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Die gerade fertiggestellte Pauluskirche. Das Bild entstand 1970 aus dem Hochhaus am Thorner Markt. Foto: A/mac

Lüneburger Paulusgemeinde wird 50: Als die Kirche auf den Kreideberg zog

Lüneburg. Die Stadt brauchte Platz, die Einwohnerzahlen kletterten. Der Blick fiel auch auf den Kreideberg, da wo sich große Felder hinzogen. An den „Rändern“ wurde schon in den 50er-Jahren gebaut, Wohnraum für Lüneburger, aber auch für vom Zweiten Weltkrieg in die Stadt gespülte Vertriebene und Flüchtlinge. Doch nun folgten Blocks und Hochhäuser, dazu Bungalows. Bis zu 8 000 Menschen sollten eine Heimat finden. Klar war den Planern im Rathaus, auch eine Kirche gehört in den Stadtteil. Am 1. Januar 1967 wurde daher die Paulus-Gemeinde gebildet. Die feiert in diesen Tagen ihr 50-jähriges Bestehen. Am Sonntag, 26. März, lädt sie zu einem Festgottesdienst ein.

Auf dem Kreideberg spiegelt sich ein gewaltiges Stück Stadtgeschichte wider. Zählte Lüneburg 1939, dem Jahr, in dem Deutschland die Welt mit einem Krieg überzog, rund 33 500 Menschen an der Ilmenau, waren es 1950 gut 57 000. Es wurde gebaut und gebaut. Schließlich auch auf dem Kreideberg.

Vis-à-vis dem Einkaufszen­trum erwarb die Landeskirche 1963 ein 6295 Quadratmeter großes Grundstück. Ursprünglich sollte die Martin-Luther-Gemeinde, zu der dieser Bereich gehörte, ein Gemeindezentrum erhalten. Doch schnell war klar: zu wenig. Eine eigene Gemeinde soll es werden, zu der auch Nicolai und Michaelis Gemeindeglieder zusteuern.

„Erstes Stahlseil-Dach Europas für Lüneburg“

Die Kirche schrieb einen Architekten-Wettbewerb aus, im November 1965 ging der 1. Preis an die Lüneburger Gerd Meyer-Eggers und Dr. Rothgordt, 2. wurde Carl-Peter von Mansberg, der später unter anderem den Umbau der Scharnhorst-Kaserne zur Uni begleitete. Die Gewinner hatten einen futuristischen Plan entworfen. Den frei stehenden Turm als „Wäscheklammer“

Ein Blick auf das ungewöhnliche, schwebend wirkende Dach der Kirche. Das Bild entstand um 1970. Foto: A/mac

und das gewölbte Dach der Kirche.

„Erstes Stahlseil-Dach Europas für Lüneburg“, schrieb die LZ 1970. Das Bauunternehmen Garbers setzte die Pläne um. Die LZ damals: „Der 40 Meter hohe eigenwillig geformte Glockenturm, der schon seit längerer Zeit fertiggestellt ist, war nach Aussage von Bauningenieur Hans-Hermann Garbers im Vergleich dazu ein reines Kinderspiel und wurde von einem Polier und einem Zimmermann im Alleingang gebaut. Das Kirchenschiff aber – insbesondere das von 9 auf 12,50 Meter ansteigende Kirchendach – hat eine Fülle von Schwierigkeiten mit sich gebracht.“
Die Fachleute setzen nach zig Überlegungen eben auf eine Konstruktion aus 42 Stahlseilen, die den Rundbau von 22 Meter Durchmesser kreuzweise überspannen. Jeder Punkt muss millimetergenau berechnet, die Seile müssen immer wieder nachgespannt werden.

Natürlich gibt es Diskussionen um das 2,3 Millionen Mark teure Bauwerk. „Zu wenig Kirche“, monieren Kritiker. Und dann auch noch so ein Kontrapunkt zu den uniformen Blocks und Bungalows drumherum. Was die einen scheußlich finden, sehen Befürworter als Antwort der Moderne. Denn durch den Halbkreis der 400 Plätze um den beweglichen Altar ist das starre Gegenüber von Pastor und Gemeinde aufgehoben. Auch kann im Rundbau alles verändert werden, das ermöglicht eine andere Form der Gemeinschaft.

Erster Gottesdienst Ende 1967 im Gemeindehaus

Später als gedacht ist alles fertig, nämlich erst am 18. April 1971. „Neuer Mittelpunkt für den Kreideberg“, schreibt die LZ. Pastor Valentin Goldenstein, der zuvor im benachbarten Gemeindehaus Gottesdienst feierte, kann mit seinem Kollegen Martin Dreyer nun die Kirche nutzen. Natürlich ist die übervoll, auch Landessuperintendent Dieter Andersen ist bei der Kirchweihe dabei.

Das Gemeindeleben pulsiert da schon. Denn Valentin Goldenstein, der im August 1967 vom Landesbischof zum Pastor der Paulusgemeinde ernannt wurde, hat gemeinsam mit seinen Mitstreitern einiges angeschoben. Am 1. Advent 1967 treffen sich die Gläubigen im schon fertigen Gemeindehaus zum ersten Gottesdienst. Eine Chronik nennt für Januar 1968 die erste Probe des Chores und regelmäßige Treffen des Frauenkreises, später dann Altennachmittage, die Gründung eines Besuchsdienstes, Kinderbetreuung und eine „Freizeitfahrt der Jungschar“, selbstverständlich findet sich auch ein Kirchenvorstand zusammen. Im Jahr 1985 wächst die Gemeinde um Ochtmissen.

Die Kirche ist das, was sie sein soll: ein Ort der Gemeinschaft, Hilfe und Zuversicht. Ein warmes Herz. Das bleibt sie über die Jahrzehnte, auch wenn Pastoren und Aktive wechseln. Angebote für Junge und Alte, Konzerte und Kaffeenachmittage, Begleiter in der Trauer, fröhlicher Ort bei Konfirmationen und Trauungen.

Der Wandel macht auch Paulus zu schaffen, weniger Menschen fühlen sich in der Kirche heimisch. Das hat zu Veränderungen geführt, vor Jahren schon etwa zu einer engeren Zusammenarbeit mit Nicolai und Martin-Luther. Doch Paulus bleibt eine Heimat auf dem Kreideberg und eben auch das Wahrzeichen des Stadtteils – die Wäscheklammer gehört zum Gesicht des Viertels dazu.

Von Carlo Eggeling

Festlich

Die Gemeinde feiert ihre Gründung über das ganze Jahr. Am Sonntag, 26. März, um 10 Uhr predigt Landessuperintendent Dieter Rathing. Zudem stellt die Gemeinde dann ihr Buch zum Fest „Gesichter und Geschichten“ vor, in dem Gemeindemitglieder erzählen. Die Bilder hat LZ-Fotograf Andreas Tamme gemacht. Für Freitag, 31. März, ab 19 Uhr lädt Pastor Matthias Schlichting ein zum „Kabarettabend Glaubenspfeffer – einem Kochabend auf evangelisch.“

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