Dienstag , 25. September 2018
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So sieht die Jodel App auf dem Handy aus, in bunten Farben werden die Beiträge der verschiedenen Nutzer angezeigt. Foto: t&w

Der Campus jodelt — Handy-App erobert Lüneburg

Lüneburg . Nadine Nellen lacht, als sie das Foto auf dem Smartphone zeigt: Im abgepackten Salat, dem Mittagessen eines Studenten, sitzt eine Ei dechse. Sein Kommentar: „Nicht so vegan, wie gedacht“. Die 24 Jahre alte Studentin Nadine ist „Jodlerin“, folgt dabei aber keinesfalls einem neuen Gesangstechnik-Trend, der für den Alpenraum typisch ist. Die Lüneburgerin nutzt die Social-Media-App „Jodel“, die zurzeit als die beliebteste Anwendungssoftware bei Studenten gilt.

Früher waren es Schmierereien an der Klotür, heute läuft das alles digital bei „Jodel“ ab: Dort erfährt man nicht nur, was gerade in der Stadt los ist, sondern auch, wer gerade verliebt oder unglücklich ist, wer Hilfe braucht oder was es mit der neuen Straßensperrung auf sich hat. Häufig sind die Beiträge auch völlig schamfrei – „Jodler“ bleiben in der App völlig anonym, sie müssen sich nicht registrieren.

Beiträge aus dem Umkreis von zehn Kilometern

Nadine ist vor allem Beobachterin, sie postet eher selten selbst etwas, amüsiert sich vielmehr über Fotos oder witzige Sprüche anderer Nutzer. Anklicken kann die junge Frau, die Management Engineering studiert und kurz vor ihrer Masterarbeit steht, alles, was im Umkreis von 10 Kilometern veröffentlicht wurde. Unter dem Beitrag wird dann jeweils angegeben, ob der Urheber „nah“, „sehr nah“ oder „hier“ ist. Denn um die App nutzen zu können, muss der Standort freigeben werden, dieser wird dann per GPS geortet. Bundesweit gab es bereits Oktober 2015 über eine Million Nutzer.

In einer Vorlesung wurde Nadine zum ersten Mal auf „Jodel“ aufmerksam, das ist jetzt etwa ein Jahr her. „Alle haben plötzlich gelacht, ich habe mich natürlich gefragt, warum“, sagt die gebürtige Hamburgerin, denn so erheiternd sei der Vortrag des Dozenten nicht gewesen. Ein Sitznachbar erzählte ihr von der App. „Die habe ich mir natürlich sofort heruntergeladen.“ Da habe sie dann auch erfahren, dass ihre Kommilitonen über das fragwürdige Englisch des Dozenten „gejodelt“ hätten.

Mittlerweile ist die Studentin in die Tiefen der App vorgedrungen und hat schon reichlich Karma-Punkte gesammelt. Die erhält man, wenn man Veröffentlichungen von anderen Nutzern „up-“ oder „downvoted“, ihnen also ein Plus oder Minus gibt. Dadurch können die Nutzer auch jederzeit eingreifen, wenn ein Spruch mal unter die Gürtellinie zielt oder gar rassistischer Natur ist. Sobald er einen Wert von -5 erreicht hat, wird er automatisch entfernt.

Jodel und das Karma-Konto

Sprüche können den App-Entwicklern aber auch gemeldet werden, Bilder werden ohnehin geprüft, bevor sie online gehen. Die Regelung hat es nicht von Beginn an gegeben, den Ausschlag dafür sollen freizügige Studentinnen gegeben haben, die sich wiederholt oben ohne in der Bibliothek fotografiert und die Fotos hochgeladen haben.

Nadine fühlt sich bei der App oft an „Dr. Sommer“ erinnert, der stets in der Zeitschrift „Bravo“ peinliche Sex-Fragen beantwortete. So poste der eine, dass er das Verliebtheits-Gefühl vermisse, ein anderer, dass er betrogen wurde, erzählt sie.

Dass die App für Studenten konzipiert wurde, merkt die angehende Ingenieurin nicht nur an Themen wie Sex und Liebe, sondern auch an Beiträgen zu durchzechten Nächten. „Bilder vom Vortrinken oder vom Kater am nächsten Morgen gehen immer“, sagt Nadine. Außerdem sei es morgens ruhig bei „Jodel“, aktiv würden die Nutzer zur Vorlesungszeit, vor allem aber abends.

Von Anna Paarmann

Hintergründe zur App

„Jodel“ ist eine Social-Media-App für Studenten. Nutzer können anonymisiert Beiträge, sogenannte Jodel, veröffentlichen. Beliebt ist Jodel vor allem in Uni-Städten, am größten soll das Netzwerk in München, Hamburg und Berlin sein.

Die App wurde im Oktober 2014 von dem deutschen Studenten Alessio Borgmeyer veröffentlicht, im April 2015 hatte Jodel schon mehr als 100 000 Nutzer, im Oktober bereits über eine Millionen.

Im Mai 2016 wurden jeden Tag 600 000 Jodel geschrieben, also knapp sieben Kurznachrichten pro Sekunde. Das Unternehmen ist mittlerweile auch in Ländern wie Österreich, Schweden oder Dänemark verbreitet.

Was posten Lüneburger?

  •  „Jede Stadt hat eine Hassstadt: Braunschweig hasst Hannover, Dortmund hasst Gelsenkirchen, Bremen hasst Hamburg, Lüneburg hasst Uelzen, Uelzen hasst Uelzen.“
  • „Ich habe letztens gelesen, dass man sich vermehrt vor Einbrechern schützen sollte: Meine Kontoauszüge hängen jetzt an meiner Wohnungstür.“
  •  „Wenn du deine Freundin dabei erwischst, wie sie googelt: Sexpositionen zum Schwanger werden.“
  •  „Ich bin in kurzer Zeit echt dick geworden – war wohl ein Zunahmi.“
  • „RTL – Bildungsfern sehen“
  • „faul, fauler, Student“
  • „Wie heißt ein kleiner Türsteher? Sicherheitshalber!“