Donnerstag , 20. September 2018
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Zerkleinerte Plastikteilchen, Glasscherben, Haargummis, Tamponhüllen, Verschlusskappen, Stifte: Unter anderem auf dieser Fläche bei Neetze wurde stark verunreinigter Kompost ausgebracht. Foto: plu

Ganze Äcker voller Müll

Neetze. Stark verunreinigte Äcker sorgen derzeit in der Region für Aufregung. Auf Flächen bei Neetze, Bleckede sowie in de r Gemeinde Bienenbüttel hatten Landwirte Kompost ausgebracht, der offenbar mit zerkleinerten Plastikteilchen, Glasscherben und anderem Müll vermengt war – unter anderem mit Wattestäbchen, Zahnbürsten, Kugelschreibern oder Blutzuckertestern.

Kreis übergibt an Staatsanwaltschaft

Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Lüneburg waren in Bleckede und Neetze bereits vor Ort. Kreissprecher Hannes Wönig sagt zu den Fällen nur so viel: „Dort besteht der Verdacht auf einen unerlaubten Umgang mit Abfällen.“ Eine mögliche Straftat nach Paragraf 326 Strafgesetzbuch. „Beide Fälle werden der Staatsanwaltschaft zur Ermittlung übergeben“, sagt Wönig.

Gleich mehrere Spaziergänger waren auf die Verschmutzung bei Breetze und Neetze aufmerksam geworden und meldeten die Fälle. „Eine absolute Schweinerei“, klagte eine Bürgerin beim Ortstermin mit der LZ. Sie selbst habe beobachtet, wie die Erde bereits vor Wochen mit Lkw angeliefert und anschließend vom Landwirt auf der Fläche verteilt wurde. Wegen der vielen Scherben auf dem Acker sorgt sie sich auch um die Tiere, die über die Fläche laufen und sich verletzen könnten. „Ich kann das nicht verstehen, woher kommt denn diese Erde?“, fragt sie sich.

Problem auch in Bienenbüttel

Eine Frage, auf die Kreissprecher Hannes Wönig bisher noch keine Antwort hat. Dafür ein Landwirt aus der Nähe von Bienenbüttel – denn er selbst ist betroffen. Das erste Mal in seiner Laufbahn als Landwirt hatte er zertifizierten Kompost aus einer Anlage im Landkreis Lüneburg als Dünger eingesetzt. Insgesamt 700 Kubikmeter. „Zu sehen war von der Verunreinigung zunächst nichts“, sagt er, „auch nicht, nachdem ich den Kompost gestreut hatte.“ Erst der Regen habe die Verunreinigung sichtbar gemacht.“

Inzwischen ermitteln die Behörden, der Landkreis hat die betroffenen Flächen gesperrt – ingesamt 13 Hektar. Was das für Folgen haben wird, kann der Landwirt bisher nicht absehen. Klar ist für ihn aber schon jetzt: „Wenn ich die Flächen über längere Zeit nicht mehr bewirtschaften darf, ist das für uns eine Katastrophe.“ Und zwar eine, „an der wir keine Schuld tragen“, betont der Landwirt.

Kompost aus Haushalts-Bioabfall

Grundsätzlich ist der Einsatz von derartigem Kompost als wertvoller Dünger in der Landwirtschaft gängige Praxis, erklärt Dr. Jürgen Grocholl, Bezirkstellenleiter der Landwirtschaftskammer in Uelzen. „Aber solch ein Müll gehört da definitiv nicht rein!“

Derartiger Kompost wird laut Grocholl aus den Bioabfällen der Haushalte gewonnen. Die Qualität hänge davon ab, was in die Biotonne wandert: „Wenn die Leute da nur reinschmeißen, was auch wirklich reingehört, können diese Bioabfälle zu sehr wertvollem Dünger aufbereitet werden.“ Der Einsatz des Komposts auf landwirtschaftlichen Flächen sei in der Bioabfallverordnung geregelt, außerdem unterliege die Kompostherstellung einer Gütesicherung. Dennoch bleibt ein Restrisiko, denn sichtbare und unsichtbare Schadstoffe wie Schwermetalle könnten im Kompost enthalten sein.

Der Landwirt aus Bienenbüttel hat eine Konsequenz aus dem Vorfall bereits gezogen. „Ich habe das erste und letzte Mal derartigen Kompost auf meinen Flächen eingesetzt!“

von Patricia Luft und Anna Sprockhoff

One comment

  1. Cordula Thomson

    „Das erste Mal in seiner Laufbahn als Landwirt hatte er zertifizierten Kompost aus einer Anlage im Landkreis Lüneburg als Dünger eingesetzt.“
    …. Scherben und Kugelschreiber im „zertifizierten“ Kompost? Man fragt sich: was noch? Was genau ist „Gütesicherung“ , welche Untersuchungs-Verfahren werden bei der Prüfung eingesetzt? Handelt es sich um eine reine „Sichtprüfung“ des „Komposts“? Müsste hier nicht auch auf Gifte kontrolliert werden? Zur Erinnerung: in Baden-Württemberg wurde letztes Jahr ein großer Umweltskandal publik: Rund 400 Hektar Fläche wurden von Landwirten mit Komposterde gedüngt, der mit Abfällen aus der Papierindustrie vermengt war: nun sind Erde und Trinkwasser durch Fluor-Chemie (PFC) vergiftet. Mehr dazu:
    http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/umweltskandal-woher-kam-das-zeug-bloss-14418841.html
    Es wäre schon interessant, zu erfahren, was von der Landwirtschaftkammer und den zuständigen Aufsichtsbehörden in Niedersachsen getan wird, um zu verhindern, das sich Vergleichbares in unserer Region wiederholt.-