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Mit 27 Fällen machten Sexualstraftaten, Körperverletzungen und häusliche Gewalt den größten Part in der Arbeit des Weißen Rings aus. Dabei kamen die Täter oft aus dem engsten Umfeld der Opfer. Foto: A/t&w

Helfer in Zeiten der Not: Weißer Ring Lüneburg legt Bilanz vor

Lüneburg. 10. August 2016: An der Oberschule Scharnebeck zoffen sich drei Jungs, plötzlich ist ein Messer im Spiel. Täter ist ein 14-Jähriger, seine beiden Opfer erleiden schwere Stichverletzungen. Vor knapp zwei Wochen nun musste sich der Jugendliche vor dem Lüneburger Amtsgericht verantworten: Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt – ohne Bewährung. In dem Prozess mussten die beiden anderen Jugendlichen aussagen. Sie wurden nach der Tat von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring betreut, die auch den Rechtsanwalt bezahlte, der sie als Zeugenbegleitung in dem Prozess unterstützte.

In diesem Fall zu helfen, war für Gerhard Hoene, Leiter der Lüneburger Außenstelle im Weißen Ring, und sein Team ebenso selbstverständlich wie in anderen Fällen. Etwa dem der Frau, die von ihrem damaligen Lebensgefährten geschlagen wurde, der Mann zerlegte mit einer Axt einen Teil der Wohnungseinrichtung. Verständlich, dass sie nicht mehr bei ihm bleiben wollte. Der Ring half und übernahm einen Teil der Umzugskosten.

Weniger Fälle als in Vorjahren

Hoene präsentierte jetzt die Bilanz 2016: „Wir hatten gegenüber den Vorjahren weniger Fälle und haben weniger finanzielle Unterstützung ausgezahlt. Ich hatte mich kürzlich mit Vertretern von sieben anderen norddeutschen Außenstellen unterhalten, da war‘s genauso. Und keiner weiß warum.“

Die Bilanz sieht so aus: Neben menschlicher Zuwendung und anderer Unterstützung erhielten im vergangenen Jahr 43 Opfer 13 700 Euro (2015: 57 Opfer und 33 200 Euro) an materieller Hilfe. Hoene: „Zudem hat der Weiße Ring 9500 Euro für Antragsteller beim Fonds sexueller Missbrauch vorgeschossen, damit Therapien ohne Zeitverzögerung begonnen werden können.“ Der Schwerpunkt der Opferbetreuung lag mit 16 Fällen (ohne Anträge an den Fonds) bei Sexualstraftaten, mit elf Fällen bei Körperverletzungen und häuslicher Gewalt, gefolgt von sechs Fällen von Eigentumsdelikten.

Finanzielle Hilfe vom Weißen Ring erhielt auch eine etwa 50 Jahre alte Lüneburgerin, die als Jugendliche von einem Verwandten sexuell missbraucht wurde und bis heute darunter leidet. Das Versorgungsamt hatte ihr eine Erwerbsminderung von 50 Prozent zuerkannt. Hoene: „Über einen Anwalt legte der Weiße Ring Widerspruch dagegen ein. Letztlich wurden ihr 60 Prozent zuerkannt und mit einem Berufsschadensausgleich monatlich 1900 Euro. Da die Leistung rückwirkend ab Antragsdatum geleistet wurde, gab‘s eine Zahlung von 58 000 Euro.“

Bis zu 300 Euro Soforthilfe

Unterstützt wurde auch der junge Mann, der von seiner Ex-Freundin mit einem Messer angegriffen wurde, seitdem ist ein Finger taub und bewegungseingeschränkt. Die Täterin wurde zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Menschliche wie finanzielle Hilfe gab es für eine Frau, die von ihrem Ex-Freund so gestalkt wurde, dass sie zu ihrer Mutter zog, zurzeit arbeitslos ist und keinen Kontakt zum Jobcenter aufnahm – aus Angst, ihre aktuelle Adresse könnte bekannt werden.

Der Weiße Ring, der schnell und unbürokratisch hilft, kann Soforthilfen vergeben, deren Grenze vor kurzem von 250 auf 300 Euro aufgestockt wurde. Eine solche erhielt zum Beispiel ein Frührentner, der von einem anderen Radfahrer angefahren und verletzt wurde. Mit der Soforthilfe konnte er sein Rad reparieren lassen.

Der Weiße Ring finanziert sich über Mitgliedsbeiträge (2,50 Euro monatlich), Spenden, Geldauflagen der Gerichte und sehr wesentlich durch testamentarische Verfügungen. Die Lüneburger Außenstelle ist täglich rund um die Uhr (ggf. mit Anrufbeantworter) unter (04131) 58130 erreichbar.

Von Rainer Schubert

Mehr Psychotherapeuten zulassen

Krankenkassen sollen mehr Psychotherapeuten zulassen, damit Opfer schneller mit einer Therapie beginnen können – und ihnen dadurch effektiver geholfen wird. Dies fordert der Weiße Ring zum Tag der Kriminalitätsopfer. „Opfer sind nach einer Straftat nicht nur körperlichen, sondern auch enormen seelischen Belastungen ausgesetzt“, sagt die Bundesvorsitzende Roswitha Müller-Piepenkötter: „Je länger sie auf einen Therapieplatz warten müssen, desto schlimmer und auswegloser empfinden sie ihre Situation.“ Krankenkassen sollten durch mehr Zulassungen von Therapeuten gegensteuern. So sollte eine für Patienten zumutbare Wartezeit von maximal fünf Wochen festgeschrieben werden. rast