Mittwoch , 19. September 2018
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Zukunft der Johannes-Rabeler-Schule ungewiss

Von Manuela Gaedicke
Lüneburg. Wenn Lukas den Hof fegen darf, ist die Welt wieder in Ordnung. Für den Fünftklässler gibt es nicht Schöneres, als hier zu sein: Draußen, an der frischen Luft. Wo die Hausmeisterin sich freut, wenn er ihr mit den vielem Laub hilft. Und niemand von ihm verlangt, dass er die ganze Zeit ruhig sitzen bleibt und Schreiben und Rechnen lernt. Es sind die Momente, in denen Lehrer wie Doris Christmann am Fenster stehen bleiben und wissen, warum Lukas nicht lange auf einer normalen Oberschule war trotz aller Bemühungen der Inklusion. „Wir haben hier die Freiheiten und auch einen anderen zeitlichen Rahmen, um uns um solche Fälle zu kümmern“, sagt Christmann. Als Leiterin der Johannes-Rabeler-Schule hat sie in den vergangenen Jahren viele Kinder wie Lukas erlebt. Kinder, denen ein Förderbedarf im Bereich Lernen bescheinigt wird und die häufig in der Sprache und in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung auffällig sind.

Schüler sitzen plötzlich auf dem Tisch

Guckt man sich in seiner Klasse um, würden einem diese Dinge im ersten Moment wahrscheinlich gar nicht auffallen. Die meisten der 16 Kinder sind mit viel Freude bei der Sache, als Referendarin Theresa Blank mit ihnen ausrechnet, wie viel sie bei ihrem Einkauf im Schreibwarenladen bezahlen müssten. „Wir versuchen immer, möglichst viel von dem aufzugreifen, was die Schüler im Alltag brauchen“, berichtet die angehende Lehrerin. Sie ist heute zusammen mit einer weiteren Kollegin in der Klasse. Im sogenannten „Team-Teaching“ sind die beiden gut beschäftigt. Ein paar Schüler sind wissbegierig und melden sich eifrig, viele andere dagegen haben Probleme, sich zu konzentrieren, springen auf oder sitzen plötzlich auf dem Tisch. Einige können nur mit einem sogenannten Schulbegleiter, einer vom Jugendamt geförderten Begleitperson, in den Unterricht kommen.

Für Doris Christmann ist das der ganz normale Alltag in einer Förderschulklasse. Sie hat sich, wie vermutlich alle ihrer Kollegen, bewusst für ein Studium der Sonderpädagogik entschieden, weil sie genau diese Arbeit mag. Dass hier, in dem historischen Gebäude neben der St.Johannis-Kirche, irgendwann keine Kinder mehr aus den Klassenräumen in die Pause stürmen werden, möchte sie sich lieber nicht vorstellen. Schon jetzt gibt es die Jahrgänge eins bis vier nicht mehr, Lüneburger Schüler dieser Altersstufen besuchen mittlerweile ganz normale Regelschulen.

„Wir hoffen, dass wir die jetzige Klasse fünf noch bis zu ihrem Abschluss führen können, aber wir wissen gerade alle nicht, wie es weitergeht“, erklärt Christmann, die mittlerweile nur noch wenige Kollegen hat, die ausschließlich an ihrer Schule unterrichten. Die Mehrheit unterstützt bereits den Unterricht an den Regelschulen eine Veränderung, die für viele auch mit einem Rollenverlust verbunden sei. „Als Klassenlehrer hier an der Förderschule waren sie ständig mit den Kindern zusammen, kannten jedes Problem der Schüler und waren teilweise eine Art Ersatzmama oder Ersatzpapa.“ Ob ein Lehrer an einer ganz normalen Schule, der noch 25 andere Kinder in seiner Klasse hat, das leisten kann?

Tochter würde an einer Regelschule untergehen

Jessica Ropella hat bei ihrer eigenen Tochter erlebt, dass es nicht funktioniert. „Schon das erste halbe Jahr in der Grundschule hat das gar nicht geklappt“, erinnert sich die Mutter von drei Kindern, „Sandy hat sich einfach nicht wohl gefühlt.“ Auch weil die Freundschaften zu anderen Kindern immer ein Problem gewesen seien, erst hier auf der Förderschule habe sich alles zum Guten gewendet. „Seitdem fragt sie sogar am Ende der Ferien, wann sie endlich wieder zur Schule darf.“ Jessica Ropella will sich lieber nicht ausmalen, was passiert, wenn ihre Tochter wieder auf eine normale Regelschule gehen muss. „Für einige Kinder mag das ja eine gute Sache sein, aber Sandy würde da untergehen.“