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Marina (l.) und Rani gefällt der deutsche Brauch, Ostereier zu bemalen. Sie sind aus Brasilien und Indonesien nach Lüneburg gekommen, leben hier in Gastfamilien und lernen an örtlichen Schulen. Foto: sk

Ranis erste Ostereier

Lüneburg. Rani und Marina bemalen ihre ersten Ostereier. Marina tupft mit dem anderen Ende ihres Pinsels kleine Punkte auf ihr Ei. Zwischendurch greift sie immer wieder in die Schüssel mit den Schokoladenostereiern. Die Exemplare mit Krokant haben es ihr besonders angetan. „Ich male auch in der Schule viel“, sagt sie. Vom Unterricht versteht sie nämlich noch wenig. Marina ist Austauschschülerin aus Brasilien. Seit einem Monat lebt sie bei einer Gastfamilie in Winsen und besucht das dortige Gymnasium.

Rani hat Marina schon fünf Monate voraus. Das Mädchen aus Indonesien ist seit einem halben Jahr in Deutschland. Mit ihrer Gastschwester Clara hat sie verabredet: „Kein Englisch vor acht“. Das klappt gut. Mittlerweile spricht Rani schon sehr gutes Deutsch. Die 18-Jährige wohnt in Südergellersen und lernt an der IGS Lüneburg.

Beide sind mit dem Verein AFS, einer gemeinnützigen Austauschorganisation, nach Deutschland gekommen. Über das Jahr verteilt organisieren die freiwilligen Mitarbeiter des AFS-Komitees Veranstaltungen, dabei darf das traditionelle vorösterliche Eierbemalen natürlich nicht fehlen.

Bekannter Hase, unbekanntes Dekorieren

Anja Palm hat auf ihrem Wohnzimmertisch Tusche, Acrylfarbe, Unterlagen, Eierbecher und Schokoladenostereier zum Naschen zwischendurch bereitgestellt. Sie ist als Koordinatorin für die Gastschüler zuständig.

Rani ist Muslima. Zu ihrer weiten hellblauen Jeans und ihrem dunkelroten Pullover trägt sie ein beigefarbenes Kopftuch. Wenn sie betet, klebt sie einen Zettel an ihre Zimmertür oder bindet einen Schal an den Türgriff, damit ihre Gastfamilie Bescheid weiß – bitte nicht reinkommen, Rani betet. „Das läuft gut“, sagt ihre Gastschwester Clara.

Rani hat schon ein bisschen was über Ostern und die Schokoladenostereier gehört, die der Hase den Kindern bringt, was aber eigentlich dahinter steckt, weiß sie noch nicht.

Die 17-jährige Marina kommt aus einen katholischen Land. Die Brasilianer feiern Ostern ähnlich wie die Deutschen, erzählt sie. Viele Menschen gehen in die Kirche, der Hase versteckt Eier für die Kinder. Aber der Brauch, Häuser und Gärten mit bunten Eiern zu dekorieren, ist für sie neu.

Für Marina war Deutschland nicht die erste Wahl. Am liebsten wäre sie in die Niederlande gegangen. Sie lacht. „Ich kann aber nicht erklären, warum.“ Als nächstes stand Italien auf ihrer Liste. Deutschland war ihre dritte Wahl. Doch enttäuscht ist sie nicht. „Ich glaube an Schicksal“, sagt sie, denn sie habe schnell neue Freunde an ihrer Schule finden können.

„Was sind denn für Euch die schwierigsten deutschen Worte?“, fragt Anja Palm die beiden Mädchen. „Eichhörnchen“, sagt Marina sofort. Für Rani ist es die „Geschwindigkeitsbegrenzung“. An Deutschland und Europa gefällt den beiden, dass man viel reisen kann. Die Länder seien klein, Grenzkontrollen gebe es meist nicht.

Für Rani ist ihr Schüleraustausch in Deutschland ihre erste Reise ins Ausland. In den sechs Monaten, die sie nun schon in Deutschland lebt, ist sie schon nach Paris, Prag und Kopenhagen gereist. Nachdem ihr eine Freundin, die sie begleiten wollte, abgesagt hatte, machte sie sich allein auf den Weg. In ihren Gastfamilien sind beide Mädchen glücklich. „In den Osterferien fahren wir nach Rügen“, erzählt Marina und grinst übers ganze Gesicht.

Organisation sucht dringend Gastfamilien

Rani macht bald ein Praktikum in einem Waldkindergarten. Mit Kindern zu arbeiten, bereite ihr großen Spaß. Sie könne sich vorstellen, Kinderärztin zu werden, sagt sie. Marina möchte „vielleicht Regisseurin“ werden, will sich aber noch nicht festlegen. Ihr nächstes Ziel ist es, Deutsch zu lernen und möglichst bald ihren Schulabschluss zu machen.

Es werde immer schwieriger, Familien zu finden, die bereit sind, einen Austauschschüler bei sich aufzunehmen, sagt Anja Palm. „Dabei könne jeder Gastgeber werden, auch Alleinerziehende und Rentner.“ Mehr Informationen zur Organisation und den Möglichkeiten, Gastfamilie zu werden, gibt es unter www.afs.de im Internet.

Von Svana Kühn