Dienstag , 25. September 2018
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Noch heute sitzt Marie Horstmann täglich an dem alten hölzernen Spinnrad, das sie vor 75 Jahren einmal fand. Foto: t&w

Bleckederin feiert 100. Geburtstag: Mit Schwung am Spinnrad

Bleckede. Die Frühlingssonne strahlt hell durch das Fenster in ein freundliches Zimmer im Seniorenheim Johanneshof in Bleckede. Liebevoll eingerichtet ist es, überall fallen private Erinnerungen ins Auge – eingerahmt und sorgfältig platziert an den weißen Wänden: Fotos einer lachenden Menschengruppe, ein selbstgebastelter Kalender, von dessen März-Kalenderblatt zwei große, weiße Hunde blicken. Die Fotos erzählen Geschichten – und zwar die von Marie Horstmanns Leben. Einem langen Leben, denn die zierliche Frau mit den kurzen, schneeweißen Haaren hat jetzt ihren 100. Geburtstag gefeiert.

Das Spinnen brachte sie sich selber bei

Seinen festen Platz an der Wand hat auch ein gewebtes Bild, auf dem eine Frau am Spinnrad zu sehen ist. Zwar zeigt es nicht Horstmann persönlich, aber auch sie sitzt an einem hölzernen Spinnrad, als die LZ sie besucht. Mit dem rechten Fuß treibt sie das Schwungrad über ein Trittbrett an, in den faltigen Händen hält sie den grauen Faden, der immer länger wird. Jeder Griff sitzt – kein Wunder, denn das Spinnen betreibt Marie Horstmann seit 75 Jahren: 1942 hatte sie zu Hause in Neetze ein kaputtes Spinnrad gefunden. Sofort begeistert, reparierte sie es und brachte sich das Handwerk selbst bei. An jenem Spinnrad sitzt sie auch heute, 75 Jahre später, noch täglich. Und wie sie so da sitzt, die Wolle gekonnt einfädelt und erzählt, da ist von Altersschwäche oder -müdigkeit keine Spur.

Marie Horstmann wurde 1917 in Neetze geboren, wuchs dort als Einzelkind bei ihrer Mutter auf, ihr Vater war kurz nach ihrer Geburt im Krieg gefallen. Mit 18 ging sie für ein Jahr in den Harz, um in einem Privathaushalt kochen zu lernen. Dass das Kochen sie einmal zu ihrem künftigen Mann bringen würde, ahnte sie da noch nicht.

1936 verschlug es sie nach Berlin, dort arbeitete sie als Köchin in einem Restaurant. In diesem lernte sie ihre große Liebe kennen: Einen gebürtigen Berliner, der dort kellnerte. 1940 heirateten die beiden, bekamen wenig später zwei Töchter.

„Ich habe im Leben nichts geschenkt bekommen“

Als die Familie Berlin wegen des Krieges verlassen musste, ging sie zurück nach Neetze. Der Vater kam, wann immer es ging, zu Besuch, doch nur vier Jahre nach der Hochzeit fiel auch er im Krieg. Marie Horstmann ereilte somit das gleiche Schicksal wie ihre Mutter, auch sie stand plötzlich allein da. „Ich habe im Leben nichts geschenkt bekommen“, sagt sie über ihre Zeit als Kriegswitwe und Alleinerziehende.

Verliebt habe sie sich danach nicht noch einmal – bis heute lebt sie allein. Ihre Familie kommt sie aber häufig besuchen. Mit dabei: die beiden weißen Hunde vom Kalender. Dass Horstmanns Leben von harter Arbeit geprägt war, ist in ihren Erzählungen spürbar: Immer wieder spricht sie davon. Bis sie 71 war, arbeitete sie als Köchin. Und auch das merkt man: Es ist Mittagessenszeit im Johanneshof, eine Altenpflegerin bringt einen Teller Sahnematjes und Kartoffeln aufs Zimmer. Und Marie Horstmann kann es sich nicht verkneifen, augenzwinkernd ein paar Verbesserungsvorschläge zum Essen zu geben.

Von Patricia Luft