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Sie ist ein wacher Geist, dem Leben zugewandt und hat sich immer politisch engagiert: Sonja Barthel blickt auf 100 Jahre zurück. Foto: t&w

„Ich werde nie eine sein, die schweigt“

Lüneburg. „Ich habe in meinem Leben immer Glück gehabt“ – ein Satz, den Sonja Barthel mit voller Überzeugung sagt. Natürlich sei da damals die Angst gewesen, aber die habe sie ein Stück zu verdrängen versucht. Damals, damit meint sie Nazi-Deutschland und den Holocaust. Sonja Barthel, die jüdischer Abstammung ist, hat ihn überlebt und sich danach stets gegen Faschismus, Krieg und das Vergessen eingesetzt. Stehen zu dem, was gut und recht ist, und nicht den Mund halten, lautet ihre Devise. Wer ihr begegnet, erlebt eine Frau mit wachem Geist, heiter und warmherzig. Am Ostermontag feiert Sonja Barthel ihren 100. Geburtstag.

In Berlin geboren, wuchs sie in Grunewald auf. Der Vater, der aus einer deutschnationalen Familie kam, hatte gegen den Willen seiner Familie ihre Mutter, eine Jüdin, geheiratet. „Zur Familie meines Vaters hatten wir deshalb keinen Kontakt.“ Bis kurz vor dem Abitur besucht Sonja Barthel Landerziehungsheime, doch das Abitur wurde ihr in Nazi-Deutschland verwehrt, nachdem kurz zuvor die Nürnberger Rassengesetze erlassen worden waren. „Mir wurde geraten, Diätköchin zu werden, da hätte ich ja auch eine Art medizinische Ausbildung und könnte Kranken helfen.“

Verwandte in Auschwitz umgekommen

1936 folgt sie einer Freundin nach London. Ihr Ziel: Über eine Kommission nach Spanien vermittelt zu werden, wo die Antifaschisten gegen Franco kämpfen. Doch daraus wird nichts, Sonja Barthel arbeitet als Au-Pair. Im September 1938 kehrt sie nach Deutschland zurück. Eigentlich sei ihr unerklärlich, dass ihre Familie ihr nicht abgeraten habe, denn sie hätten ja Bescheid gewusst, wie Hitler bereits vor Kriegsbeginn wütete. Als sie am Tag nach dem 9. November 1938, als der braune Mob Synagogen niederbrennt und jüdische Geschäfte zerstört, Verwandte in Frankfurt besucht, meinten diese: „Der Spuk ist bald vorbei.“ Später wurden sie von der Gestapo abgeholt, in Auschwitz vergast. Andere Verwandte starben in Theresienstadt. Sonja Barthel, ihre Eltern und Geschwister überlebten die Schreckensherrschaft. „Ich habe mehr Glück als Verstand gehabt. Es hat immer wieder Menschen gegeben, die mir in jener Zeit geholfen haben.“

Nach dem Krieg macht sie das Abitur in der sowjetischen Besatzungszone Berlins, wird Lehrerin. Als ihr Mann beruflich nach Hamburg geht, möchte sie ihm folgen. Doch dann stellt sich heraus, dass sie – um als Lehrerin im Westen arbeiten zu können – noch einmal drei Jahre Pädagogik studieren muss. Sie erfährt, dass es in Lüneburg ein verkürztes Studium für die gibt, die bereits in der DDR Lehrer gewesen sind. „Also trampte ich dorthin.“ Dort erschüttert sie, dass manche Studenten und Dozenten weiterhin eine faschistische Gesinnung haben. Entsetzt stürzt sie einmal aus der Musikstunde, als „Die Fahnen hoch – die Reihen fest geschlossen“ angestimmt wird. „Mit anderen Studenten habe ich den Sozialistischen Deutschen Studentenbund gegründet.“

Sonja Barthel wird Lehrerin an der Lüner Schule, unterrichtet später an einer Sonderschule. Politisch engagiert sie sich in der SPD, zieht 1964 in den Stadtrat ein, reibt sich am Fraktionszwang, und tritt 1999 aus der Partei aus, als die SPD den Einmarsch in den Kosovo befürwortet.

„Alles, was Nazi ist, ist für mich Gift“

Rot sah und sieht Barthel, die seit 1949 Mitglied der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist­Innen“ (VVN-BdA) ist, wenn es um die NDP und Neonazi-Aufmärsche geht. Da könnte sie schon mal handgreiflich werden, verrät sie mit blitzenden blauen Augen. „Alles, was Nazi ist, ist für mich Gift, und ich bin gegen Gift.“ In unzähligen Aktenordnern hat sie die Aktionen und Veranstaltungen der VVN-BdA gesammelt, viele Jahre ist sie engagiertes Mitglied der Geschichtswerkstatt. „Ich werde nie eine sein, die schweigt.“

Ihre Lebenserinnerungen hat Sonja Barthel in dem Buch „Wie war das damals, erzähl‘ doch mal…“ zusammengefasst. Anfragen können gerichtet werden an sonja.barthel@gmx.de.

Von Antje Schäfer