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Mitglieder der Lüneburger Geschichtswerkstatt vor einem ihrer herausragenden Projekte: (vorn, v.l.) Karl Hellmann, Maren Hansen, Christel Koppen. Dahinter Ruth Hopf und Antje Caic.

Lüneburger Geschichtswerkstatt wird 30 Jahre alt

Lüneburg. Schuldgefühle, Scham, Desinteresse – was auch immer viele Erwachsene bewogen hatte, sprachlos zu bleiben über die Gräueltaten und das geschehene Unrecht der damals erst wenige Jahre zurückliegenden Nazi-Diktatur. Es brachte die nachfolgende Generation sprichwörtlich auf die Barrikaden. Im Protest der sogenannten „68er“ äußerte sich die angestaute Wut über eine Elterngeneration, die ihre Mitverantwortung häufig lieber ignorierte als reflektierte. Doch es brauchte nochmals rund 20 Jahre, um aus dem Protest echte Aufklärung werden zu lassen. Die Geschichtswerkstatt Lüneburg ist in dieser Zeit ins Leben gerufen worden, in diesen Tagen feiert sie ihr 30-jähriges Bestehen.

Rassismus als Thema ist noch nicht bewältigt

„Rassismus und Nationalismus sind keine Themen, die bewältigt sind. Gerade in dieser Zeit erleben wir deren Wiedererstarken“, sagt Maren Hansen. 1996 kam die heutige Vorsitzende des Vereins zur damals jungen Geschichtswerkstatt. Diese hatte in den Anfangsjahren schwer damit zu tun, Verständnis und Unterstützung für ihre Arbeit in der Stadt zu finden. „Anders als heute waren damals noch viele Türen für uns verschlossen. Die Bereitschaft, an Aufklärung mitzuwirken, war sehr begrenzt.“ Das habe sich inzwischen geändert, heute werde der Verein angesprochen, wenn Veranstaltungen oder Projekte anstehen, die sich dem Wirken und Nachwirken des Nationalsozialismus widmen – „jedenfalls meistens“, wie die Vorsitzende einschränkend ergänzt.

Der Impuls für mehr Aufklärung über das in Lüneburg während der Nazi-Zeit Geschehene kam aus den Reihen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN – BdA). Weil viele aber mit dem VVN kommunistische Umtriebe vermuteten, wie Maren Hansen berichtet, hatte man sich für die Gründung eines eigenen Vereins entschieden. Am 13. Mai 1987 startete die Geschichtswerkstatt mit zwölf Mitgliedern.

Ansprache und Information von Jugendlichen als wichtigstes Ziel

„Unser Ziel ist die Überwindung der Traumata, bei den Opfern wie bei den Tätern“, sagt Karl Hellmann. Er arbeitet seit 1995 in der Geschichtswerkstatt mit – ehrenamtlich wie alle 35 Mitglieder, die der Verein heute zählt. Das aber sei nur möglich, wenn mit Vergangenem offen umgegangen werde „und gesagt wird, wer Dreck am Stecken hat“. Als Ankläger, schon gar nicht gegenüber den Nachkommen, aber verstehe der Verein sich nicht, „wir wollen aufklären“.

Dies geschieht durch viele kleine, aber auch manch spektakuläre Projekte wie die Beschaffung, Renovierung und Aufstellung des Eisenbahnwaggons 2015 im Park neben dem neuen Museum als Erinnerung und Mahnmal für die KZ-Flüchtlinge, die bei ihrem Transport während eines Bombenangriffs in Lüneburg ums Leben gekommen sind. Und es geschieht bei Stadtführungen und durch Publikationen, die der Verein erarbeitet und herausgibt – eine weitere über die „Stolpersteine“ in Lüneburg ist in Arbeit. Wie sehr der Verein bei all seinen Projekten nach wie vor „dicke Bretter“ bohren muss, zeigt das Projekt Eisenbahnwaggon: allein dies brauchte zehn Jahre.

Obwohl die Ansprache und Information von Jugendlichen wichtigstes Ziel der Geschichtswerkstatt ist, bleibe das Interesse von Jugendlichen an einer Mitarbeit im Verein selbst sehr begrenzt, bedauert Christel Koppen. Die stellvertretende Vorsitzende hofft daher auf neue Impulse für die künftige Arbeit aus der öffentlichen Podiumsdiskussion, die der Verein anlässlich seines 30-jährigen Bestehens am Freitag, 12. Mai, ab 13.30 Uhr im Glockenhaus veranstaltet.

Podiumsdiskussion über Erinnerungskultur

Dort werden Dr. Jens Christian Wagner, Leiter der niedersächsischen Gedenkstättenstiftung, und Dr. Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, zum Thema „Zwischen Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ sprechen. Am 13. Mai um 15 Uhr finden in der Volkshochschule Lesungen mit Dr. Dörte von Westernhagen und Manfred Messer zu den Themen „Das Massaker im Tiergarten“, „Die verweigerte Hilfe“ und „Der Prozess der Briten“ statt. Mit einem Stadtrundgang am 14. Mai um 11 Uhr rundet die Geschichtswerkstatt ihren Geburtstag ab.
Von Ulf Stüwe