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Sebastian Stierl, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik, geht in den Ruhestand. Foto: nh

Sebastian Stierl geht in den Ruhestand

Von Carlo Eggeling
Lüneburg. Es ist eins von diesen kühlen Bildern Edward Hoppers, die er am Meer gemalt hat. Aber dieses ist besonders, kein Leuchtturm, kein S egelboot wie sonst. Der Blick fällt aus der Diele durch eine offene Tür auf das Meer, nebenan lässt sich ein Wohnzimmer erahnen. „Rooms by the Sea“ hat der amerikanische Maler es genannt. Der Druck hängt im Büro von Dr. Sebastian Stierl. Der Ärztliche Direktor der Psychiatrischen Klinik schaut oft darauf, fragt sich, wer wohl hinter der Tür steht, wohin der Blick geht. Und vielleicht ist es für ihn auch eine Perspektive: Durch die offene Tür kann man gehen.

Abschied nach 28 Jahren in Lüneburg

Mit seinem Ruhestand verabschiedet sich der Psychiater von der PKL. Nachfolgerin wird seine Kollegin Dr. Angela Schürmann. 28 Jahre hat er in Lüneburg gearbeitet, zehn davon als Ärztlicher Direktor. Als er den Posten übernahm, herrschte Krise. Die damalige CDU/FDP-Landesregierung privatisierte acht ihrer zehn Landeskrankenhäuser. Die Opposition opponierte erwartungsgemäß, aber vor allem die Beschäftigten machten Druck: Sie fürchteten um ihre Jobs, sahen in privaten Klinikkonzernen das Wohl der Patienten gefährdet. Chefarzt Stierl gehörte zu den Kritikern und Aktivisten. Mit seiner Gitarre sang er auf dem Lüneburger Markt und vorm Landtag in Hannover gegen den Verkauf an.

Verkauft hat das Land die Kliniken dennoch, in Lüneburg an die Stadt. Und so sieht sich Stierl doch als Gewinner. „Psychiatrie ist eine Aufgabe der Daseinsfürsorge, die Gemeinde ist verantwortlich“, sagt der 65-Jährige. In der Region sei man verantwortlich, dass „keine Aussonderung von Menschen“ stattfinde. Eine Kommerzialisierung der Behandlung solle es nicht geben, keinen „Primat des Profits“. Lüneburg habe mit der Gesundheitsholding eine gute Lösung gefunden: „Die Stadt setzt sich für die Gesundheit ihrer Bürger ein.“

Auch wenn die Klinik ihren Anteil leisten müsse, um den über Kredit finanzierten Kaufpreis abzustottern und dieses Geld auch fehle, sei es die richtige Entscheidung gewesen. Der Arzt lobt namentlich Holdingchef Rolf Sauer: „Wir finden ein offenes Ohr für unsere Anliegen.“

Wandel zur wohnortnahen Versorgung begleitet

Ursprünglich war das Haus für psychisch Kranke im gesamten Nordosten Niedersachsens zuständig. Stierl als Anhänger der „Kommunalisierung“ hat einen Wandel zur wohnortnahen Versorgung begleitet. Die Klinik betreut nur die Kreise Lüneburg und Harburg, die übrigen gehen eigene Wege. Aber auch in der Region sollen Tageskliniken wie in Buchholz, eine weitere soll in Winsen öffnen, Patienten Wege ersparen.

„Als ich 1980/81 als junger Arzt im Rheinland anfing, sind wir zu Patienten gegangen“, erinnert sich der Psychiater. Menschen zu Hause zu behandeln, in ihrer gewohnten Umgebung, sei ein Anliegen gewesen, einfach, weil es Kranken dann meist besser gehe. Was damals exotisch war, ist heute wieder oder besser noch sein Thema. Das PKL beteiligt sich an einem Pilotversuch, eben dieses Modell einzuführen. Neben stationärer Hilfe solle es verstärkt ambulante Angebote geben.

Stierl erklärt es einleuchtend: Wenn ein psychisch Kranker in aufgebrachtem ängstlichen Zustand in eine geschlossene Station kommt und dort eben auf Menschen trifft, denen es genauso geht, wirkt das zumeist nicht beruhigend. Sinnvoller wäre es, sofern möglich, den Patienten in seinem gewohnten Umfeld zu behandeln. Dafür braucht es aber Ärzte und Pflegepersonal – einen Systemwechsel.

Zeit genießen und neue Hobbys finden

Der Grund liegt für Stierl auf der Hand: „Menschen können in Extremzustände geraten, das kann jedem von uns passieren. Dafür braucht es dann Räume.“ Auch in der Gesellschaft und nicht nur in einem Krankenhaus.

Stierl will eine Zäsur, wenn er jetzt geht. Keine Gutachten, keine Praxis. Verbunden bleibt er dem Haus am Wienebütteler Weg trotzdem. Er engagiert sich weiter als Vorstand des Trägervereins der Gedenkstätte. Das PKL stellt sich seit langem seiner mörderischen Vergangenheit in Zeiten des Nationalsozialismus. Damals konnte eine Behinderung reichen, um von Ärzten und Pflegern getötet zu werden.

„Ich möchte meine anderen Begabungen kennenlernen“, sagt Stierl und lacht. Er spielt Cello und Gitarre, er lebt mit seiner Frau auf dem Dorf und liebt den Garten am Haus. Doch es gibt noch mehr. Es ist eben ein bisschen wie auf dem Hopper-Bild in seinem Büro: Wer durch die Tür geht, entdeckt Neues. Neue Struktur

Nur noch ein Chefarzt

Organisatorische Änderungen gehen mit dem Abschied von Dr. Sebastian Stierl einher. Dr. Angela Schürmann ist künftig die Frau an der Spitze, sie war eine von zwei Chefärzten, da es zwei Kliniken für die Kreise Lüneburg und Harburg gab. Diese Positionen fließen nun in ihrem Amt zusammen. Die Psychiaterin arbeitet seit Mai 2010 am Wienebütteler Weg.

Drei Leitende Ärzte : Dr. Kathrin Meyn ist für die Abteilung Lüneburg verantwortlich, Burkhard Rehr für Harburg, Dr. Arnd Hill für die Gerontopsy­chiatrie und -psychotherapie. Michaela Bollmann ist Pflegedienstleiterin.

Im Jahr 2016 wurden 3350 Patienten stationär aufgenommen. Weitere 730 wurden teilstationär in vier Tageskliniken, davon drei in Lüneburg und eine in Buchholz, versorgt. 6122 Menschen suchten die Psychiatrischen Institutsambulanzen in Lüneburg und Buchholz auf. In Winsen soll eine weitere Ambulanz und Tagesklinik hinzukommen. In der Klinik arbeiten 313 Mitarbeiter, Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte, Therapeuten, aber auch Mitarbeiter für Technik und Sekretariat. ca