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Die Kessler-Grundel liegt gut getarnt am Boden des Aquariums im Biosphaerium Bleckede. Foto: schmidt

Kessler-Grundel: Neue Fischart in der Elbe nachgewiesen

Bleckede. Glubschaugen, grimmiger Blick und ein großes, breites Maul: Fast reglos liegt die Kessler-Grundel auf dem Boden des Aquariums, nur die Kiemen an der Seite des bulligen Kopfes bewegen sich langsam hin und her. Der Fisch ist keine Schönheit, wirkt neben Stören, Hechten, Aalen und Lachsen im Biosphaerium Bleckede völlig unspektakulär – und ist dennoch eine kleine Sensation. Er hat ein Forscherteam aus Hamburg in Bleckede auf seine Spuren gelockt und damit die Entdeckung einer neuen Fischart in der Elbe ausgelöst.

Vor wenigen Monaten haben Prof. Dr. Ralf Thiel und sein Team vom Zentrum für Naturkunde der Universität Hamburg erstmals nachgewiesen, dass die aus den nördlichen und westlichen Schwarzmeer-Küsten stammende Kessler-Grundel auch in der Elbe vorkommt. Eine Entdeckung, die inzwischen Schlagzeilen gemacht hat. Und die mit dem Besuch eines aufmerksamen Gastes im Aquarium des Biosphaeriums begonnen hat.

Die Kessler-Grundel — eine kleine Sensation

Es war ein normaler Tag im Biosphaerium, Tierpfleger Sven Schulze hatte wie jeden Morgen die 25 verschiedenen Fischarten gefüttert, als ihn eine Kollegin aus dem Empfangstresen zu sich rief. Ein Besucher hätte sich bei ihr gemeldet, erzählte sie, der glaube nicht, dass es sich bei der Schwarzmund-Grundel tatsächlich um eine Schwarzmund-Grundel handeln könnte. Schulze schaltete Prof. Dr. Ralf Thiel und sein Team ein, die lieferten ihm kurz darauf Gewissheit: Die Schwarzmund-Grundel ist tatsächlich keine Schwarzmund-Grundel. Der Fisch, den Elbfischer Eckhard Panz bei Hohns­torf gefangen und ins Biosphaerium gebracht hatte, ist in Wahrheit eine Kessler-Grundel.

„Diese mit der Schwarzmund-Grundel verwandte Art kannten wir bereits aus der Donau und dem Rhein“, erklärt Dr. Thiel, „vermutlich ist sie im Ballastwasser von Schiffen aus ihrem Ursprungsgebiet im Schwarzen Meer in den Rhein und jetzt auch in die Elbe eingeschleppt worden.“ Dass sie dort inzwischen vorkommt, „hatten wir schon vermutet, konnten es aber nicht belegen“. Bewiesen war seit 2008 lediglich, dass die Schwarzmund-Grundel als eingeschleppte Art die Elbe erreicht hatte.

Um nachzuweisen, dass sich auch die Kessler-Grundel in der Elbe mittlerweile etabliert hat, brauchte das Forscherteam mehr als diesen einen Aquarien-Fisch aus Bleckede. Für Elbfischer Panz kein Problem. Er findet die Fische schon seit fünf Jahren regelmäßig in seinen Reusen, hielt sie allerdings stets für Schwarzmund-Grundeln. Dr. Ralf Thiel untersuchte insgesamt zwölf zwischen August 2015 und Juni 2016 gefangene Tiere, analysierte Schuppen, zählte Wirbelkörper, führte verschiedenste Messungen durch – und hatte schließlich genug Belege für den Erstnachweis.
Was die Ausbreitung der Kessler-Grundel für das Ökosystem Elbe konkret bedeutet, kann Prof. Dr. Thiel noch schwer absehen. „Aber es bleibt sicherlich nicht ohne Folgen, im Schlechten wie im Guten“, sagt er. Auf der einen Seite drohen die Nahrungsressourcen für andere Fische zu schrumpfen, auf der anderen Seite kann sich das Nahrungsangebot für Raubfische verbessern. „Im Nord-Ostsee-Kanal zum Beispiel wachsen die Zander besser, seitdem es dort die Schwarzmund-Grundel gibt.“

Fischer Panz ist erst vor wenigen Tagen wieder auf die Kessler-Grundel gestoßen – und zwar in unerwartet großen Mengen. 500 Exemplare holte er aus seiner Aalreuse, alle zwischen 3 und 12 Zentimeter groß. „Im gesamten letzten Jahr habe ich gerade mal 50 Exemplare gefangen.“ Für ihn ein klarer Beleg dafür, wie rasant sich die Kessler-Grundel in der Elbe ausbreitet. Panz will nun versuchen, die Fische zu vermarkten. „Der Katze hat es schon mal geschmeckt“, scherzt er. Tatsächlich werden die Grundeln in ihren Ursprungsregionen gegessen, dort hat Prof. Dr. Ralf Thiel sie bereits probiert. „Eigen“, sagt er, „aber doch ganz schmackhaft.“

Im Biosphaerium indes lebt die Kessler-Grundel als Ausstellungstier weiter unbehelligt von Anglern oder Fischern in ihrem Becken – inzwischen unter ihrem richtigen Namen und mit der Ergänzung „Erstnachweis“.

Ausbreitung seit den 1990er-Jahren

Die Kessler-Grundel ist benannt nach dem Zoologen Karl Fjodorowitsch Kessler. Sie wird bis zu 22 Zentimeter lang und ernährt sich von wirbellosen Tieren sowie kleinen Fischen. Hauptsächlich verbreitet ist die Art in den Brackwasserzonen der nördlichen und westlichen Schwarzmeer-Küsten. Auch in den Flüssen Donau, Dnister, Südlicher Bug und Dnepr ist sie heimisch. Seit den 1990er-Jahren beobachteten Wissenschaftler eine Ausbreitung in Richtung Nordwesten, unter anderem wurden Exemplare im Rhein nachgewiesen.

Wie die Art ihren Weg in die Elbe gefunden hat, kann das Hamburger Forscherteam nicht belegen. Prof. Dr. Ralf Thiel vermutet allerdings, dass sie ebenfalls im Ballastwasser von Schiffen von einem Fluss in den anderen getragen wurde.