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Die Hochschulseelsorger Helmke Hinrichs (l.) und Michael Hasenauer im „Raum der Stille“. Er soll zukünftig verschiedene Religionen zusammenführen, am 2. Juni wird er eröffnet. Foto: t&w

„Raum der Stille“ in der Leuphana: Ein Ort zum Innehalten

Lüneburg. Hohe Decken, schräge Wände, ein großes, außergewöhnlich geformtes Fenster. Wer hinaus blickt, erhascht einen Blick auf die roten Bac ksteinbauten der Leuphana und die Stadt. Hochschulpastor Helmke Hinrichs steht im „Raum der Stille“ im 3. Stock des Libeskind-Baus und breitet die Arme aus. „Hier soll sich niemand in eine Richtung gedrängt fühlen, der Raum dazu einladen, zu sich zu kommen und Kraft zu schöpfen.“ Am 2. Juni möchte die Leuphana den überkonfessionellen Raum gemeinsam mit verschiedenen Religionsgemeinschaften feierlich eröffnen. Er ist Teil des künftigen Bürotrakts der Evangelisch-Katholischen Hochschulgemeinde, kurz EHG-KHG.

Nach und nach wandern die Utensilien aus der alten Mietwohnung an der Heinrich-Böll-Straße in den Ostflügel des Zentralgebäudes. Neben dem elfköpfigen Team der Hochschulgemeinde, das sich hier ausbreiten darf, sind im Seminarzentrum verschiedene Service-Einrichtungen der Uni untergebracht. „Wir warten noch auf Möbel, sind mitten im Einziehen“, sagt Michael Hasenauer, der die Gemeinde gemeinsam mit Helmke Hinrichs leitet. Er öffnet die Tür zu den Sanitäranlagen: „Ich glaube, es gibt wenige Toiletten mit einem so spektakulären Fenster.“

„Raum der Stille“ ohne sichtbare religiöse Zeichen

Ein Büro ist bereits eingerichtet, der Besprechungsraum schon mit Tisch und Korbstühlen bestückt, auch das Sekretariat nimmt Formen an. Elektriker sind in der Teeküche zugange, bald soll auch das Internet funktionieren. Der Raum der Stille neben dem Büro von Michael Hasenauer ist noch weitestgehend leer. Nur einige Spanplatten und Kartons bedecken den Holzfußboden. Auffällig ist eine große Ausbuchtung in der Wand, als Regal für Material, wie Hinrichs verdeutlicht. „Im Raum wird es keine sichtbaren oder religiösen Zeichen geben. Nur so können sich alle Gruppierungen eingeladen fühlen.“

Die Entscheidung, dass das von Daniel Libeskind geplante Gebäude einen Raum der Stille erhalten soll, fiel 2011. Die Kosten von 600 000 Euro teilen sich die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, das katholische Bistum Hildesheim und die jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Nach der Eröffnung soll der Raum während der Öffnungszeiten des Zentralgebäudes allen Menschen auf dem Campus offen stehen.

Die Hochschulgemeinde wird den Raum in ihr neues Semesterprogramm integrieren, es steht unter dem Motto „Transformation“. Die Seelsorger betonen aber, dass er nicht als normaler Seminarraum genutzt wird. Dort sollen verschiedene Religionen miteinander ins Gespräch kommen. Hinrichs: „Man kann sich dort zurückziehen, den Alltag unterbrechen und zur Ruhe kommen.“

Konfessionen nähern sich an, doch Fundamentalismus erstarkt

Die Themenauswahl habe aber auch mit dem Umzug ins Zentralgebäude und mit dem weltweiten politischen und religiösen Geschehen zu tun, erläutert Hasenauer. Kaum ein Thema habe zurzeit eine solche Präsenz wie Umwandlungsprozesse. „Auf der einen Seite nähern sich die unterschiedlichen Konfessionen in einem enormen Tempo an, auf der anderen Seite entwickeln sich zunehmend Fundamentalismen.“ Das berge Chancen und Gefahren. Das Zentralgebäude sei in dem Kontext ein Gleichnis des Transformationsprozesses. „Der Bau bricht mit seiner Architektur die Seh- und Raumgewohnheiten auf einem Campus mit Kasernengebäuden und Nazi-Vergangenheit.“

Für die Hochschulgemeinde sei der Umzug daher eine „echte Wegmarke“. Nun sei man mitten im Herzen der Universität, könne so möglicherweise Menschen begegnen, die einem vorher vielleicht nie über den Weg gelaufen wären. „Viele haben Vorbehalte gegenüber der Kirche, wir können sie nur auflösen, wenn wir diese Menschen auch kennenlernen“, sagt Hasenauer.

Von Anna Paarmann

Programm-Höhepunkte

▶ 25. April, 20 Uhr, Zentralgebäude: „Architektur schafft Raum für Visionen“ mit Prof. Dr. Wolfgang Kemp (Institut für Philosophie und Kulturwissenschaften)

▶ 16. Mai, 20 Uhr, Zentralgebäude: „Nation und Religion zwischen Aufbruch und Rückzug“ mit Dr. Nika Daryan (Institut für Bildungswissenschaften)  30. Mai, 20 Uhr, Zentralgebäude: „Raum der Stille – Lernort für Stille, Dialog & Toleranz“ mit Prof. Dr. Wolfgang Reinbold (Beauftragter für Kirche und Islam), die Veranstaltung ist offen für alle

▶ 6. Juni, 20 Uhr, Raum der Stille: Tanzperformance mit Tänzern aus dem Ballett-Ensemble des Theaters Lüneburg, Anmeldungen bis 31. Mai an buero@ehg-khg.de

▶ 4. Juli, 20 Uhr, Mensawiese: Sommerfest Weitere Informationen und das komplette Programm gibt es auf www.ehg-khg.de.

One comment

  1. magnusausonius

    Raum der konfessionellen Beliebigkeit wäre wohl ein besserer Name für dieses kreuzhässliche Nirwana. Nicht jeder teilt die Begeisterung für die sich angeblich „in enormem Tempo“ annähernden christlichen Gemeinschaften, was im Übrigen reines Wunschdenken ist, denn von ihren Lehrmeinungen rücken die Kirchen ja gar nicht ab. Und nicht jeder, der es für unangebracht hält, wenn sich die Kirchen mit 600.000 Euro an einem sakralen Raum beteiligen, in dem vor lauter Selbstverleugnung nicht einmal ein Kreuz hängen darf, ist deswegen gleich ein Fundamentalist. Der Hinweis auf die ach so böse Kasernenarchitektur „mit Nazivergangenheit“ darf natürlich wieder nicht fehlen. Gerne wird dabei unterschlagen, dass über Jahrzehnte hinweg Hausherr dieser Kaserne die Bundeswehr war; die Armee also, die die Freiheit dieses Landes im Namen aller demokratisch legitimierten staatlichen Institutionen verteidigt hat, und deren Soldaten die Söhne der Bürger dieses Landes waren. Ob man im „Raum der Stille“ tatsächlich zu sich selbst findet, bleibt jedem überlassen; zum Nachdenken über die eigene Selbstgerechtigkeit böte er jedoch Gelegenheit.

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