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Sylvia Döcker (v.l.), Karin Kohlfeld, Kerstin Eibrecht und Sonja Perbrandt sind die ersten weiblichen Sängerinnen im neuen MGV Gemischten Chor Brietlingen. Die Zeit der reinen Männerdomäne ist damit vorbei.

In Zukunft singen auch Frauen im Männergesangverein mit

Von Anna Sprockhoff
Brietlingen. 135 Jahre lang stand die Geschlechterfrage nicht zur Diskussion: Im Männergesangverein (MGV) Brietlingen von 1881 sangen Männer. Eine Frau kam den Kameraden nur einmal ins Haus, als nach 128 Jahren Vereinsgeschichte mit Stefanie Freienstein die erste Chorleiterin ihren Dienst antrat. Zwei Jahre dauerte das Zwischenspiel, denn gab mit Wolfgang Martens wieder ein Mann den Takt an. Doch auch der konnte den Mitgliederschwund des Chores nicht aufhalten und so standen die Sänger bei der jüngsten Generalversammlung vor der Wahl: aufgeben oder Frauen aufnehmen. Die Entscheidung fiel einstimmig. Nach 135 Jahren endete die Männerdomäne.

Mittwochabend, im Vereinslokal Grüne Stute in Brietlingen, kurz vor Probenbeginn um acht. Die Mitglieder des Vorstandes, Chorleiter sowie drei der aktuell vier Sängerinnen des Vereins sitzen an einem runden Tisch und sprechen über ihren Chor — vor der revolutionären Generalversammlung und danach. Dass ihm der Schritt vom reinen Männer- zum gemischten Chor „schwer fiel“, daraus macht Vorsitzender Hartmut Köhler kein Geheimnis. „Aber wollten wir weiter bestehen, mussten wir etwas tun.“

Von den einst mehr als 40 Sängern im MGV waren zuletzt nur noch 15 aktiv dabei, alle noch so aufwendigen Werbungskampagnen hatten nicht den erhofften Erfolg, und selbst der Versuch, sich mit einem anderen Männerchor zusammenzuschließen, war gescheitert. Dem Gesangverein drohte das Aus. Dann brachte Chorleiter Martens zunächst „nur mal so“ zwei Damen mit zu den Proben, die sangen mit, fanden Gefallen an der Männerrunde, brachten noch eine Nachbarin mit — und so ganz nebenbei war zumindest inoffiziell der „MGV Gemischte Chor Brietlingen von 1881“ geboren.

Inzwischen ist das neue Zeitalter im Brietlinger Chor auch offiziell eingeläutet — und der Vorstand macht erneut Mitgliederwerbung. Gesucht werden nun ausdrücklich „Frauen & Männer, die Lust und Freude am Gesang haben“. Notenkenntnisse sind nach wie vor nicht erforderlich. „Wenn es uns gelingt, mindestens zehn Frauen im Chor zu haben, wäre das schon toll“, sagt der Vorsitzende Köhler. Denn auch wenn er anfangs skeptisch war, hat er an der gemischten Runde Gefallen gefunden. „Es hört sich einfach schöner an.“ Das findet auch Chorleiter Martens: „Der Klang ist viel schöner, das Volumen ist anders, man kann viel mehr mit den Stücken spielen.“ Kurz gesagt: „Es macht einfach mehr Spaß.“

Ob es allerdings gelingt, als Gemischter Chor dauerhaft weiterzubestehen, ist offen. Auch andere Gesangvereine wie in Garlstorf/Elbe haben versucht, sich durch den Wandel vom Männer- zum gemischten Chor zu retten. Vergeblich. Bei den Brietlingern liegt das Durchschnittsalter der Männer ebenfalls bei 80 Jahren, männlicher Nachwuchs fehlt nach wie vor. Trotzdem wollen die Chor-Mitglieder den Kopf nicht in den Sand stecken, „dafür haben wir alle viel zu großen Spaß am Singen“, sagt Schriftführer Karl-Heinz Franck. Er selbst ist seit 60 Jahren dabei. Und ein Leben ohne seinen Chor, „das kann ich mir kaum vorstellen“.

Und was sagen die Damen zu ihre neuen Sängerinnen-Heimat? „Mir hat es von Anfang an gefallen“, sagt Sylvia Döcker, „man merkt einfach, dass es den Männern Freude macht zu singen und das steckt an.“ Probleme in der männerdominierten Runde gebe es nicht. Im Gegenteil. „Mit den Männern ist es viel unkomplizierter als ich es vorher in gemischten Chören erlebt habe.“ Ein Kompliment, das der Vorsitzende nur zurückgeben kann. „Mit den Damen ist es super“, sagt er. „Auch die Kameradschaft unter uns Männern ist so gut wie eh und je.“ Nur eins fürchtet er, „wenn die Frauen anfangen zu zicken“. Doch auch das ist eine Herausforderung, die man bewältigen könnte. „Hauptsache, wir machen weiter!“