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Nicht immer erfreute Michael Zeinert, was er in den vergangenen Wochen über die geplante Fusion in der Zeitung lesen musste. Denn es gibt viel Kritik aus den Reihen der Politik.

IHK zieht die Reißleine in Sachen Fusion

Von Ulf Stüwe
Lüneburg. Die Diskussion um die geplante Fusion der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg mit der Kammer in Braunschweig hat eine neue Wendung bekommen. Wie Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg am Freitag erklärte, seien die Sondierungsgespräche mit der IHK Braunschweig vorerst gestoppt. Die IHK reagiert damit auf die anhaltende Kritik am Zusammenschluss der beiden Kammern und die dadurch ausgelöste Verunsicherung ihrer Mitglieder.

„Wir halten den Prozess an, um möglichst alle mit ins Boot zu holen“, sagte Zeinert gegenüber der LZ. Genau das aber sei durch „zum Teil falsche Tatsachenbehauptungen“ leider erschwert worden. So habe es nie Überlegungen gegeben, die IHK Lüneburg-Wolfsburg aufzulösen, ebenso wenig sei der Wegfall des Hauptsitzes in Lüneburg Ziel der Verhandlung. „Richtig ist, dass wir einen Doppelsitz unter Einschluss sämtlicher vier Geschäftsstellen anstreben.“

Rund 2500 Ehrenamtliche

Die IHK sei eine Einrichtung, in der es anders als bei einem Unternehmen oder einem Kommunalparlament „in jeder Phase wichtig ist, größtmögliches Einvernehmen herzustellen“ und die rund 2500 Ehrenamtlichen von den Zielen der Kammer zu überzeugen und sie einzubinden. Die gegenwärtige Diskussion aber verunsichere die Mitglieder der Vollversammlung.

Um nun „Geschwindigkeit aus dem Prozess zu nehmen“, habe man den Beschlussvorschlag für die IHK-Vollversammlung am kommenden Donnerstag in Wolfsburg zurückgezogen, mit dem das Präsidium grünes Licht für Sondierungsgespräche mit Braunschweig bekommen sollte. „Wir möchten den Eindruck vermeiden, hier sollten voreilige Beschlüsse getroffen werden.“ Zugleich soll eine Arbeitsgruppe eingerichtet werden, deren Aufgabe es ist, mögliche Bedenken gegen eine Fusion aufzugreifen und Wege dorthin aufzuzeigen. Die Gruppe soll von Mitgliedern des Präsidiums und je zwei Vollversammlungs-Mitgliedern der acht Landkreise besetzt werden.

Verständnis für die Bedenken der Fusions-Kritiker

Die Reaktion vieler Politiker auf die Fusions-Pläne habe ihn überrascht, sagte Zeinert. „Wir nehmen die Sorgen und Bedenken sehr ernst.“ Schließlich wolle und müsse man auch weiterhin zusammenarbeiten. Er brachte sogar Verständnis für die Bedenken der Fusions-Kritiker auf: „Ich kann die Wahrnehmung, wonach bei einer größeren IHK jede einzelne Region erstmal eine geringere Bedeutung hat, nachvollziehen.“ Doch genau das wolle man „schon aus eigenem Antrieb“ vermeiden und bisherige Erfolge – er nannte unter anderem die A39-Kampagne und die Zukunftsinitiative „hier-jetzt-heute“ – nicht aufs Spiel setzen.

Ziel sei vielmehr, die regionale Präsenz zu verbessern. Dazu gebe es Überlegungen, vier gleichgroße Teilregionen zu schaffen, eine davon umfasse die Landkreise Lüneburg und Harburg. „Keine soll dabei eine andere dominieren, alle vier agieren auf Augenhöhe“, sagte Zeinert. Da­rüber hinaus habe man der IHK Stade angeboten, sich „an diesem Prozess zu beteiligen“, Teil einer großen IHK zu werden. Dort beschäftige man sich am 14. März mit dem Thema. Die IHK-Gremien seien da-rüber aber noch nicht informiert worden. Zeinert begründete dies mit dem grundsätzlichen Problem, Gremienmitglieder einerseits frühestmöglich einbinden zu wollen, andererseits offen diskutierte Fragen zeitnah beantworten zu müssen. „Wir stecken da zwischen Baum und Borke.“

Gerüchteküche mit Fakten zu untermauen.

Bis zur Sitzung der Vollversammlung im Juni oder September sollen die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorliegen und diskutiert werden. Dann komme auch der jetzt zurückgezogene Beschlussvorschlag wieder auf den Tisch. „Jetzt geht es erst einmal darum, die Gerüchteküche mit Fakten zu untermauen.“

7 Kommentare

  1. Hört sich doch vernünftig an. Ich weiß gar nicht was die Politik dagegen hat. Die Politik sollte mal lieber selbst darüber nachdenken sich effizienter zu organisieren. Lüneburg würden Zusammenschlüsse auf kommunaler Ebene gut tun. Die Standortfrage einer Sport- und Eventhalle müsste z.B. danach nicht so kleinlich auf dem beengten Lüneburger Stadtgebiet diskutiert werden und Herr Mädge müsste nicht zwanghaft jede Grünfläche zum absaugender erklären. Derzeit wird am Heidkamp auf dem alten Hockey Platz versucht den durch die Kinder gut genutzten Bolzplatz auch noch zu bebauen. Hauptsache es wird auf Lüneburger Stadtgebiet gebaut.

  2. Wilhelm Ganske

    Was für eine kostspielige Posse, die Herr Kahle, Herr Zeinert, Herr Meier und Herr Streiff da aufführen. Sie möchten ihren vor allem organisationsintern galoppierenden Bedeutungsschwund durch lärmende Wichtigtuerei im arrondierenden Wachstumswahn kompensieren und im Gerangel darum, wer künftig das Führungspersonal und die Chefposten für sich reklamieren darf, planen sie, statt zu verschlanken und Geld zu sparen, dieselbe Struktur gleich viermal vorzuhalten. Ob das alles sinnvoll ist, ob es den Mitgliedsbetrieben dient oder schadet und ob der wirtschaftliche Orientierungspol nun Hamburg oder Hannover sein soll, hängt offenbar gar nicht von Vernunfterwägungen ab, sondern vor allem von der Renitenz möglicher Eingemeindungskandidaten. Dem möchte Herr Zeinert mit „Eindrucksmanagement“ und „Kommunikation“, also mit Zweckpropaganda begegnen.

    Überschattet wird dieses hypernervöse Positionierungsgeschacher von schlechten Nachrichten.

    In diesem Jahr stehen in Karlsruhe nämlich zwei Verfassungsbeschwerden zur Entscheidung an, die fragen, ob die Regelungen, nach welchen die Industrie- und Handelskammern (IHKG), Betriebe der Mitgliedschaft unterwerfen und ihnen eine Beitragspflicht auferlegen, mit Art. 2 Abs. 1 und Art. 9 Abs. 1 GG vereinbar sind.

    Und nach dem „Putsch“, dem fulminanten Wahlsieg der Kammerreformer in der Hamburger IHK, sehen sich jetzt auch in anderen Städten die „Rebellen“ im Aufwind. Die Zeiten von Klüngelwirtschaft, Klientelpolitik und Selbstbereicherung in den IHKn, so sehen die Neuerer es, sind gezählt. Und die nächsten wichtigen Wahlen stehen schon bevor.

    Dazu:

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/hamburg-macht-schule-willkommener-weckruf-1.3402010

    http://hd.welt.de/Wirtschaft-edition/article162373871/Aufstand-der-Pizzaboten.html

  3. Wer, außer den bei den IHKn Beschäftigten, braucht eigentlich IHKn? Woody Allen hat die Kammern einmal völlig richtig als Einrichtungen zur Lösung derjenigen Probleme bezeichnet, welche es ohne sie gar nicht geben würde. Wenn Herr Kahle, Herr Zeinert, Herr Meier und Herr Streiff mehr Medienpräsenz möchten, sollen sie sich doch beim nächsten Episoden-Casting um eine Rolle in „Rote Rosen“, Staffel vierzehn, bemühen.

  4. Wolf-Dieter von Essem

    Herr Schneider hat es auf den Punkt gebracht. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer: Herr Zeinert möchte „bisherige Erfolge nicht aufs Spiel setzen“, nannte unter anderem „die A39-Kampagne“… Zu Erinnerung: das war leider keine Kampagen gegen eine weitere, naturzerstörerische Autobahn, die unserer heimischen Touristikbranche den Ast absägt, auf dem sie sitzt, sondern ein lupenreines „Bekenntnis zum Lückenschluss “ also eine völlig unzeitgemäße Pro-Autobahn-Kampagne, für 400 Tausend Euro; finanziert aus IHK-Zwangsbeiträgen – wer das für eine Erfolggeschichte oder gar Engagement für ein nachhaltiges „Mobilitätskonzept“ hält, ist selber Schuld. Gut , dass sich endlich Widerstand gegen IHK-Zwangsmitgliedschaften, Klientelpolitik und Selbstberreicherung regt. Auch ich hoffe, nach dem Fiasko dieser unfassbaren A39-Kampagne, auf eine baldige Auflösung der IHK. Die „Führungskrafte“ wären in der „freien Wirtschaft“ mit Sicherheit besser aufgehoben.

    • Berthold Fürst

      Herr von Essen, Sie haben absolut recht! Gerade die durch nichts gedeckte Anmaßung in politischen Angelegenheiten das große Wort führen zu wollen, hat in Hamburg eben dafür gesorgt, dass bei der Wahl zum Plenum das Wahlbündnis „Die Kammer sind wir“ nahezu alle alt eingesessenen Unternehmen der Hansestadt verdrängt und 55 von 58 Sitzen erobert hat.

      Ein ähnliches Ergebnis wird es vermutlich in Kürze in Berlin geben und auch in Stuttgart steht die Absetzung der selbstgefälligen Führungsclique unmittelbar bevor.

      Das Manöver im Bermudadreieck Lüneburg-Braunschweig-Wolfsburg hat viele Gründe (vor allem pekuniärer Art) und Ziele, aber das Bemühen um mehr Transparenz und Demokratie sowie das Einstellen von nicht durch die Mitgliedsbetriebe gewünschter und nicht durch diese legitimierter, gleichwohl in deren Namen und auf deren Kosten betriebener Propaganda (z. B.: A39-Kampagne), gehören nicht dazu. (Das Oppositionsbündnis in Hamburg hatte die Kammer in Gerichtsverfahren bereits mehrfach erfolgreich zu Zurückhaltung bei politischen Meinungsäußerungen verpflichtet.)

      Im Juni hat einer bei Blog.jj geschrieben, was ich für eine sehr gute Zusammenfassung der IHK-Problematik halte:

      „Die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg vertritt nach eigenem Verständnis die Interessen von 65.000 gewerblichen Unternehmen aus den Landkreisen Harburg, Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Uelzen, Heidekreis, Celle und Gifhorn sowie der Stadt Wolfsburg gegenüber Politik und Verwaltung.

      Meine Frage:

      Wer vertritt die Interessen dieser 65.000 gewerblichen Unternehmen aus den Landkreisen Harburg, Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Uelzen, Heidekreis, Celle und Gifhorn sowie der Stadt Wolfsburg gegenüber der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg?“

      Quelle: https://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/333784-333784#comment-70016

      • Wer vertritt die Interessen der Unternehmen gegenüber der IHK?

        Das ist gut !!!

        Genau das ist die Kernfrage !!!

  5. „Gut, dass sich endlich Widerstand gegen IHK-Zwangsmitgliedschaften,…regt.“

    Diesen Widerstand gab es schon in den 90-ziger Jahren durch die IHK-Verweigerer. Später nannten sie sich Kammerjäger. Ich erinnere mich noch gut wie ein „Zwangsmitglied“ seine ausstehenden „Zwangsbeiträge“ in einer Schubkarre in Pfennigmünzen vor die IHK fuhr. Die Presse war damals gut vertreten und die LZ hat bestimmt noch Bilder davon.