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Landwirt Jochen Hartmann aus Rettmer wartet auf wärmeres Wetter, um endlich mit dem Ausbringen der Pflanzkartoffeln auf seinen Feldern beginnen zu können.

Der April macht, was er will

Lüneburg. Regen, Graupelschauer, Bibberkälte, Bodenfrost, Schmuddelwetter: – und nicht nur Landwirte fragen sich längst genervt: Wann wird das Wetter besser? Wann wird es endlich Frühling? „Diese Woche jedenfalls noch nicht!“, sagen die Wetterfrösche und machen zumindest bis zum Wochenende wenig Hoffnung auf Besserung: „Es bleibt leider wechselhaft“, sagt Helga Scheef vom Deutschen Wetterdienst. Das heißt: Temperaturen in der Nacht um die null bis minus vier Grad sind wieder möglich. Schuld daran sind die Luftmassen polaren Ursprungs, die Deutschland in eine Kältekammer verwandeln.

Das ungemütliche Wetter hat Auswirkungen auf die Natur und damit auf die Arbeitsabläufe der Landwirte, aber auch der Kleingärtner. Jochen Hartmann aus Rettmer ist Landwirt. Auf rund 200 Hektar baut er Zuckerrüben, Kartoffeln, Getreide, Raps und Erbsen an. Doch so spät wie in diesem Jahr habe er noch nie Rüben gedrillt und Kartoffeln gepflanzt. „Es ist ist bislang einfach noch zu kalt“, sagt Hartmann.

Strohfeuer und Paraffinkerzen gegen die klirrende Kälte

In vielen Orten in Deutschland und Österreich kam es in der vergangenen Woche zu einem massiven Kälteeinbruch, wurden die bisherigen Messwerte für die tiefsten Temperaturen im April unterschritten. Obst- und Weinbauern kämpften mit verschiedensten Methoden, beispielsweise mit Strohfeuer und mit Paraffinkerzen, gegen die klirrende Kälte, um Frostschäden und somit Ernteeinbußen zu minimieren.

Landwirt Hartmann aus Rettmer will nächste Woche Kartoffeln in die Erde bringen, sein Kollege Hinrich Wieckhorst aus Embsen ist jetzt dabei. „Das ist ein bisschen wie Roulettespiel“, sagt Hartmann. Warten die Landwirte zu lange mit dem Ausbringen der Kartoffeln, sind die Triebkeime schon so groß, dass sie beim Ausbringen abbrechen. „Und diesen Triebkraftverlust wollen wir nach Möglichkeit vermeiden“, sagt Wieckhorst. Er bringt seine Pflanzkartoffeln deshalb jetzt schon in die Ackerkrume, bei Jochen Hartmann müssen die Saatkartoffeln noch bis Anfang nächster Woche im Kühllager warten.

Von gelbleuchtenden Rapsfeldern ist noch nichts zu sehen

Dass die Natur in Kältestarre verharrt, können die Landwirte auch beim Raps beobachten: „Vor ein paar Jahren stand der Raps Mitte April schon in Vollblüte“, erinnert sich Hartmann. Jetzt ist von gelbleuchtenden Rapsfeldern weit und breit noch nichts zu sehen. Es ist zu kalt. Aber der Landwirt aus Rettmer kann zumindest im Bezug auf Raps den Kühlschrank-Temperaturen auch was Gutes abgewinnen: „Dadurch bekommen wir weniger Probleme mit den Rapsglanzkäfer.“ Der Schädling, der sich in die Knospen der Pflanze frisst und so erheblichen Schaden anrichtet, „kann Kälte nicht so recht ab“, erklärt Hartmann.

Aber es gibt auch Pflanzenexperten, die können den polaren Luftmassen durchaus auch ihre guten Seiten abgewinnen. Der Garten- und Landschaftsbauer Franz Darger etwa. „Durch die kalte Witterung bleiben die Gehölze noch in Starre und können so besser gepflanzt werden“, erklärt der Rullstorfer. Zwar hätten auch die Gehölze in diesem Jahr durch die ersten warmen Tage im März extrem früh ausgetrieben, „doch dann kam der Kälteeinbruch.“

Kalte Sophie liegt heute auf dem 23. Mai

„Es ist halt erst April“, sagt relativ gelassen auch Joachim Römer, Vorsitzender des 2.200 Mitglieder zählenden Kleingarten-Bezirksverbandes Lüneburg. Er sieht das Problem vielmehr darin, dass der Handel vorgezogene Pflanzen immer früher in den Verkauf bringe, nur: Wer vor den Eisheiligen kälteempfindliche Pflanzen in die Beete bringt, pflanzt womöglich zweimal. Ansonsten müsse man sich über das verspätete Wachstum vielen Pflanzen aufgrund der Witterung keine Gedanken machen. „Die Natur holt das später wieder auf“, beruhigt der Bezirksvorsitzende der Kleingärtner. „Die Natur kann man nicht ändern, und das ist auch gut so“, sagt auch Landwirt Jochen Hartmann. Und bis zu den Eisheiligen dauert es ja auch nicht mehr so lange: Die sind vom 11. bis 15. Mai. Danach, so besagen die alten Bauernregeln, sollte es eigentlich vorbei sein mit der klirrenden Kälte und dem Bodenfrost.

Eigentlich, denn: Die Bauernregel stammt aus einer Zeit, als noch der julianische Kalender galt. Mit dem Wechsel zum gregorianischen Kalender 1582 wurden auch die Eisheiligen nach vorne verschoben, sodass sie heute astronomisch gesehen zu früh im Jahr liegen. Würde man den Kalenderwechsel berücksichtigen, so liege die kalte Sophie heute auf dem 23. Mai. Aber bis dahin dieses Schmuddelwetter – das will doch nun wirklich niemand.
Von Klaus Reschke