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Prof. Dr. Werner Härdtle (r.) von der Uni Lüneburg sowie VNP-Fachbereichsleiter für Offenland und Naturschutz, Dirk Mertens, haben neue Erkenntnisse über die Wechselwirkung von Moos, Gras und Heide im Zusammenhang mit Stickstoffeintrag gewonnen. Foto: dth

Stickstoff und Moos setzen der Heide zu

Von Dennis Thomas
Niederhaverbeck/Lüneburg. Zu überraschenden Erkenntnissen kamen Wissenschaftler des Instituts für Ökologie der Universität Lüneburg: Sie haben über Jahre die Auswirkungen von erhöhtem Stickstoff-Eintrag auf Heideflächen im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide untersucht. „Neben dem Heidekraut profitieren vor allem Moose und Gräser von den erhöhten Werten, die maßgeblich von Landwirtschaft und Autoverkehr verursacht werden“, sagt Professor Dr. Werner Härdtle. Das macht einen Strategiewechsel in der Landschaftspflege notwendig.

Auf über 1100 Einzelpflegeflächen und mehr als 500 Hektar fanden im auslaufenden Winterhalbjahr Pflegemaßnahmen unterschiedlicher Art im Naturschutzgebiet statt. Über Jahrzehnte hatte der Verein Naturschutzpark (VNP) zur Heidepflege vor allem auf die Beweidung durch Heidschnuckenherden gesetzt. Mit der Zeit wurde das um Pflegemethoden wie Mahd, Brand, Plaggen und Schoppern ergänzt. Wo die Heide beispielsweise zu lang und holzig für die Schnucken geworden ist, wird gemäht. Vorrangig soll dem Boden aber der Nährstoff entzogen werden, damit der „Hungerkünstler“ Heide nicht vom Gras überwuchert wird. Bisher wurde bei starker Vergrasung vor allem geplaggt: Spezialmaschinen tragen die Humusschicht bis auf den Mineralboden ab. Damit es künftig nicht mehr zum Äußersten kommt, „werden wir verstärkt entmoosen“, sagt Dirk Mertens, VNP-Fachbereichsleiter für Offenlandpflege und Naturschutz. „Wir vertikutieren die Heide.“

250 Kubikmeter Moos pro Hektar Heidefläche

In den zurückliegenden Wochen wurden so 20 Hektar Fläche behandelt. Um die 250 Kubikmeter Moos fielen pro Hektar an, die später als Humusdünger der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden. Moos bindet sehr viel Stickstoff, der zwar auch das Wachstum der Heide, vielmehr aber das Graswachstum befördert. Und das haben Wissenschaftler der Uni Lüneburg über zwei Jahre in einem Forschungsprojekt eindrucksvoll dokumentiert.

Professor Härdtle sagt: „Normalerweise haben wir einen natürlichen Stickstoffeintrag in der Landschaft von ein bis zwei Kilogramm pro Hektar und Jahr. Doch sogar im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide haben wir einen Eintrag von 25 bis 30 Kilo festgestellt.“ Schätzungsweise 60 Prozent würden indirekt über die Landwirtschaft eingetragen, der Rest größtenteils durch den Autoverkehr. Härdtle: „Wenn beispielsweise die Landwirte Gülle auf den Äckern ausbringen, dann riecht man das auch. Das ist Harnstoff, der sich als Ammoniak in der Luft verteilt.“

Diese stickstoffhaltige Verbindung ist wasserlöslich und geht bei Regen wieder zu Boden. Auch im Naturschutzgebiet. Um zu sehen, wie sich das auf die Pflanzen auswirkt, haben die Studenten des Instituts für Ökologie jeweils zehn Kontroll- und zehn Experimentierflächen miteinander verglichen. Jede nur ein Quadratmeter groß, aber quer im Naturschutzgebiet verstreut.

Wurzelwerk zurückgegangen

Auf den Experimentierflächen haben die Wissenschaftler gezielt Stickstoffdünger (Ammonium-Nitrat) aufgebracht. Fünf Gramm pro Quadratmeter, das entspricht 50 Kilogramm pro Hektar und Jahr. Härdtle: „Das Ergebnis hat mich überrascht.“ Maßgeblich an der Untersuchung beteiligt waren die Doktorandinnen Maren Meyer-Grünefeld sowie Alexandra Bähring bei der Auswertung.

Was ist passiert? Die Besenheide, die Calluna Vulgaris, hat an der Erdoberfläche fast doppelt soviel Biomasse gebildet, ist also in die Höhe geschossen, gleichzeitig ist in ähnlichem Volumen das Wurzelwerk zurückgegangen. Härdtle: „Das ist deswegen erstaunlich, weil das Heidekraut trotz des schon vorher erhöhten Stickstoffeintrags in der Landschaft so reagiert hat, wie man es eigentlich vor 50 Jahren erwartet hätte. Das heißt, das Heidekraut hat trotz allem sehr sensibel auf das erhöhte Nährstoffangebot reagiert.“

Das sei ein Zeichen dafür, dass die bisherigen VNP-Pflegemaßnahmen zur Verringerung des Stickstoffanteils wirkungsvoll seien. Aber das Experiment hat auch etwas anderes gezeigt: Insbesondere das samenreiche Pfeifengras wuchs nicht wie die Heide doppelt, sondern sogar siebenmal so stark. Härdtle: „Da ist die Heide nicht mehr wettbewerbsfähig.“ Ein Lösungansatz ist nun: das Entfernen des Mooses, das viel Stickstoff bindet.

Temperatur von bis zu 80 Grad unter Moosteppichen

Beim Entmoosen werden auf der Fläche aber auch schützenwerte Grasflechten und ähnliches in Mitleidenschaft gezogen. Mertens vom VNP sagt: „Aber unter so einem Moosteppich können sich Temperaturen von bis zu 80 Grad entwickeln. Dann wächst darunter auch nicht mehr viel.“

Um so wichtiger sei es, die Pflegemaßnahmen kleinteilig durchzuführen, wenn auch in erhöhtem Rhythmus. Dazu VNP-Mitarbeiter Mertens: „Früher haben wir beispielsweise nur alle zehn Jahre gemäht, jetzt sind es alle fünf Jahre. Dabei setzen wir darauf, dass sich Tier- und Pflanzengesellschaften auf unbehandelten Flächen in der Zeit soweit wieder erholt haben, dass sie die benachbarten, gemähten, geschopperten oder entmoosten Flächen neu besiedeln können.“