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Für Wilhelm Grube und seinen Sohn Peer hat jetzt wieder die Stint-Saison begonnen. Bis Ende März wollen die beiden die leckeren Fische aus der Elbe holen. Foto: be

Zeit für Stint: das Kult-Essen aus der Elbe

Hoopte. Er ist klein, silbrig-stahlblau und lässt Wilhelm Grube das Herz höher schlagen: der Stint. Und der ist endlich wieder da. Auch mehr a ls 50 Jahre, nachdem Grube sein erstes Exemplar gefangen hat, ist es für ihn immer noch etwas Besonderes, den ersten Stint des Jahres aus der Reuse zu holen: „Das ist ein tolles Gefühl. Ich halte ihn mir dann unter die Nase, hole tief Luft und rieche, ob er noch den selben Geruch hat, wie die letzten Jahre.“ Anschließend folgt ein persönliches Ritual: „Ich wünsche mir dann, dass es eine gute Saison wird.“

Für Grube ist der Stint nicht bloß ein Fisch, mit dem er sein Geld verdient: „Er bedeutet mir fast alles. Er hat mein ganzes Leben beeinflusst“, erzählt der Elbfischer und schwelgt dabei in Erinnerungen. Bereits mit acht Jahren fing der heute 61-Jährige seinen ersten Stint. Seit 1978 ist das Hobby auch sein Beruf – und der hat Familientradition: Grube‘s Großvater und Vater waren ebenfalls Fischer, Großmutter und Mutter brieten die Fische privat für Geschäftsleute. Den Fang auch der Gastronomie anzubieten, sei damals noch nicht üblich gewesen.

Die Idee dazu kam Grube 1979. Da habe er den Stint erstmals an ein Gasthaus verkauft. Heute ist er bundesweit für seinen frischen Stint bekannt. „Stint-Essen ist heute Kult. Dass das mal so hohe Wellen schlägt, hätte ich nie gedacht.“ Er selbst esse während der Saison jeden Tag gebratenen Stint mit hausgemachtem Apfelmus – ein Traditionsrezept seiner Großmutter und bis heute sein „absolutes Lieblingsessen“. Bis zu 500 Personen besuchen während der Saison täglich sein Lokal am Hoopter Elbdeich.

Geruch von Benzin und kühlem Nass liegt in der Luft

Auch Grubes 24-jähriger Sohn Peer ist in die väterlichen Fußstapfen getreten. Seit 2012 packt er als gelernter Fischwirt im Betrieb kräftig mit an und führt so die alte Familientradition fort. Auf dem kleinen Motorboot, mit dem Vater und Sohn gemeinsam auf die Elbe rausfahren, um einmal täglich die 120 Reusen zu leeren, sind die beiden ein eingespieltes Team. Der Geruch von Benzin und kühlem Nass liegt in der Luft. 50 Stundenkilometer fährt das Boot, am Heck spritzt das Wasser.

Der kalte Fahrtwind fegt geradezu die Kapuze vom Kopf. Vater und Sohn sind sich einig: Es gibt keinen schöneren Beruf – viel besser, als nur im Büro zu sitzen und Papierkram zu erledigen. „Das wäre überhaupt nichts für mich“, sagt Peer Grube. Als Fischer ist jeder Tag anders und man ist sein eigener Herr.“ Klar, die Arbeit sei auch anstrengend, doch im Gegensatz zu früher, müsse man die Reusen heute wenigstens nicht mehr von Hand heraufziehen: „Dafür hat man einen Motor. Das macht es leichter.“

Schwer zu schaffen hingegen mache den Fischern das schlechte Wetter an manchen Tagen oder kaputte Reusen. Auch mit dem Fang habe man nicht immer Glück : „Man kann nicht immer sagen, wo der Fisch zieht. Von 120 ausgelegten Reusen, sind nur 80 voll“, erklärt Grube.

Als die beiden die raketenförmigen Reusen aus dem Wasser ziehen und den zappeligen Inhalt in blaue Plastikkisten schütten, liegt er intensiv in der Luft: der stint-typische, gurkenartige Geruch. Das Zappeln und Klatschen des silbrigen Haufens in den Behältern ist nicht zu überhören, die Münder der Fische gehen hastig auf und zu, sie ringen um Sauerstoff. Ein trauriger Anblick, der auch Wilhelm Grube nach so langer Zeit im Geschäft nicht kalt lässt: „Natürlich freut man sich über den Fang, aber ja, es sind Lebewesen, die hier sterben. Das ist nicht bloß Ware. Das tut mir schon auch ein bisschen leid.“

Der Stint bedeutet für Grube „Heimatgefühl“. Vor allem die Regionalität und die Saisonalität mache ihn so besonders: „Der Stint wird hier von uns noch frisch gefangen, geschlachtet, zubereitet und verkauft. Das bedeutet eine ganz andere Qualität. Außerdem gibt es ihn nur für kurze Zeit.“

So richtig begonnen hat die Saison am Donnerstag, und somit fast zehn Tage später, als in den vergangenen Jahren, wie Grube erklärt. „Aber jetzt ist er da, ist das nicht schön?“, fragt Grube und seine Augen blitzen. Wie immer, wenn die ersten Stinte in den Reusen zappeln.

Von Patricia Luft

Vom Salz- ins Süßwasser

Der rund 20 Zentimeter lange Stint wandert vom Salz- ins Süßwasser, um dort abzulaichen. Im Frühjahr verlässt er das Salzwasser der Nordsee und der Unterelbe und schwimmt den Strom hinauf. Die Laichzeit dauert etwa von Ende Februar bis Ende März, wenn die Wassertemperatur um die fünf bis sieben Grad beträgt.

Ein Zusammenspiel zwischen Temperatur und Lichtzeiten ist dafür verantwortlich, dass der Stint sich jährlich auf den Weg die Elbe herauf macht. Typisch für ihn ist der intensive, gurkenartige Geruch. Der Stint wird von Feinschmeckern als immer seltener werdende Delikatesse hoch geschätzt. Ein Kilogramm kostet derzeit rund 6,50 Euro. plu