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Ricarda Rabe ist Pastorin für Kirche und Landwirtschaft, begegnet in ihrem Arbeitsalltag immer wieder Landwirten, die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Foto: t&w

Burn-Out auf dem Bauernhof

Echem. Sie ist auf dem Bauernhof aufgewachsen und war 2014 die erste Frau, die den Kirchlichen Dienst auf dem Land der hannoverschen Landeskirche übernommen hat. Auf Einladung der Landfrauen war Pastorin Ricarda Rabe nun zu Gast in Echem und sprach im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum vor mehr als 100 Zuhörern über das Thema Burn-Out. Ein Zustand tiefer emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung, der der 51 Jahre alten Pastorin gerade in der Landwirtschaft immer häufiger begegnet. Ein Gespräch über Ursachen, Auswirkungen und gesellschaftliche Verantwortung.

Interview

Frau Rabe, Sie beschäftigen sich als Pastorin gezielt mit dem Thema Burn-Out in der Landwirtschaft. Warum?
Ricarda Rabe : Ich bin zuständig für die evangelisch-landwirtschaftliche Familienberatung, einem Team aus 18 Frauen und Männern, das auf Bauernhöfen im ganzen Land beratend im Einsatz ist. Dabei geht es um viele Themen, aber eines begegnet uns in jüngster Zeit immer häufiger: das Thema Burn-Out.

Woran liegt das?
Landwirtschaft bedeutet oft Stress. Und es gibt vieles, auf das man als Landwirt keinen Einfluss nehmen kann. Mal spielt das Wetter nicht mit, dann geht plötzlich eine Maschine kaputt, Tiere werden krank oder die Ernte fällt unerwartet schlecht aus. Das ist grundsätzlich schon eine hohe Belastung, mit der die meisten Landwirte aber klarkommen – und auf die sie sich bewusst eingelassen haben. Doch in den letzten Jahren sind zwei weitere Punkte hinzugekommen, die vielen Bauern schwer zu schaffen machen: der extreme wirtschaftliche und gesellschaftliche Druck.

Was heißt das konkret, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Druck?
Die Preise im Milchvieh- und Schweinehaltungsbereich, zum Teil aber auch im Getreidebereich sind im Keller. Gerade die Milchbauern haben in den letzten beiden Jahren hohe Eintritte bezahlt, um in ihren Stall gehen zu dürfen. Viele Landwirte müssen zudem Schuldendienste leisten, Altenteiler versorgen, Kinder wollen studieren und Mitarbeiter müssen bezahlt werden. Wenn man nicht mehr weiß, wie man das alles bezahlen soll, liegen die Nerven blank. Und dann kommt auch noch das Gefühl dazu, die Gesellschaft versteht einen nicht mehr, verurteilt alle Landwirte als Tierquäler und Umweltverschmutzer. Das ist eine Situation, unter der viele Landwirte leiden. Manche so sehr, dass sie psychisch krank werden.

„Vielen Landwirten fällt es schwer, zu sagen: Ich kann nicht mehr“

Wie erleben Sie das? Wie sieht das aus, ein Burn-Out in der Landwirtschaft?
Das kann sich sehr unterschiedlich äußern. Mir fällt da zum Beispiel der Fall eines Ehepaares ein. Die haben zwei Höfe zusammengelegt, haben einen neuen größeren Stall gebaut und Kinder bekommen, außerdem kümmerten sie sich um die Altenteiler. Dann fing es irgendwann an in der Ehe zu kriseln, kurz darauf rutschten die Preise in den Keller und die immensen finanziellen Belastungen durch Landzukauf und Stallbau waren nicht mehr zu bewältigen. Also was tun? Die Kinder waren noch nicht so alt, dass sie entscheiden konnten, ob sie den Hof mal übernehmen wollen. Doch die Frage stand im Raum – und der Druck lastete auf Eltern und Kindern. Irgendwie machte das Paar weiter, aber irgendwann war da dieses Gefühl: Ich kann nicht mehr, ich habe einfach keine Lust und keine Kraft mehr. Dazu kommt dann noch das Phänomen der Vereinsamung: Es gibt immer weniger Landwirte – und damit immer weniger Menschen, die meine Probleme verstehen.

Was hat das für konkrete Konsequenzen?
Wenn ich im normalen Angestelltenverhältnis bin, dann lasse ich mich krankschreiben, gehe zur Not zum Psychotherapeuten oder in eine psychosomatische Klinik und lasse mich behandeln. Vielen Landwirten fällt es schwer, zu sagen: Ich kann nicht mehr. Außerdem sind da Hof und Tiere, die man nicht allein lassen kann. Also quälen sie sich jeden Tag in den Stall, tun nur noch das Nötigste, übersehen vielleicht auch mal die gesundheitlichen Probleme einer Kuh. So entwickelt sich das dann Stück für Stück weiter. Manche haben das Glück, dass es Menschen im Umfeld gibt, die das wahrnehmen und ihnen helfen, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Es gibt aber auch genug Landwirte, die sich so lange quälen, bis gar nichts mehr geht – mit unterschiedlichen Konsequenzen. Ich habe einen Fall erlebt, wo der Amtstierarzt die Tierhaltung verbieten musste, weil der Bauer es einfach nicht mehr vernünftig auf die Reihe gekriegt hat. Das war keine böse Absicht, sondern die Folge völliger Überforderung und Erschöpfung. Immer wieder gibt es auch Fälle, in denen Landwirte gewaltätig werden gegenüber ihren Tieren, ihrer Frau und manchmal richtet sich diese Gewalt auch gegen sich selbst. Vor nicht allzulanger Zeit hat sich ein Landwirt, gerade mal um die 40 Jahre alt, im Kälberstall das Leben genommen.

„Der Respekt vor der Arbeit von Landwirten muss wieder deutlich werden“

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?
Hilfreich wäre sicherlich, wenn sich die wirtschaftliche Situation der Landwirte verbessern würde. Aber aktuell sieht es eher so aus, als wenn der Druck bleibt. Die Preisgestaltung im Lebensmitteleinzelhandel ist brutal hart und ich glaube nicht, dass sich daran etwas ändert. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Respekt vor der Arbeit von Landwirten wieder deutlich wird. Ich glaube, dann fällt manches andere leichter. Landwirte und Gesellschaft sollten einander mehr zuhören und nicht schon mit vorgefassten Meinungen aufeinander zugehen. Momentan ist die Situation gerade auch auf Seiten der Landwirtschaft sehr angespannt, die Nerven liegen blank. Ein gutes Beispiel dafür ist die jüngste Bauernregeln-Kampagne von Bundesumweltministerin Hendricks. Da ging es ja nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, dass man sich verunglimpft fühlt. Jeder Funke von Kritik wird als Generalangriff verstanden und so dann auch beantwortet. Auch das ist natürlich nicht zielführend.

Wenn sich nichts ändert, wohin führt diese Entwicklung?
Das Land wird sicherlich immer bewirtschaftet werden. Die Frage ist nur: von wem? Immer weniger junge Menschen wollen zu Hause den Hof übernehmen und sich den Stress antun. Wer sich auf Dauer in dieser Branche durchsetzen will, muss hart im Nehmen sein, sich durchbeißen können. Ich befürchte, die Betriebe werden immer weiter wachsen, die Industrie wird im großen Stil einsteigen – und unsere Landwirtschaft wird immer unpersönlicher werden.

Von Anna Sprockhoff