Aktuell
Home | Lokales | John Kornblum zu Gast in Lüneburg
Noch kurz ein wichtiges Gespräch, bevor es losgeht in der Lüneburger Ritterakademie: John Kornblum ist ein gefragter Mann. Foto: t&w

John Kornblum zu Gast in Lüneburg

Von Ulf Stüwe
Lüneburg. „Sie sollten sich nicht so sehr auf Trump fokussieren.“ Es waren Sätze wie dieser, mit denen John Kornblum die Erwartungen der meisten Zuhörer erfüllte, die jetzt in die Ritterakademie geströmt waren. Der ehemalige US-Botschafter war auf Einladung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg gekommen, sein Thema: die Handelspolitik des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Doch es wurde auch ein kritischer Blick auf Europa.

Gebremste Fähigkeit zu rationalem Handeln

„Unsere Fähigkeit, rational zu handeln, ist derzeit gebremst“, sagte John Kornblum, der in seinem Vortrag vor den mehr als 300 Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft nicht nur das Rätsel Trump zu erklären versuchte. „Die Weltordnung wird gerade geändert, aber nicht von Politik und Bürokraten, sondern durch den technologischen Wandel.“ Eine Situation, die Europa bereits mehrfach erfahren habe, zuletzt durch die großen technologischen Errungenschaften im ausgehenden 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vor einem solchen Wandel „er ist manchmal schwer zu verdauen“ stehe nun auch die USA. Der Wahlsieg Trumps erkläre sich aus Ängsten, die mit den damit verbundenen Änderungen und Anpassungsprozessen einhergingen. „Trump hat das Klima erkannt“, sagte Kornblum. Die Präsidentschaftswahlen aber habe er nicht gewonnen, weil er ein guter Politiker sei, „sondern weil er ein guter Showman ist“ mit einem „besseren Gespür für die Unzufriedenheit und tiefe Bitterkeit all der Leute, die mit der Entwicklung nicht mithalten können und damit auch nicht einverstanden seien“. Eine rückwärtsgewandte Stimmung, die Kornblum auch in Europa ausgemacht hat. „Trumps Make America great again finde ich toll“, sagte Kornblum, aber das Amerika der 50er-Jahre, das Trump vor Augen habe, sei vorbei.

Ein Mann mit Bart bringt allein zehn Prozent

Überholt sei vermutlich auch die Zeit des Multilateralismus, sagte Kornblum mit Anspielung auf die Bundeskanzlerin und wohl auch mit Blick auf die am Abend anwesenden Wirtschaftsvertreter. Die Gewinner der Phase, die jetzt begonnen habe, seien nicht die TTP-Befürworter, sondern diejenigen, die sich mit einem neuen Blick und einer neuen Einstellung auf das Kommende einließen. Es sei Zeit für ein „neues Narrativ, eine neue Story“, wie Kornblum die angebrochene Epoche bezeichnete. Einer, der schon früh verstanden habe, dass nicht neue Technologien die Lösung seien, sondern die Anwendung guter Technologien auf die Bedürfnisse der Menschen zum Ziel führe, sei Steve Jobs, der frühere Apple-Chef, gewesen.

Um wie vieles wichtiger künftig das „subjektive Urteil“ in der Gesellschaft als das Festhalten an Bestehendem ist, könne man gerade in Deutschland erleben. „Da gibt es eine Partei bei 20 Prozent, dann kommt ein Mann mit einem Bart und sie sind bei 30 Prozent“, sagte Kornblum, der damit das Publikum nicht zum ersten Mal an dem Abend auf seiner Seite hatte. Im Übrigen sei man derzeit in einer „Phase der Populisten“, laut Kornblum typisch in Zeiten des Wandels.

In Trump nur einen „Showman“ zu sehen, falle ihm schwer, sagte Dr. Gebhardt Weiss. Der ehemalige deutsche Botschafter in Weißrussland und der Ukraine zählte neben Dr. Heinrich Böhm, Geschäftsführer der Kartoffelzucht Böhm GmbH & Co. KG aus Lüneburg, und Prof. Mary Zellmer-Bruhn von der University of Minnesota zu den drei Diskussionsgästen des Abends. „Als Präsident ist Trump nicht weit vom Knopf am Atomkoffer entfernt“, sorgte sich Weiss. „Man sollte sich nicht zu sehr von Trump aus der Fassung bringen lassen“, entgegnete Kornblum. Viel wichtiger sei es, dass man hier in Europa weiß, was man will. „Mein Eindruck ist aber, dass man es nicht weiß.“

An eine Amtsenthebung glaubt der Diplomat nicht

Auf Widersprüche in der Trumpschen Politik wies Sönke Feldhusen, bei der IHK Leiter des Bereichs International, hin: „Wird dessen Schuldenpolitik letztlich nicht zu Lasten seiner Wähler gehen?“ Kornblum: „Ja, aber es wird etwas dauern, bis sie es verstehen.“ Dass man mit Trump noch eine Weile auskommen müsse, machte Kornblum ebenfalls deutlich. Auf die Frage einer Teilnehmerin, ob der Präsident demnächst von seinem Amt enthoben werde, sagte er: „Ich glaube nicht.“

Kornblum verabschiedete sich von seinen Zuhörern mit einer kleinen Geschichte, als er noch im US-Generalkonsulat in Hamburg tätig war. „Damals ging es um die Bedeutung des Elbe-Seitenkanals. Ob meine Berichte darüber jemals in Washington gelesen wurden, weiß ich bis heute nicht.“ Lüneburg aber habe er seitdem stets in guter Erinnerung behalten.

»Ein Interview mit John Kornblum lesen Sie am Freitag in der LZ.

3 Kommentare

  1. Kornblum hat sicher viel richtiges gesagt und Hysterie ist sicher nicht angebracht, aber zu leicht sollte man die Veränderungen auch nicht nehmen und die Entwicklungen doch deutlicher beim Namen nennen.

    Was ist Trump anderes als ein lupenreiner Demagoge. Demagogie wird heute unter anderem so definiert (aus WP): „Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“ ( Martin Morlock 1977)

    Die weichgespülte Version von Kornblum klingt dann so: „Trump hat das Klima erkannt“, Präsidentschaftswahlen aber habe er nicht gewonnen, weil er ein guter Politiker sei, „sondern weil er ein guter Showman ist“ mit einem „besseren Gespür für die Unzufriedenheit und tiefe Bitterkeit all der Leute, die mit der Entwicklung nicht mithalten können und damit auch nicht einverstanden seien“

    • Trump gehört zu der Sorte Menschen, die in erster Linie an einer katastrophalen intellektuellen Beschränktheit leidet, welche durch ihr tiefes Bedürfnis motiviert ist, ihr Sinnsystem als konkurrenzlos und absolut wahr zu betrachten. Zwischen ihm und vielen der eifernden Leserbriefschreiber bei LzOnline gibt es nur einen einzigen Unterschied: Trump kennt die Codes für die amerikanischen Nuklearwaffen.