Aktuell
Home | Lokales | Ilmenau | Wendisch Evern: Dorfladen ohne Zukunft
Rahsan Ural und Gülay Karatas vor ihrer Verkaufstheke: Am Sonntag werden die beiden zum letzten Mal ihre Kunden bedienen. Der „Dorfladen-Treff“ schließt für immer seine Pforten. (Foto: be)

Wendisch Evern: Dorfladen ohne Zukunft

Wendisch Evern. An den kommenden Sonntag mag Rahsan Ural gar nicht denken – es ist der Tag, an dem der kleine Dorfladen in Wendisch Evern zum letzten Mal seine Pforten öffnen wird. Denn ab Montag bleibt der „Dorfladen-Treff“ geschlossen – für immer! Wenige Tage, nachdem der kleine Laden noch seinen vierten Geburtstag gefeiert hatte (LZ berichtete).

Sinkende Umsätze bereiten Kopfzerbrechen

Sinkende Umsätze machten Rahsan Ural und ihrer Kollegin Gülay Karatas schon länger Kopfzerbrechen. Doch die endgültige Entscheidung, die Selbstständigkeit aufzugeben, fiel erst vor wenigen Wochen – nach einem Kontrollbesuch des Landkreises. Da hatte die Behörde unter anderem bemängelt, dass Rahsan Ural und ihre Kollegin im Geschäft Kuchen selbst backen und verkaufen. Dafür aber sei weder die zu kleine Küche geeignet, noch sei diese Backtätigkeit in der Betriebsgenehmigung enthalten. Mit anderen Worten: Der kleine Laden müsse bauliche Veränderungen vornehmen und eine Nutzungsänderung beantragen. Doch das wollen die beiden Unternehmerinnen nicht mehr. „Ich habe bereits am Dienstag mein Gewerbe abgemeldet“, sagt Rahsan Ural traurig.

Dass sie und ihre Kollegin Gülay Karatas keine Reichtümer mit dem Verkauf von Kaffee, Brötchen, Kuchen, Getränken, Süßigkeiten und Zeitungen verdienen würden, war den beiden Frauen von Beginn an bewusst. Trotzdem sind sie das Wagnis eingegangen, einen Dorfladen in der rund 1800 Einwohner zählenden Gemeinde Wendisch zu betreiben.
Unterstützung fanden sie dabei parteiübergreifend von der örtlichen Kommunalpolitik. Nicht nur, dass der Rat sich seinerzeit dazu entschieden hatte, das Gemeindebüro zu räumen, um Platz zu schaffen für den „Wendisch Everner Dorfladen-Treff.“

Dorfladen war Treffpunkt

Bis zum Schluss standen Rat und Verwaltung einmütig hinter den beiden Geschäftsfrauen: Die Gemeinde als Vermieter hätte auch den geforderten Umbau auf eigene Kosten übernommen, „den entsprechenden Beschluss hat der Verwaltungsausschuss einmütig gefasst“, berichtet Bürgermeister Clemens Leder (CDU). Der Umbau freilich hätte den ohnehin schon kleinen Verkaufsraum noch enger gemacht. „Und das hätte das Geschäft und damit den Umsatz noch weiter eingetrübt“, befürchtet Rahsan Ural. Da zieht sie lieber die Notbremse – so schwer ihr das auch fällt.

Leid tut es ihr vor allem auch um die Stammkunden, meist ältere Wendisch Everner, für die der Dorfladen-Treff im wahrsten Wortsinne auch „Treffpunkt“ war. Zu denen, die den kleinen Laden vermissen werden, gehört Hannelore Werner. Die 77-Jährige kam gerne zum Frühstück. „Zu Hause bin ich den ganzen Tag alleine, hier fand ich immer jemanden, mit dem ich mich unterhalten konnte“, sagt die Wendisch Evernerin und fügt hinzu: „Außerdem schmeckt der Kuchen hier ganz vorzüglich.“

„Es liegt an den Wendisch Evernern selbst, das neue Angebot zu nutzen und dafür zu sorgen, dass der Dorfladen eine Zukunft hat“, appellierten die Ratsmitglieder vor vier Jahren bei der Neueröffnung an die Bürger. Doch dieser Appell geriet offenbar zusehends in Vergessenheit. „Erst wenn der Laden geschlossen hat, werden die Wendisch Everner merken, was sie verloren haben“, befürchtet der Bürgermeister, der weiß: Nachfolger zu finden, das wird mehr als schwierig werden.

Von Klaus Reschke