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Gudrun Möller sitzt in ihrem Rollstuhl, doch der ist für sie nicht geeignet. Seit Monaten schon kämpft sie um ein für sie passendes Gefährt. Foto: t&w

Hilflos und allein gelassen

Bardowick. Gudrun Möller ist der Verzweiflung nahe. Seit nunmehr sieben Tagen kann die 78-Jährige ihren Rollstuhl nicht verlassen, muss sogar die Nächte darin verbringen. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Service-Odyssee, die im Juli vergangenen Jahres mit dem Bruch ihres alten Rollstuhls begann. Gestern noch hoffte sie, endlich ihr neues Gefährt zu bekommen. Vergebens. Die Bardowickerin fühlt sich von ihrer Krankenkasse im Stich gelassen. Die bedauert die Entwicklung und schließt Fehler auf beiden Seiten nicht aus.

„Es tut uns leid, da ist einiges wohl nicht glücklich gelaufen“, sagt Sönke Krohn, Pressesprecher der DAK, der Krankenkasse von Gudrun Möller. Die hatte im August vorigen Jahres ein Rezept für einen neuen Rollstuhl erhalten, nachdem ihr vorheriger nach zehn Jahren wegen eines Rahmenbruchs nicht mehr einsatzbereit war. Auf Empfehlung der DAK habe sie sich an die Firma Sanimed aus Ibbenbüren gewandt, den Vertragspartner der Kasse in Sachen Rollstuhl. Doch auf die erste Lieferung habe sie lange warten müssen.

Unter Sitzkissen soll Urin gewesen sein

„Wochenlang passierte nichts, obwohl ich mehrmals bei Sanimed angerufen habe“, berichtet Gudrun Möller, die im Alter von sechs Jahren an Kinderlähmung erkrankte und seit 1995 an den Rollstuhl gebunden ist. Sie hat sich alle Telefonate notiert, „das kann ich durch meine Telefonrechnungen belegen“. Das Unternehmen aber habe sie von Woche zu Woche vertröstet, auf angekündigte Rückrufe habe sie vergebens warten müssen.

Erst Ende September, kurz vor einer lange geplanten Reise, sei ein Ersatz-Gerät geliefert worden, allerdings das falsche. „Das Problem war, dass es aus dem Rezept heraus nicht erkennbar war, dass Frau Möller einen Elektro-Rollstuhl braucht. Ihr wurde versehentlich ein ganz normaler geliefert“, sagt Pressesprecher Krohn.
Den richtigen Rollstuhl lieferte Sanimed Anfang Oktober, wohl aber mit Macken, wie sich erst allmählich herausstellte. Gudrun Möller beklagte unter anderem eine zu nachgiebige Rückenlehne, schwergängige Fußrasten und zu große Vorderräder. „Außerdem musste ich feststellen, dass noch Urin unter dem Sitzkissen war.“

Eine Mitarbeiterin von Sanimed, die ihren Namen am Telefon nicht nennen wollte, bestreitet das: „Das kann nicht sein, der Rollstuhl war zu hundert Prozent in Ordnung.“ Ein neues Modell war es indes nicht, wie die Mitarbeiterin bestätigte: „Es war ein Wiedereinsatz. Wir liefern das, was die Krankenkasse bewilligt.“ Verständnis für die Kritik von Gudrun Möller – „die hat immer was zu motzen“ – könne sie nicht aufbringen. „Wenn Kunden mit uns nicht einverstanden sind, können sie ja woanders hingehen. Wir laufen ihnen nicht hinterher.“

Dass Gudrun Möller sich auch an einen anderen Lieferanten hätte wenden können, wie Pressesprecher Sönke Krohn erklärt, sei ihr nicht bekannt gewesen, „ich sollte mich an Sanimed wenden, hieß es bei der DAK“.

Rollstuhl-Rezept war falsch interpretiert worden

Weil der Rollstuhl überdies nicht passgenau war und sie wegen der zu geringen Höhe im Laufe der Zeit Probleme wegen der ungewohnten Armbewegungen beim Arbeiten bekam, habe sie sich zu Beginn des Jahres erneut an ihre Kasse gewandt. Anfang Februar kam Ersatz, weil bei dem aber das elektronische Handsteuergerät nicht schwenkbar ist, kann die Alleinlebende den Rollstuhl nicht mehr verlassen. Das Ergebnis: Seit einer Woche muss sie nun auch die Nächte in ihrem Rollstuhl verbringen.

„Ich bin todunglücklich. Alles zieht sich derart in die Länge, meine Lebensqualität ist sehr eingeschränkt. Den Beteiligten scheint es egal zu sein, wie wir zurechtkommen“, sagt Gudrun Möller, die ähnliche Erfahrungen auch von Leidensgenossinnen aus ihrer Selbsthilfegruppe kenne, viele klagten über schlechten Service. Ihr Vorwurf: „Die Kasse spart auf unsere Kosten!“
„Wir werden uns den Vorgang genau anschauen und das, was womöglich schiefgelaufen ist, aufarbeiten“, sagt Sönke Krohn. Ein Fehlverhalten der Kasse könne er aber nicht erkennen, „nach unseren Informationen ist Frau Möller zum Teil auch zweigleisig gefahren“, das könnte zu Missverständnissen unter den Beteiligten geführt haben. „Zumindest ist festzuhalten, dass sie immer versorgt war.“

Gudrun Möller hat auch gestern wieder vergebens auf den ersehnten Rollstuhl gewartet. Aufgeben aber komme für die 78-Jährige nicht infrage: „Mein Wahlspruch lautet: selbstständig bleiben und weitermachen.“

Von Ulf Stüwe