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Dem Opfer wurden zwei Zähne ausgeschlagen. Er wurde das Opfer eines Streits, der zwischen zwei Familien brennt. Foto: nh

Streit um Familienehre: Das blutige Ende einer Liebe

Lüneburg. Es war nur eine kurze Meldung im Polizeibericht. Ein 19-Jähriger sei an der Bleckeder Landstraße niedergeschlagen worden, dem Opfer fehlen Zähne. Der Junge habe flüchten können. Tatverdächtig sei ein 24-Jähriger. Hinter den paar nüchternen Zeilen verbirgt sich ein Drama. Die Geschichte einer Liebe, die an vermeintlicher Ehre, Gewalt und einem nicht auszuhaltenden Druck scheiterte. Doch die Geschichte ist nicht zu Ende. Weder für die beiden Familien, um die es geht, noch für die Polizei. Ermittler fürchten, die Gemengelage könnte explodieren. Die LZ hatte schon einmal über die schwierige Verbindung berichtet.

Alles beginnt vor sechs Jahren. Da lernen sich die türkischstämmige Aische aus Lüneburg und Ronny aus Bienenbüttel kennen, dessen Roma-Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. Die beiden 15-Jährigen werden ein Paar. Aisches Familie darf nichts davon wissen. Die heimlichen Treffen gehen drei Jahre lang gut, dann sieht Aisches Bruder die beiden. Ein Schreck. Sie hat es so erzählt: „Er rief mich auf dem Handy an, ich solle nach Hause kommen – sofort. Und Ronny mitbringen.“

Familie sollte Brautgeld zahlen

Sie geht allein, aus Sorge um ihren Freund. Vater und Mutter sind außer sich. Es habe Schläge gesetzt. „Sie haben dann geglaubt, wir seien auseinander. Mein Vater sagte, ich soll einen türkischen Mann heiraten.“ Aische fügt sich nur scheinbar. Sie bleibt mit Ronny zusammen. Doch die Situation belastet sie. Sie macht eine Lehre in einem Lüneburger Lokal. Der Chef ist zufrieden, sie ist sehr fleißig und engagiert, doch dann bricht ihre Leistung ein. „Mich hat das alles belastet.“ Sie muss ihre Prüfung wiederholen. Am Ende schafft sie ihren Abschluss.

Es geht hin und her. Aische, nun volljährig, zieht im März 2016 zu Ronnys Familie nach Bienenbüttel. Das will Aisches Familie nicht hinnehmen. Ihr Vater kommt mit Verwandten und geht Ronnys Vater Hassan an. Aische solle mitkommen, die will nicht. Ronny soll 20 000 Euro Brautgeld zahlen. Man einigt sich auf 7000. Zunächst fließen 5500. Aischa sagt: „Ich kam mir vor wie ein Gegenstand, als ob ich verkauft werden sollte.“ Mit dem Geld soll die Hochzeitsfeier bezahlt werden. Doch nichts passiert.

Die Situation eskaliert. Mitte Mai kommt ein Bruder Aisches nach Bienenbüttel. Er bedroht Ronnys Familie mit einem Messer, zwingt Aische, in sein Auto zu steigen. Es gibt ein Video davon. Großaufgebot der Polizei in Lüneburg und Bienenbüttel, die Beamten nehmen die Familienoberhäupter ins Gebet. Aische geht später zurück nach Bienenbüttel.

„Aische wurde nicht als selbstständiges Wesen wahrgenommen“

Ihr Bruder und ihr Vater müssen für drei Tage in einen Arrest. Doch die Staatsanwaltschaft stellt den Fall schließlich ein: Aische sagt nicht gegen Bruder und Vater aus, behauptet nun, sie wäre auch ohne die Gewalt mitgegangen. Der Rechtsstaat scheint machtlos. Sie selber sagt: „Ich will nur Ruhe.“

Der Druck scheint nicht zu enden. Rechtsanwalt Andreas Hansen vertritt Ronnys Familie. Er sagt, man habe sogenannte Gewaltschutzanordnungen gegen Aisches Vater und Bruder erwirkt: Die hätten sich nicht Ronny und seinen Angehörigen nähern dürfen. Im Oktober hätten die Beteiligten sogar einen Vergleich vor dem Amtsgericht in Uelzen geschlossen. Tenor: Abstand halten, keine Bedrohungen mehr.

Doch Aische hält es nicht mehr aus. Rechtsanwalt Hansen sagt: „Sie ist eine selbstbewusste junge Frau. Die will nicht nur zu Hause sitzen.“ Als Frau sei sie weder in ihrer noch in Ronnys Familie als selbstständiges Wesen wahrgenommen worden: „Sie hatte nichts zu melden und ist ausgebrochen. Hätten die beiden nicht ihre Familien im Nacken, wären sie wahrscheinlich ein glückliches Paar.“ Ronnys Familie fühle sich ausgenutzt. Und weil Aische inzwischen auch noch Mutter geworden ist, wolle man auch Kontakt zu dem Enkelkind.

Ronnys Bruder musste büßen – als Unbeteiligter

Ronnys Vater wendet sich an die Polizei und ans Gericht. Doch er hat das Gefühl, er werde im Stich gelassen. Aus Polizeikreisen heißt es, man tue alles, was möglich ist. Bei Auseinandersetzungen sei man gekommen, habe eingegriffen. Doch für die Justiz mangle es an belastbaren Aussagen. Wenn Aische nicht gegen ihren Bruder aussage, habe man wenig in der Hand. Auch herrsche seit einiger Zeit Ruhe.

Scheinbar. Denn Ronnys Vater Hassan und seine Familie fühlen sich bedroht. Aisches Bruder sei in dem Supermarkt aufgetaucht, in dem sein jüngster Sohn arbeite, Ronnys Bruder, der nichts mit dem Streit zu tun hat. Der arme Kerl musste nun furchtbare Schläge einstecken. Aisches Bruder, der schon in Bienenbüttel Panik verbreitete und seine Schwester in ein Auto zwang, soll dem 19-Jährigen aufgelauert haben. Möglicherweise mit einem Komplizen.

Bilder zeigen, dass dem Opfer zwei Schneidezähne ausgeschlagen wurden, dass er Verletzungen am ganzen Körper aufweist. Die Polizei sagt: „Wir ermitteln noch.“
Polizeisprecherin Antje Freudenberg erklärt, ihre Kollegen seien zu den Familien gefahren und hätten sie gewarnt, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Regelmäßig seien Streifen zu den Wohnorten der Beteiligten gefahren, um zu demonstrieren: „Wir haben euch im Blick.“ Bislang ginge das Konzept auf.

Ob das so bleibt? Rechtsanwalt Hansen betont, dass sich sein Mandant immer wieder an die Polizei gewandt habe: „Doch jetzt hat es den Jüngsten und Schwächsten getroffen. Das ist eine Kampfansage.“ Er hoffe, dass „am Ende nicht Menschen auf der Strecke bleiben“.

Von Carlo Eggeling