Aktuell
Home | Lokales | Heidschnucken haben Müttersorgen — Lammzeit in der Lüneburger Heide
Schafhirte Clemens Lippschus vom Naturschutzpark Lüneburger Heide mit einem zwei Tage alten Lamm. Momentan lebt es mit seiner Mutter in einer "Lammbox", einem kleinen Gehege für zwei. Aber vielleicht schon heute kommt es in den "Kindergarten". Foto: t&w

Heidschnucken haben Müttersorgen — Lammzeit in der Lüneburger Heide

Bispingen/Niederhaverbeck. Es ist wieder Lammzeit bei den Heidschnucken in Niederhaverbeck. Und für Schaf wie Schäfer bedeutet Lammzeit: Stresszeit. „Letzte Nacht war gut, ich hatte fünf Stunden Schlaf,“ berichtet Clemens Lippschus, Schafhüter bei der Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide. Das ist nicht immer so. Denn wenn die für die Heide typischen schwarzen Schafe Babys bekommen, muss Lippschus auch mal die ganze Nacht arbeiten.

„Ich leiste Geburtshilfe, betreue die Lämmer, füttere im Notfall mit der Flasche zu“ erklärt der 26-Jährige. Teilweise kommt er erst um halb vier Uhr morgens aus dem Stall – und wenige Stunden später geht es gleich schon weiter. „Es ist schon viel zu tun.“ Er steht vor dem Stall, in seinen Händen hält er ein kleines, schwarzes Lamm. „Das ist vorgestern auf die Welt gekommen“ erzählt Lippschus. Etwa 35 Lämmer sind in diesem Jahr schon geboren worden, doch steckt die Lammzeit erst in den Startlöchern: „Wir erwarten bis Ende März noch 400 weitere Lämmer“, erklärt der Schäfer. Und die wollen auch gehütet werden.

Nachwuchs in Niederhaverbeck

Aber nicht nur für die Schäfer ist dieser Jahresanfang anstrengend. Auch die frisch gebackenen Heidschnucken-Mütter haben alle Klauen voll zu tun: Auf die körperlich belastende Tragzeit folgt eine nicht immer einfache Geburt. Und sind die schnuckeligen Lämmer einmal auf der Welt, haben sie Hunger – nach Milch, und nach mütterlicher Zuwendung. „Die ersten Tage kommen Mutter und Lamm in eine „Lammbox““, sagt Lippschus. So nennen Schäfer die kleinen Gehege im Stall, genug Platz für eine große und eine kleine Schnucke. „So soll eine Mutter-Kind-Bindung entstehen.“

Bald geht es in den Kindergarten

Dass das funktioniert, beweisen die Schafe selbst: Nach kurzer Zeit blökt das Lamm in Lippschus‘ Armen ganz jämmerlich. Kurz darauf folgt ein nicht minder trauriges „Määh“ aus den Tiefen des Stalles. Es rufe nach seiner Mutter, sagt Lippschus, und die besorgte Mutter rufe das Lamm. Schnell wird die kleine Schnuckenfamilie wieder vereint. Eifrig beschnuppert das Mutterschaf ihr Kind, um festzustellen, dass Lippschus ihr schon das richtige Lamm in die Box gelegt hat. Und dankbar nuckelt das kleine, schwarze Tier am mütterlichen Euter.
Die nächste Station im jungen Lamm-Leben mutet durchaus menschlich an: „Nach wenigen Tagen geht’s für die Tiere in den Kindergarten,“ so der Schäfer. Der „Kindergarten“ ist ein etwas größeres Gehege im Schafstall, dort werden mehrere Mutterschafe mit ihren Lämmern gehalten. Das erinnert eher an eine Mutter-Kind-Gruppe und dient der späteren Eingliederung in die Herde.

Doch so süß und flauschig der kleine, schwarze Lammbock auch wirkt, sein Schicksal ist besiegelt. „Er wird Weihnachten vermutlich nicht überleben,“ sagt der Schäfer. Denn Heidschnucken sind vor allem eins: Nutztiere. Und die meisten Schafe der Herde werden geschlachtet.

Heidschnuckenfleisch ist gesund

„Heidschnuckenfleisch erinnert an Wildbret und hat einen geringen Fettgehalt“, erklärt Barbara Guckes, Vorarbeiterin in der Schnuckenhaltung. „Daher ist deren Fleisch sehr gesund.“ Die promovierte Philosophin kehrte vor einigen Jahren der akademischen Welt den Rücken zu, fing als Schäferin ein neues Leben an. Seit Anfang des Jahres arbeitet sie im Naturschutzpark Lüneburger Heide.

Immerhin – ein paar Wege dem Schlachtbeil zu entfliehen, gibt es für die Schnucken doch. Einer ist, weiblich zu sein. Denn weibliche Schnucken können Zuchtschafe werden – und somit für den Fortbestand der Art sorgen. Doch nachhaltig ist dieser Weg nicht unbedingt – spätestens nach wenigen Jahren werden auch Mutterschnucken zu Fleischspezialitäten verarbeitet.
Glück haben vor allem die Schafe, die das Herz ihres Schäfers brechen konnten. Denn solche Lieblingsschafe geben die Hirten nur ungerne her, gesteht Guckes – sie können vielleicht sogar auf einen natürlichen Tod hoffen.

von Robin Williamson

Stress auch für Schäfer Erb
In Bleckede hält Stefan Erb 1200 Mutterschafe. 500 Lämmer kamen schon in diesem Monat auf die Welt – 1000 erwartet der Hirte noch bis Ende Februar. Doch das ist nur der Anfang: Auf Erbs Hof gibt es insgesamt drei Lammzeiten, die zweite findet im März statt, die dritte im April.

20 Lämmer müssten bisher mit der Flasche gesäugt werden – das liege an den vielen Drillingsgeburten, sagt Erb. Denn ein Mutterschaf hat nur zwei Zitzen, ein drittes Lamm habe da das Nachsehen. Wieder bemerkbar mache sich in diesem Jahr das „Schmallenberg-Virus“, das zu starken Missbildungen bei den Schafen führe. Allerdings sei dies nur ein „kleiner Wermutstropfen“ – und nicht vergleichbar mit dem großen Ausbruch vor wenigen Jahren. row