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Bürgermeisterin Silke Rogge moderierte die Einwohnerfragestunde der Gemeinderatssitzung, die zur umfassenden Bürgerversammlung geriet. Foto: t&w

Vögelsen: Welle der Ablehnung gegen Coca Cola

Vögelsen. Die Stimmung war angespannt bis gereizt unter den rund 200 Zuhörern im Saal des Vögelser Gemeindehauses. Die Vertreter von „Coca Cola Erfrischungsgetränke“ warben am Donnerstagabend während einer Sitzung des Gemeinderates für ihr Projekt, in der Kommune einen weiteren Förderbrunnen für die Getränkeherstellung der „Vio“-Abfüll-Linien einzurichten. Bis zu 350000 Kubikmeter „ursprünglich reinen“ Grundwassers verspricht sich der Konzern, aus dem Erdreich entnehmen zu können. Das käme einer Verdopplung der bisherigen Vio-Produktion am Lüneburger Standort Goseburg gleich.

Die Entscheidung, dem Unternehmen die für den Brunnenbau benötigte Fläche zu verpachten, stellte der Gemeinderat zunächst zurück. Bürgermeisterin Silke Rogge bemühte sich bei der Moderation der Veranstaltung um eine neutrale Haltung, während den Coca Cola-Vertretern aus dem Publikum eine Welle der Ablehnung entgegenschlug.
Buhrufe erntete Thorsten Kiehn, Betriebsleiter des Coca-Cola-Produktionsstandortes Lüneburg, als er über die 197 Mitarbeiter in Lüneburg sprach: „Bei uns im Betrieb arbeiten auch Menschen. Die haben auch Familie.“ Das schien nicht besonders viele im Saal zu interessieren. Bürgermeisterin Rogge rief die Zuhörer zur Raison.

Der Infoabend im Bewegtbild

Plan soll erst im Echtbetrieb getestet werden

Rogge erklärte, die Gemeinde müsse die Anfrage von Coca Cola, die Fläche für den Brunnenbau zu pachten, sachgerecht abarbeiten. Um für die notwendige Transparenz zu sorgen, wurde aus der Ratssitzung eine Bürger­informationsveranstaltung. Und Informationen hatte auch Projektleiter Dieter Reckermann eine Menge dabei. Dabei gestand er aber: „Ich muss zu Kreuze kriechen.“ Denn vergangenes Jahr hatte er gegenüber dem Gemeinderat beteuert, in Vögelsen nur eine Messstation bauen zu wollen, um den Grundwasserspiegel im Blick zu behalten.

Doch die dreifache Messstation am südlichen Vögelser Ortsrand am Brockwinkler Weg öffnete den Blick für etwas ganz anderes. Bis dahin hatte Coca Cola für den dritten Förderbrunnen noch einen Standort Am Wienebütteler Weg auf halben Weg nach Lüneburg im Blick. Reckermann: „Eigentlich war das unser prädestinierter Standort.“ Doch die Messstation bei Vögelsen offenbarte, dass doch jener Standort kaum besser sein könnte. Reckermann: „Da lacht das Herz des Hydrogeologen.“

Der bei Vögelsen gefundene Grundwasserleiter befinde sich in einer Tiefe von rund 200 Metern und sei überdeckt von einer 60 bis 100 Meter dicken Schicht aus Glimmerton. Diese Schicht verhindere direkte Eintragungen von außen in den favorisierten Grundwasserleiter, aus dem vermutlich bis zu 350000 Kubikmeter Grundwasser pro Jahr entnommen werden könnten, bei einer laut Landkreis vorhandenen nutzbaren Dargebotsreserve von 21,08 Millionen Kubikmeter.

 

„Da lacht das Herz des Hydrogeologen.“
Dieter Reckermann, Projektleiter

 

 

Sollte es zu einem Wassergenehmigungsverfahren kommen, müsste das Unternehmen dem Kreis als Unterer Wasserbehörde für eine Erlaubnis nachweisen, dass sich aus der Förderung keine negativen Auswirkungen, insbesondere an der Oberfläche, ergeben. Reckermann: „Wenn es zu negativen Auswirkungen kommt, haben wir mit Zitronen gehandelt.“ Aber um den Beweis anzutreten, wäre neben umfangreichen Analysen in letzter Konsequenz auch ein Pumptest im Echtbetrieb vorgesehen mit dem dann fertigen Brunnen. Der Druck der wasserführenden Schicht betrage 18 bis 20 bar.

Die Brunnenförderung würde laut Reckermann den natürlichen Druck im unteren Erdreich um zirka 2,5 bar verringern. Zwar werde sich wahrscheinlich ein Senkungstrichter bilden, doch die Auswirkungen würden von der Tonschicht abgedeckelt. Daran zweifeln vor allem Anwohner der direkt benachbarten Siedlung am Dachsring. Eine Anwohnerin sagte: „Wir werden immer auf den Brunnen gucken und uns fragen, ob unsere Häuser Schaden nehmen.“

Anwohner und Ex-Ratsmitglied Falk Schäfer sagte: „Wir verstehen, dass Coca Cola weitere Millionen Euro verdienen möchte. Aber welchen Vorteil haben die Vögelser davon?“ Darauf ging Reckermann direkt nicht ein, versprach aber „volle Transparenz“. Zum Thema Geldabschöpfen merkte Bürgermeisterin Rogge nüchtern an, dass es Kommunen nicht erlaubt sei, sich an Gewinnen zu beteiligen. Für den Fall, dass der Rat Vögelsen das benötigte Grundstück nicht verpachten wolle, kündigte Reckermann an: „Natürlich werden wir in der Nähe bleiben.“ Auch eine Bohrung auf Privatgrund sei denkbar. Um das Wasser zum Produktionsstandort in der Goseburg zu transportieren, wäre eine zirka 4,5 Kilometer lange Pipeline, Durchmesser 150 Millimeter, notwendig, die unterirdisch im Horizontalbohrverfahren verlegt werden würde. Dabei muss sie auch das Landschaftsschutzgebiet Landwehr kreuzen.

Von Dennis Thomas

8 Kommentare

  1. Ich hoffe das es nicht zu dem dritten Brunnen kommt.
    Falls es doch zu Schäden an den angrenzenden Grundstücken kommt zieht sich Coca Cola 100% aus
    der Affaire und die Anwohner haben den Schaden.

  2. totschlagargumente arbeitsplätze scheinen so langsam ausgedient zu haben. mit recht. wir haben nur diese erde. mit wir sind wir alle gemeint und nicht nur die geschäftemacher.

    • Herr Bruns, Sie als vermögender Reppenstedter, der als Immobilienbesitzer von der maßgeblich durch die EZB verursachten Spreizung der Gesellschaft in Vermögende und nicht Vermögende erheblich profitiert, dabei selbst unabhängig von einem Arbeitsabhängigen Einkommen sind, melden sich natürlich zu Wort. Als Angestellter mit Mietwohnung finde ich ihre Haltung erbährmlich und egoistisch. Das Wasser, was abgepumpt wird, wird getrunken und dient dem Leben und der hiesigen Arbeitsplätze. Wenn es nicht hier abgepumpt wird, wird es woanders der Natur entnommen. Es wird ja nicht unnütz zum Autowaschen abgepumpt. Überlegen Sie lieber, was sie von ihren Vermögenszuwächsen der letzten Jahre beisteuern wollen, um für eine bessere Welt zu sorgen.

      • Mich würde mal interessieren, wie Immobilien zur Grundwasserneubildung beitragen, immerhin wurde durch diese meist der natürliche Kreislauf unterbrochen.
        Meist wird das Regenwasser abgeleitet und zusätzlich der „englische Rasen“ dann noch unnütz beregnet. Das Auto waschen ist auch ein Punkt, denn man nicht vergessen sollte, wird in Deutschland meist mit Wasser in bester Trinkwasserqualität durchgeführt.

  3. Interessante Bilder von der Veranstaltung. Wenn man das so sieht, dürfte das Durchschnittsalter bei größer 60 gewesen sein. Insofern könnte es den „grauen Panthern“ um Sicherung ihres persönlichen Lebensstandards auf der Ziellinie gehen. Wer fragt die jungen Leute? Vielleicht sind solche Veranstaltungen auch gar nicht mehr zeitgemäß für die Snapchat und Instagram Generation…

    Hier scheinen Leute zu „brüllen“, die mit dem Ausgang gar nichts mehr zu tun haben.

    • Old is the new young

      Lieber Christian, gewöhnen Sie sich daran, das Ganze nennt sich „demographischer Wandel“ … 😉 Und die verbliebenen Snapchat-User und Instagram-Hipster? Die müssen ja nicht unbedingt den Umsatz von Coca Cola steigern, oder? Sie wissen doch: Nachhaltigkeit und der schonende Umgang mit unseren Ressourcen, das sind ein ganz wichtige Themen, gerade für die junge Generation. In diesem Sinne: Es lebe das Lüneburger Leitungswasser … und das bedingungslose Grundeinkommen … 😉

      • Old is the new young liest sich wie der therapeutische Versuch, seine eigene Krise schön zu reden.. Lassen wir die Jugend konsumieren was sie wollen und nutzen was sie wollen. Wie heisst es schon in der Feuerzangenbowle sinngemäß…. Die Jugend mit dem neumodischen Krams glaubt, dass sie es besser macht. Und das macht sie auch. Nur gut, dass diese Probleme und Einstellungen sich biologisch lösen. Die grauen Panther können derweil vor sich Hinbrüllen und versuchen die Erde zu retten, die selber zu Grunde gerichtet haben…

    • Ja, wenn man sich die Bilder anschaut ist der Widerstand in 15 Jahren tatsächlich gebrochen.

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