Aktuell
Home | Lokales | Wolf hinterlässt blutige Visitenkarte in Neetze und Boitze
Die Wildtierkamera hat im Neetzer Gatter ausgelöst und zeigt den Wolf mit seiner Beute.

Wolf hinterlässt blutige Visitenkarte in Neetze und Boitze

Neetze/Boitze. Aus den täglichen Schlagzeilen ist der Wolf verschwunden – trotzdem ist der graue Räuber auch im Landkreis Lüneburg weiter auf Beutezug unterwegs. In Boitze hat der Wolf jetzt vier Schafe gerissen. Mitten im Ort. Und auch in Neetze treibt der Wolf die Weidetierhalter zur Verzweiflung. Was besonders auffällig ist: Die Wölfe scheinen wenig Scheu vor den Menschen zu haben – weder in Boitze noch in Neetze.

Volker Mennerich ist Landwirt. Seit mehr als 30 Jahren hält der 61-jährige Boitzer auch einige Schafe. Doch von den ursprünglich sieben Tieren leben jetzt nur noch drei. Die anderen vier – drei Kamerun-Schafe und eine Heidschnucke – hat der Wolf in der Nacht zu Mittwoch gerissen. „Mitten im Ort, das hätte ich nie und nimmer gedacht“, sagt Mennerich, der darauf vertraut hatte, dass der Räuber sich nicht so weit in die bebaute Siedlung trauen würde.

„Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn ein Wolf einen Menschen anfällt.“
Udo Staacke, Bürgermeister

Bereits vor gut einer Woche war ein Wolf in Boitze gesichtet worden – „da lief das Tier ohne Scheu längere Zeit neben einem Trecker her“, weiß auch Boitzes Bürgermeister Udo Staacke zu berichten, der auch an eine angebliche Begegung zwischen dem Räuber und einem Jäger bei Boitze erinnert: Der Grünrock hatte 2015 berichtet, er sei gerade vom Hochsitz gestiegen, als ein Wolf mit leicht geöffnetem Maul auf ihn zugerannt sei. Er habe seine Pistole gezogen, in den Boden vor seinen Füßen geschossen, zwischen den heranrasenden Wolf und ihm. 2,20 Meter vor ihm sei das Tier dann abgedreht und in den Wald hinter ihm gelaufen.

Die Geschichte sorgte damals für mächtig Aufregung, die Landesregierung untersuchte den Fall, schickte professionelle Tierspurenleser auf den Acker bei Boitze – und kam dann zu der Erkenntnis, dass es sich zumindest in diesem Fall wohl nur um eine Räuberpistole gehandelt habe.

Trotzdem macht man sich auch in Boitze nicht zuletzt wegen der jüngsten, belegten Vorfälle immer größere Sorgen: „Wir werden die Wolfsrisse demnächst auch in der Ratssitzung zum Thema machen“, kündigt Bürgermeister Staacke an, der absolut nicht nachvollziehen kann, dass die Landeseregierung nach wie vor den Wolf unter strengen Schutz stellt. „Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn ein Wolf einen Menschen anfällt“, macht sich Staacke seine Gedanken.

Diese Sorge haben zunehmend auch die Menschen in der Gemeinde Neetze: Denn auch hier hinterlässt der Wolf seine blutige Visitenkarte. Mehrfach schon war der Räuber in das Wildgatter von Irmtraud Cordes eingebrochen – ein rund 20 Hektar großes Areal direkt an der Neetze gelegen. Insgesamt elf Stück Damwild hat der graue Räuber dort schon gerissen. Das letzte erst vor wenigen Tagen. Irmtraud Cordes treibt es den Blutdruck in die Höhe, wenn sie von den Wolfsrissen berichtet: 45 Jahre befinde sich das Gehege im Besitz der Familie, zurzeit leben noch 54 Tiere auf dem Areal. Die Betonung liege auf „noch“.

Denn ob und wann der Wolf erneut zuschlägt, kann die Neetzerin nicht sagen. Sie weiß nur: Das Gatter wolfssicher zu machen, wäre eine immens teure Angelegenheit. Und auch technisch alles andere als einfach. Direkt am Wasser gelegen mit moorigem Untergrund. „Hier mit einem stromführenden Zaun zu arbeiten“, kann sich Irmtraud Cordes nur schwer vorstellen.
Einen Wolfsriss hatte die Neetzerin bewusst im Gatter liegen lassen – in der Hoffnung, dass der Wolf sich beim nächsten nächtlichen Besuch über das bereits tote Tier hermacht. Stattdessen aber riss der Räuber erneut ein lebendes Stück Damwild. Irmtraud Cordes übt sich in Sarkasmus: „Wir hatten in den vergangenen Nächten Minusgrade, warum sollte sich der Wolf da am tiefgefrorenen Fleisch die Zähne ausbeißen?“

Sorge macht sich die Neetzerin nicht nur um ihren Damwild-Bestand, sondern auch um ihre Pferde, die in wenigen Wochen wieder auf die Koppel sollen: Ob ihre Pferde jetzt durch den Wolf gefährdet sind, „das kann mir keiner sagen“, ärgert sich die Neetzerin.

Fest steht aber, dass sich das Leben in dem beschaulichen Neetze seit der Rückkehr des Wolfes verändert hat: Der Kindergarten mache deutlich weniger Ausflüge und so mancher Hundehalter traue sich auch nicht mehr auf größere Spaziergänge – aus Sorge vor dem Wolf.

Von Klaus Reschke

Podiumsdisskusion über den Wolf

„Wölfe…, wie soll es weitergehen?“, lautet eine öffentliche Info-Veranstaltung mit Podiumsdiskussion, zu der die Weidetierhalter Nordost-Niedersachsen (WNoN) für Freitag, 3. März, um 14 Uhr in die Stadthalle in Uelzen, am Schützenplatz 1, einladen.

„Wir wollen aus Sicht der Bevölkerung, die sich gerne in Feld und Wald bewegen möchte sowie der Nutztierhalter die ‚Thematik Wolf‘ erörtern“, heißt es in der Einladung des Verbandes der Weidetierhalter. kre