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Der Lüneburger Wespen- und Hornissenbeauftragte Thomas Mitschke warnt vor den Folgen des Insektensterbens Foto: tt/nh
Der Lüneburger Wespen- und Hornissenbeauftragte Thomas Mitschke warnt vor den Folgen des Insekten-Sterbens Foto: tt/nh

Insekten sind stark gefährdet

Von Ina Freiwald
Lüneburg. In weiten Teilen Deutschlands ist die Insektenpopulation um bis zu 80 Prozent eingebrochen. Vor allem Wildbienen, Hummeln, Schwedfliegen sowie den Tag- und Nachtfaltern drohe das schleichende Aus, mahnt Thomas Mitschke. „Allein die Rote Liste der Bienen umfasst 300 Arten.“ Der Vorsitzende des Naturschutzbundes Lüneburg ist Hummel-, Wespen- und Hornissenbeauftragter für Stadt und Landkreis Lüneburg. „Dieses zunehmende Insektensterben hat katastrophale Auswirkungen auf das Ökosystem.“ Denn die Bedrohung der Arten betrifft Flora und Fauna, so sind beispielsweise neun von zehn Wildblumen sowie die Obstbäume von Bestäubung abhängig, macht er bei einem Vortrag vor rund einhundert Zuhörern im voll besetzten Saal des Heinrich-Heine-Hauses deutlich. „Und auch Vögel brauchen große Mengen an Kerbtieren für die Aufzucht der Jungtiere“, weiß der Experte.

Während das Bienensterben längst Thema der Medien ist, werde über die Hummel vergleichsweise wenig berichtet. Doch auch ihre Spezies ist laut Mitschke stark bedroht. „Ein Blick auf die Hummeln in Niedersachsen zeigt: Von 23 Arten sind nur noch fünf vorhanden, die helle und dunkle Erdhummel, die Steinhummel, die Ackerhummel und die Baumhummel.“

Einjährige Blühstreifen greifen zu spät

Bei der Analyse der Schuldfrage ergibt sich aus seiner Sicht eine „komplizierte und umfangreiche Gemengelage mit sich ­addierenden Faktoren“. Eine der Ursachen sei die Blühstreifenproblematik: In den Feldfluren sollen Blühstreifen die Notlage auffangen, doch einjährige Blühstreifen greifen zu spät, und es gibt zu wenige mehrjährige. Dazu habe die intensive Landwirtschaft und Flurbereinigung in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten den Verlust von Kleingewässern und wichtigen Strukturelementen in der Landschaft wie Hecken, Feldgehölze oder Feld- und Wegraine mit sich gebracht. Der Anbau von Monokulturen sowie der Einsatz von Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden, Neonikotinoiden seien ebenfalls wichtige Faktoren in der Abwärtsspirale.

Der Experte spricht in diesem Zusammenhang von „dramatischen Auswirkungen von Stickstoffeinträgen“ vor allem in Ökosystemen. „Aus ehemals artenreichen Waldrändern werden Brennnesselhalden.“ Der Einsatz des umstrittenen Breitbandherbizits Glyphosat sollte seiner Ansicht nach zwingend gesetzlich verboten werden. „In Deutschland landet Glyphosat heute auf knapp 40 Prozent der Ackerfläche, das sind rund 6000 Tonnen jedes Jahr.“ Amtliche Lebensmittelproben würden beweisen: Glyphosat sei zu finden in Austernseitlingen, Blumenkohl, Erdbeeren, Grapefruits, Zitronen, Erdnüssen, Feigen, Linsen, Lauchzwiebeln, Wachtelbohnen, Kartoffeln, Weizen, Rogge, Gerste, Hafer und selbst im Bier.

Insekten: Ein Kahlschlag geht durchs Land

Der Flächenverbrauch in städtischen wie ländlichen Gebieten bringe die Zerstörung von Nistplätzen, die Vernichtung und Verminderung des Nahrungsangebots und Lebensraumverluste mit sich. „Ein Kahlschlag geht durchs Land!“ Hier müsse auf höchster Ebene eingegriffen werden, doch die Entscheidungsträger reagierten nicht auf die bedrohliche Situation. „Gesetze, Schutzverordnungen und Landschaftsrahmenpläne greifen nicht, werden nicht umgesetzt“, beklagt Mitschke. Auch auf lokaler Ebene würde die Thematik „biologische Vielfalt“ stark vernachlässigt: „Es gibt kaum Fürsprecher in der Politik kaum Beachtung, kaum Gewichtung, keine spürbare Priorität. Dabei wäre sofortiger Handlungsbedarf geboten.“

2 Kommentare

  1. Das sind gefährliche Entwicklungen in der Landwirtschaft, denn alle Pestizide haben dramatische Auswirkungen auf unsere Bienen.
Erst 2015 haben deutsche Wissenschaftler in einer Studie gezeigt, das Glyphosat das Verhalten von Bienen subtil aber gefährlich beeinflusst:

    https://www.mellifera.de/ueber-uns/presse/mitteilungen/glyphosat-beeintraechtigt-das-orientierungsverhalten-der-bienen.html


    Darüber hinaus gibt einige internationale Studien die bewiesen haben, wie gefährlich Pestizide, Glyphosat und gentechnisch verändertes Saatgut für die Biene sind:

    http://www.keine-gentechnik.de/nachricht/31179/

    Das Thema ist mittlerweile auch in den Medien angekommen: In der ZDF WISO Sendung wurde über den Einfluss von Glyphosat auf Honigbienen berichtet. In dieser Reportage wird auch erklärt, dass jedes Jahr 5 Mio. Lebensmittel auf Pestizide untersucht werden, aber nur 1.200 davon auf Glyphosat. Und das, obwohl das Totalherbizid Glyphosat und Roundup auf 40% der Ackerflächen – also von über 100.000 Landwirten – jedes Jahr eingesetzt wird:

    http://www.zdf.de/wiso/glyphosat-im-honig-44206590.html

    D.h., dass Pestizide mit Glyphosat massiv unser gesamtes Wirtschafts- und Ökosystem gefährden, denn ohne gesunde Bienen wird der gesamte ökologische Kreislauf kippen. 

Darum ist die EU Bürgerinitiative für ein Verbot von Glyphosat wichtig:

    
https://www.umweltinstitut.org/mitmach-aktionen/europaeische-buergerinitiative-stop-glyphosat.html


    Denn nur mit ökologischer und nachhaltiger Produktion kann das Artensterben gestoppt werden.

    • Leider sind die Daten der Studie von Balbuena und Herbert keineswegs aussagekräftig.
      Man muss sich schon die Mühe machen die Daten anzuschauen und da ergibt sich keine Aussage auf negative Auswirkungen. Reine Behauptungen, die anhand der vorgelegten Daten nicht nachvollziehbar sind, mögen den Zeitgeist treffen aber sind postfaktisch.

      http://jeb.biologists.org/content/jexbio/218/17/2799/F2.large.jpg?width=800&height=600&carousel=1
      Die Bienen mit der höchsten Glyphosatmenge erreichen zu 80% direkt den Bienenstock, während die Bienen ohne jeglichem Glyphosatrückstand umherirrten und nur zu 1/3 direkt zurück zum Bienenstock fanden…
      Aus der Studie, auf die sich der Link oben auf Mellifera bezieht. http://jeb.biologists.org/content/218/17/2799.full
      Schon die sehr geringe Anzahl der beobachteten Bienen (ca 100) dürfte einem an der Genauigkeit der Studie zweifeln lassen, das ist eher statistisches Rauschen, wie bei den meisten „Studien“ die etwas heraus gefunden haben wollen zu dem Thema.

      Gentechnisch veränderte Kulturen werden in Deutschland zu dem gar nicht angebaut.

      Und welchen Vorteil bringt ein gepflügtes Feld für die Biene? Bekannt ist, dass Stickoxide und Feinstaub durch die Dieselverbrennung zu Problemen bei Insekten führen, dazu gibt es in der Tat belastbare Daten aus Studien. Daher sollte man doch besser die Einsparung von hunderttausenden Tonnen Diesel begrüßen, die durch extensive Bodenbearbeitung allein in Deutschland Jahr für Jahr eingespart werden.
      Zu dem werden Feldwespen durch die Minimalbodenbearbeitung geschont und haben die Chance zum Überleben, was auf einem vielfach bearbeiteten und anschließend gepflügten Ökofeld nicht der Fall ist.

      Das Umweltinstitut und Keine-Gentechnik würde ich nicht als seriöse Quellen ansehen.

      Zu den Rückstandsuntersuchungen, toller Trick der Wiso Redaktion.
      Die 40% der Ackerfläche will ich mal nicht diskutieren, spielt auch eher keine Rolle.
      Da Glyphosat in Deutschland vor der Aussaat eingesetzt wird und nicht in der wachsenden Kultur, sind Rückstände nicht zu erwarten.
      Seit dem Verbot/ der Einschränkung der Sikkation von Getreide wird in Deutschland sind auch die Rückstände an Glyphosat deutscher Erzeugnisse gen NULL gegangen.
      Es wäre unsinnig Karotten auf Glyphosatrückstände zu untersuchen, da diese keine aufweisen werden.
      http://www.bvl.bund.de/DE/04_Pflanzenschutzmittel/01_Aufgaben/06_Pflanzenschutzkontrollprogramm/psm_Pflanzenschutzkontrollprogramm_node.html

      Ist wie mit dem oben genanntem Bier… Es wurde AMPA nachgewiesen, das ist das Abbauprodukt von Reinigungsmitteln und auch vom Glyphosat. Der Medienrummel um den Nachweis einer so geringen Menge war groß, ob es sich um Rückstände der Flaschenreinigung handelte wurde nicht geklärt. Nicht ganz ohne Hintergedanken wurden nur wenige Flaschenbiere „untersucht“ und dann auch in dem üblichen Labor Biocheck…

      Rückstände in EU-Bio Linsen aus der Türkei sollten auch nicht der deutschen Landwirtschaft angedichtet werden sondern das Problem eher im Bereich Bio-Importe suchen, dort wurden wohl auch die bislang höchsten Rückstände gemessen, vermutlich wären die Bio-Linsen vor lauter Unkraut ansonsten nicht zu ernten gewesen sein.
      Ein Verbot von Glyphosat in der EU hätte keine Auswirkungen auf die Bio-Erzeugung in der Türkei, eigentlich ist Glyphosat eh schon nicht zugelassen in der Bio-Landwirtschaft.

      Mit dem Schlagwort Glyphosat lassen sich Massen bewegen, was richtig und falsch ist, das kann und will die Masse überhaupt nicht überprüfen.

      Und kein Landwirt hat ein Interesse daran, dass Bienen zu Schaden kommen. Das sollte sich der eine oder die andere mal durch den Kopf gehen lassen.