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Evelyne Schnittger hat ihr Leben lang als Anwältin gearbeitet, jetzt ist sie Rentnerin. Doch das ist ihr zu langweilig, deshalb studiert sie jetzt an der Leuphana Universität Lüneburg. Dort ist sie aktuell die einzige Senioren-Studentin. Foto: t&w

Mit 60 in den Hörsaal, statt auf die Rentnerbank

Lüneburg. Evelyne Schnittger kommt aus dem roten Backsteingebäude am Wilschenbrucher Weg und schnauft. „Das war heftig.“ Sie hat gerade die Statistik-Vorlesung hinter sich gebracht – nicht unbedingt ihr Lieblingskursus. „Das überlebe ich immer nur haarscharf.“ Aber es gehört nun mal zum Studium dazu. Da spielt es auch keine Rolle, dass sie knapp 40 Jahre älter ist als der Durchschnitts-Student. Evelyne Schnittger ist über sechzig und die einzige Senioren-Studentin an der Leuphana.

Kein Ausruhen im Park

Die Schulbank zu drücken, ist für die frühere Anwältin kein Problem, sie hat ohnehin stets viel Wert auf Fortbildungen gelegt, alle zwei Jahre entsprechende Angebote in Universitäten wahrgenommen. Eine größere Herausforderung stellt da schon das technische Niveau ihrer jüngeren Kommilitonen dar. Evelyne Schnittger muss WhatsApp-Gruppen bedienen, E-Mails schreiben und einen digitalen Stundenplan koordinieren.

„Meine Kinder und mein Mann sind berufstätig, da liegt es nahe, dass ich keine Ausruh-Position auf einer Bank im Park einnehme.“
Evelyne Schnittger

Die Rentnerin studiert im 2. Semester International Business, der Bachelor ist auf Englisch, bei so manchen Fachveranstaltungen kommt sie an ihre Grenzen. „Beim Thema E-Business bringe ich einfach weniger mit als andere, da muss ich mich schon anstrengen.“ Auch an Klausuren habe sie sich erst gewöhnen müssen – an das Tempo, aber auch an die Herangehensweise. „Heutzutage ist es wichtig, möglichst schnell zu wenigen zentralen Ergebnissen zu kommen, ich schaue mir die Aufgabe lieber erstmal von allen Seiten an.“ Das sei aber oft nicht gefragt und selten zielführend. „90 Minuten sind schnell vorbei.“

Keine Schonbehandlung aufgrund des Alters

Auch möchte die ältere Dame keine Schonbehandlung, schließlich sei sie eine „ordentliche Studentin“ wie jede andere auch. Sie musste das reguläre Bewerbungsverfahren durchlaufen, einen Englisch-Test absolvieren, den geforderten Numerus clausus nachweisen. Sie habe auch nicht das Gefühl, unter den anderen Studenten sonderlich aufzufallen, hin und wieder werde sie aber schon mal für die Dozentin gehalten. „Das klärt sich dann schnell auf“, sagt sie und lacht.

Die Entscheidung, nochmal zu studieren, habe viel mit ihrem bisherigen Leben zu tun: Evelyne Schnittger hatte eine eigene Kanzlei, war 25 Jahre lang als Rechtsanwältin und Mediatorin im Kinder- und Jugendbereich tätig. Auch hat sie nebenbei eine gemeinnützige Gesellschaft aufgebaut, diese 15 Jahre geleitet. Beides hat sie vor zwei Jahren in junge Hände übergeben, besonders mit der Gesellschaft steht sie aber noch in engem Kontakt. Aufgehört hat sie, weil sie „noch bei guten Kräften sein“ wollte zum Zeitpunkt der Übergabe.

„Meine Kinder und mein Mann sind berufstätig, da liegt es nahe, dass ich keine Ausruh-Position auf einer Bank im Park einnehme“, erzählt die umtriebige Dame, die sich deshalb für ein Studium an der Leuphana entschieden hat. Seit Oktober pendelt sie vier Mal in der Woche von ihrem Wohnort Hamburg nach Lüneburg, ist dann für etwa zwölf Stunden in der Uni. Dabei verfolgt die Seniorin einen Plan: Sie möchte an ihre ehrenamtliche Arbeit anknüpfen.

Unterstützung für ehrenamtliches Projekt gesucht

Gemeinsam mit 15 berufstätigen Erwachsenen hat sie insgesamt 200 kleine, soziale Initiativen auf den Weg gebracht. Ein Beispiel: Eines Tages meldete sich ein Schüler, der wissen wollte, wie man ein Drehbuch schreibt. Er hatte sich vorgenommen, Kindern in Tschernobyl zu helfen. Die Gesellschaft sprang ein, half dem Jungen bei einer Vereinsgründung. Heute lädt er regelmäßig im Sommer Kinder aus der ukrainischen Region nach Hamburg ein – zu einem vierwöchigen Erholungsurlaub.

An der Leuphana möchte die Rentnerin die entsprechenden Werkzeuge lernen, um ihre bisherige Arbeit evaluieren zu können. „Ich möchte herausfinden, welche Formen der Unterstützung den jungen Menschen geholfen haben und welche nicht.“ Das soll das Thema ihrer Bachelor-Arbeit werden. Der Projektplan steht, jetzt sucht Evelyne Schnittger noch Studenten und Dozenten, die Lust haben, sie zu unterstützen. Sicher ist: So bald wird sie sich noch nicht zur Ruhe setzen.

Von Anna Paarmann

Was zahlen ältere Semester?

Auch wenn Senioren im Studienalltag als „normale Studenten“ behandelt werden, ist der Schritt für sie deutlich teurer als für andere. Im Niedersächsischen Hochschulgesetz, §13 Absatz 4, heißt es, dass Studenten, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, zusätzlich zu den Semesterbeiträgen in Höhe von rund 350 Euro (Verwaltungskostenbeitrag, Studierendenschaftsbeitrag und Studentenwerksbeitrag) Studienbeiträge in Höhe von 800 Euro für jedes Semester, in dem man ordentlich immatrikuliert ist, entrichten müssen.

Senioren-Studenten in Deutschland

Rund 55 000 Senioren studieren derzeit in Deutschland. Dazu zählen ältere Menschen, die entweder als Gasthörer an der Universität sind, ein Vollstudium absolvieren oder eine Studienform gewählt haben, die speziell für Senioren eingerichtet wurde. Laut dem Akademischen Verein der Senioren ist die Tendenz steigend.

Das habe demographische Gründe, außerdem seien Senioren heute viel aktiver. Beliebte Fächer der älteren Generation sind Philosophie, Geschichte, Germanistik, Theologie und Erziehungswissenschaften.