzwischen die Gebühren für die Verfahren und die zu erfüllenden Auflagen deutlich abgesenkt. Ihm sei es wichtig, „dass die Eigentümer die Möglichkeit zur Befriedung mit einem angemessenen Aufwand nutzen können“, erklärt sein Sprecher.

Susanne Ihden hat ihr Kampf gegen die Zwangsjagd bereits mehr als 5000 Euro gekostet. Geld, das sie eigentlich nicht hat. Die 61-Jährige hat es trotzdem irgendwie aufgetrieben. Nicht um ein grundsätzliches Zeichen zu setzen. „Ich möchte nur Frieden in meinem Paradies“, sagt sie. „Für mich und für die Tiere.“

von Anna Sprockhoff

22 Kommentare

  1. Christian Oerke

    Wenn sie dann das totgefahrene Wild nachts um 2 Uhr von der Strasse räumt und unbedenklich entsorgt.Und sich an den Wildschäden auf den angrenzenden Flächen beteiligt,spricht ja eigentlich nichts dagegen.Aber das sollte jedem klar sein,das Eigentum auch verpflichtet.

    • Christian Oerke
      welch ein lustiges argument und so völlig daneben. nach ihrer these muss jeder hauseigentümer so handeln, schließlich ist meistens ein garten vorhanden und so manches wildschwein hat ihn schon umgegraben. ich finde, das rumballern innerhalb einer ortschaft fehlt uns immer noch. so manche katze und so mancher hund weiß dann endlich , was die stunde geschlagen hat. schmunzel. wildschäden haben ihren grund. und da sind jäger nicht ganz unschuldig. pacht muss sich doch lohnen, oder? tja,eigentum verpflichtet, auch gemietetes. deswegen muss der pächter einer jagd auch tote tiere von der strasse holen. was hat frau iden damit zu tun? sie hat keine jagd gepachtet.

      • „welch ein lustiges argument und so völlig daneben“

        ist wohl eher der Vergleich eines Vorgartens mit einem Wald.

        Ich bin kein Jäger und ich habe kein Bedürfnis weder auf Menschen noch auf Tiere zu schießen. Aber wer von uns hat denn hier sein Häuschen mit Vorgarten, kauft nicht regional sondern immer schön billig und trägt auch im Übrigen aktiv durch unreflektiertes Verhalten an der Flächenvernichtung bei, so dass ein Reh als Schädling gilt… Wir bringen alle schön unsere Kinder mit dem Auto zur Schule und wollen nicht wahrhaben, dass fast ein Viertel des giftigen CO2-Ausstoßes von den Verbrennungsmotoren herrührt. Traurig aber wahr: Je weniger Ahnung Mensch hat, desto größer seine Chance, als Sieger aus einem Diskurs herauszugehen…

    • Marina Karlsson

      Wenn die ganzen irren Raser ihre Geschwindigkeit, mit der sie nachts durch die Waldstuecke brettern, mal ne Runde runterscharuben und ihre Glotzerchen vom Handy auf die Strasse richten wuerden, haetten sich die Wildunfaelle schon minimiert. Und wenn dann die Bekloppten, die nach Wildunfaellen das Wild in den Graben shcmettern und die Flitze achen, weil sie ansonsten die Alkoholkontrolle nicht durchstehen wuerden, ohne den Lappen zu verlieren, vom Steuer wegblieben, wierden auch nicht so viele tote Tiere auf der Strasse rumliegen.

      • Ich wünsche Ihnen nicht einen Wildunfall zu erleben. Es ist fast unmöglich bei Dunkelheit einen Reh, das aus dem Gebüsch springt auszuweichen. Die Geschwindigkeit hat bei dieser kurzen Reaktionszeit keinen Einfluss auf den Ausgang des Unfalls. Ich habe als Landbewohner schon viele Wildunfälle erleben müssen und viele habe ich auch mit Tempo 50 nicht verhindern können, da es einfach zu schnell geht. In meiner Jugend sind einige Bekannte durch Wildunfälle um Leben gekommen, da die Autos noch nicht so sicher waren wie heute. Überhöhte Geschwindigkeit war bei den meisten tödlichen Unfällen nicht die Ursache. Für Angehörige der Unfallopfer lesen sich die Kommentare wie Hohn.

        • Lieber Herr Deere,

          statistisch gesehen kommt es gerade in Ihrer Straße täglich bis zu siebzehn Wildunfällen. Das ist furchtbar ungerecht bei einem Mann, der so ziemlich alles, was in der LZ berichtet wird, persönlich schon einmal hat erleben, durchleiden oder anschauen müssen. Sie waren Hauptmann einer Bande muselmanischer Apfeldiebe, wurden auf saudischen Ölplattformen geknechtet, sind durchs wilde Kurdistan geritten und haben in der Walachei mit ganzen Wolfsrudeln gerungen — und haben nun die Schwierigkeit, bei Dunkelheit einem Reh auszuweichen, das aus dem Gebüsch springt, weil eine 61 Jahre alte Bleckederin es gerichtlich durchgesetzt hat, zwei Hektar Erlenwald, zwei Hektar Brachland und einen 500 Quadratmeter großen Teich zur jagdfreien, befriedeten Zone erklärt zu bekommen. Sie armer gebeutelter Held! Wie haben Sie es heute Vormittag nur geschafft, sich unfallfrei zu Ihrer Computertastatur durchzuschlagen. Für das Verfassen Ihrer Antwort rufe ich Ihnen zu: Hals und Beinbruch! Petry heil! Und toi, toi, toi!

  2. Anna Sprockhoff schnuppert gerne Landluft.

  3. Das Beispiel Genf beweist,

    dass es – auch in der dicht besiedelten Kulturlandschaft – ohne Jäger geht, ja, dass es Natur und Tieren sogar viel besser geht.Prinzessin von Hohenzollern setzt sich für ein Verbot der Jagd ein. Bis zu fünf Millionen Tiere werden jedes Jahr alleine in Deutschland von Jägern getötet.

  4. Das Jagdverbot in Genf war eine Sensation und erregte auch weit über den Kanton hinaus große Aufmerksamkeit. Für die Jagdwelt war es ein Schock – und ist es bis heute. Denn das Beispiel Genf beweist, dass es – auch in der dicht besiedelten Kulturlandschaft – ohne Jäger geht, ja, dass es Natur und Tieren sogar viel besser geht und dass auch die Menschen davon profitieren.

  5. Ja von der Straße räumen muss sein, das sehe ich auch so. Unbedenklich entsorgen machte die Natur fast überall auf der Welt ohne Hilfe. Eine Verbißpauschale kann ich mir auch vorstellen. Aber ansonsten sollte doch jeder Waldbesitzer entscheiden dürfen ob auf seinem Land Tiere getötet werden oder nicht. Wenn auf den angrenzenden Wald gejagt werden darf wage ich sehr zu bezweifeln das Wildunfälle steigen weil auf einem Stück nicht gejagt werden darf. Aber sicherlich wiissen alle Beteiligten das selbst bloß zugeben wollen es halt nicht alle. Ich wünsche Frau Ihden viel Glück.

  6. So viele Jagdscheine wie noch nie

    wohl auch ein grund, warum in der lz hauptsächlich jägermeinung zu diesem thema erscheint. die lobby ,töten als lieblingsbeschäftigung wächst leider eben auch in deutschland.

  7. Super Einstellung & hoffentlich bald viel Erfolg bei der Befriedung des eigenen Grundstücks !

  8. frau ihden wird demnächst vom töten nicht mehr soviel mitbekommen. das jagdrecht soll verändert werden. da immer mehr sich einen jagdschein anschaffen, übrigens nicht selten, weil diese menschen vor der zukunft angst haben und sich somit ,mit einer erlaubten waffe, sicherer glauben, wird mehr geschossen werden. da die mehrheit bei uns aber gegen die jägerei eingestellt ist und man in den kreisen der jäger einen shitstorm befürchtet und befürchten muss ,nicht nur die tiere bekommen immer mehr angst, sondern auch der mensch ,soll wieder der schalldämpfer beim jagen erlaubt werden. zielfernrohr und schalldämpfer, erinnert mich an was. scharfschützen gehen so auch ganz waidmännisch auf die jagd. wie stand in der lz: das gejagte fleisch ist das ehrlichste?

  9. Klaus Bruns, wenn Sie die Tatsachen nicht so verdrehen würden, im Bezug auf Genf, dann würde man Sie teilweise auch evtl. ernst nehmen können.
    Das Jagdverbot im Kanton Genf ist genau genommen kein Jagdverbot, sondern das Verbot der Milizjagd, also der Jagd durch private Jäger. Sie wird ersetzt durch die sogenannte Verwaltungsjagd, bei der die jagdlichen Aufgaben von kantonal angestellten Jägern, den Wildhütern, besorgt werden.

    Wenn man die „Selbstregulierung“ immer anführt, dann sollte man auch mal die überwiegenden negativbeispiele herbeiführen.
    In Holland werden jährlich 100tsd. von Gänsen VERGAST da man ihnen nicht Herr wird.
    Nur eines von vielen Beispielen.

    Aber der Grundlegende Hass einiger gegen die Jagd und der damit verbundene Verlust der objektivität lässt tief blicken.
    Während Sie mit den Autos durch die gegen Fahren, damit Insekten töten (haben ja keine so süssen Augen oder 6 Beine), sich Häuser bauen und Ameisen platt machen, dann ist das alles uninteressant.

    Und während die Dame schön für ein Foto posiert, Ihr Hund frei rumläuft auf Ihrem Grundstück, denkt Sie sicherlich auch daran das Sie damit Wildtiere aufscheucht, die dadurch ein höhreren Energiebedarf haben da sie flüchten müssen.

    Das immer mehr Menschen einen Jagdschein haben sehe ich selber als kritisch, denn für viele ist es eben nur noch „Status und Modern“ aber leben tut den wirklichen Naturschutz in Form der Jagd leider eben nicht jeder so wie es eigentlich geboten wäre.

    • Lünejäger
      wenn Sie die Tatsachen nicht so verdrehen würden, im Bezug auf Genf, dann würde man Sie teilweise auch evtl. ernst nehmen können.
      ich verdrehe nichts. habe schon öfters darauf hingewiesen, dass ich nichts von den amateure-jägern halte. die in genf angestellten sind staatlich. also profis. eben nicht auf profit aus, sondern verstehen auch was von hegen und pflegen. ich selbst halte nichts von der jagd aus gutem grund. niemand muss sich hier sein essen mehr schießen und wenn die raubtiere bei uns wieder heimisch werden, sehe ich auch bei gänsen keine probleme. das töten sollte man der natur überlassen. sie kann das besser und nachhaltiger. die jagd hat bis jetzt jeglichen beweis seiner nützlichkeit missen lassen. außer für köche. schmunzel. wildschweine fühlen sich in berlin immer noch sehr wohl. ob es die nachkommen von görings bestellungen sind?

  10. ich gratuliere. die verwaltung wird sich gewaltig überlegen, ob sie das urteil anfechten wird. es gibt leider überall menschen mit einem ,,jagdschein,,. da sind die, die als geheilt entlassen wurden, meistens die harmloseren. obwohl,die rückfallquote ist nicht ganz ohne.

    • @Klaus Bruns

      Ja,davon habe ich auch gehört.Es sollen vor allem vielfach Rentner aus Reppenstedt und Umgebung überdurchschnittlich oft betroffen sein. Das bemerkt man dann häufig an sinnfreien Kommentaren in der LZ und in Blogs.*schmunzel*

  11. Ich verstehe die Frau ja und habe durchaus Sympathie für ihre Haltung. Sie ist Vegetarierin, vermutlich aus ethischen Gründen, und möchte das Recht besitzen, wenigstens auf ihrem eigenen Grund und Boden ihre ethischen Standards durchsetzen. Doch dem stehen öffentliche Interessen gegenüber, die in diesem Fall zur Ablehnung des Antrags geführt haben. Das muss man sich als Waldbesitzer schon gefallen lassen.

    • Cornelia
      welche zeitung lesen sie? oder haben wir schon den 1.april?
      Susanne Ihden lehnt die Jagd auf ihrem Land aus ethischen Gründen ab. Um das zu erreichen, zog sie vor das Lüneburger Verwaltungsgericht – mit Erfolg. Gestern entschied die fünfte Kammer, dass der Landkreis ihr Grundstück zur jagdfreien Zone erklären muss. Die Argumente gegen eine Befriedung der Fläche konnten das Gericht nicht überzeugen

      • Dann darf man Frau Ihden wohl gratulieren. Vielleicht würde die nächste Kammer jedoch ganz anders entscheiden. Ich kann die Argumente der Jagdbehörde jedenfalls gut nachvollziehen, habe aber gleichermaßen Respekt für die persönliche Haltung Frau Ihdens.

        • Hallo Cornelia
          Vielleicht würde die nächste Kammer jedoch ganz anders entscheiden.

          die gefahr sehe ich auch. sie ist sogar sehr groß. der jägerverband wird alles tun, damit ihm die pfründe( felle) nicht wegschwimmen. es ist doch erstaunlich, bei uns ist es privatleuten erlaubt, von staatswegen, fremdes eigentum mit einer waffe zu betreten. es genügt ein jagdschein und eine pacht hilft dabei um dann schießen zu dürfen. man stelle sich vor ,auf eigenem grundstück wird man erschossen und das in friedenszeiten, auch wenn es ausversehen wäre. tot ist tot. wie dann wohl die ausreden aussehen werden?