Dienstag , 19. September 2017
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Diese Übung nennt sich „Mutprobe“, dabei werden Leckerlis für Sam auf dem am Boden liegenden Kind – in diesem Fall Julia – verteilt, und der Hund muss dann danach suchen. Foto: t&w

Border Collie wird zum Eisbrecher

Lüneburg. Ob Sam seinen Job auf Dauer ausübt, wird sich noch entscheiden. Derzeit ist es eine Beschäftigung auf Probe. Wahrscheinlich trägt er desh alb die Bezeichnung „Azubi“ auf seinem Geschirr. Seit acht Monaten ist Sam als Schulhund im Einsatz und für die Lerngruppe „Erde“ der Montessori-Schule Lüneburg inzwischen ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Die Aussichten für eine langfristige Anstellung sind gut.

Vor zwei Jahren hat Charlotte Schneider die Entscheidung getroffen, einen Vierbeiner bei sich aufzunehmen. „Ich hatte schon damals den Plan, das Tier irgendwann in den Unterricht zu integrieren“, sagt die Lehrerin, „deshalb waren mir Rasse und Charakter bei der Auswahl sehr wichtig.“ Den Zuschlag bekam schließlich ein Border Collie namens „Mr. Sunshine of Rainbow Landscape“ – gerufen Sam.

Vierbeiner hat Kurse in der Hundeschule absolviert

„Wir haben bewusst einen Hund aus einer Zucht genommen, damit wir sein Wesen schon früh beobachten konnten“, erzählt die 29-Jährige. Ruhig, ausgeglichen und freundlich zeigte sich der Welpe – gleichzeitig sensibel, aufmerksam und neugierig. Das passte.

Sam hat zahlreiche Erziehungskurse bei der Hundeschule absolviert, zudem durchlief er mit Charlotte Schneider eine Weiterbildung zur hundgestützten Pädagogik. „Hier lernen die Halter viel über das Verhalten der Hunde, über Signale und Stresssymptome, aber auch den möglichen Einsatz im Unterricht.“ Den erlebt Sam jetzt auch in der Praxis.

„Die Schüler und Eltern durften sich vor Beginn des neuen Schuljahres entscheiden, ob die Kinder zu mir in die Lerngruppe kommen“, erklärt Charlotte Schneider. Da die Schule just zum selben Zeitpunkt ihr Konzept auf jahrgangsgemischte Klassen umstellte, hatte jeder die Wahl – und wollte sie auch nutzen. „Fast 90 Prozent der Jungen und Mädchen waren von dem Gedanken begeistert“, sagt die Lehrerin. 20 bekamen letztlich den Zuschlag.

Die rechtlichen Voraussetzungen hatte Charlotte Schneider bereits vorher geschaffen, auch hygienische und räumliche Begebenheiten geklärt – nun galt es, die Kinder auf Sams Einsatz vorzubereiten. „Wir haben viel über die Körpersprache des Hundes gesprochen“, berichtet die Pädagogin, „haben die einzelnen Schüler auch mal in die Rolle des Tieres versetzt, um ihnen zu zeigen, wie es sich anfühlt, wenn beispielsweise alle auf einen losstürzen.“

„Schüchterne Kinder tauen auf, angespannte oder ängstliche werden ruhiger.“ Charlotte Schneider, Lehrerin

Das hat gefruchtet. Umsichtig und aufmerksam gehen die Jungen und Mädchen mit dem Tier um, bringen es zu keinem Zeitpunkt in Bedrängnis – und machen dabei gute Erfahrungen: „Sam wirkt bei vielen wie ein Eisbrecher“, erläutert Charlotte Schneider, „schüchterne Kinder tauen auf, angespannte oder ängstliche werden ruhiger, wer vorher beim Anblick eines Hundes die Straßenseite gewechselt hat, bleibt nun ganz locker.“ Trotzdem sei immer Vorsicht geboten.

Wenn der Hund gestresst ist, bekommt er Pausen

„Ich erkläre den Schülern natürlich, dass die Tiere unterschiedlich sind und unterschiedlich reagieren“, sagt die Lehrerin. Einen fremden Hund sollten sie deshalb erst dann streicheln, wenn sie vorher den Besitzer gefragt hätten. Auch Sam sei letztlich immer noch ein Tier. „Deshalb beobachte ich ihn ständig, wenn er gestresst ist, bekommt er seine Pausen.“ Grundsätzlich gilt: Mehr als zwei Mal pro Woche kommt der Hund nicht mit in die Schule.

Das sind immer die besten Tage für die Kinder: „Es ist super, wenn Sam da ist“, findet die neunjährige Lotte, „man wird immer so herzlich begrüßt, das ist toll.“ Auch Greta ist begeistert: „Der hat so einen süßen Hundeblick und kuschelt gerne“, sagt die Siebenjährige.

Weil ein Tier nach Einschätzung von Experten eine positive physiologische, psychologische und soziale Auswirkung hat, wächst die Zahl der Schulhunde ständig. Kontakt untereinander gibt es AKSchulhundLG@web.de.

Von Ute Lühr