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Alternative Wohnprojekte gibt es in Lüneburg einige, die Bauwagen-Kolonie am Wienebütteler Weg ist eine besondere Form. Foto: A/t&w

Der Traum vom anderen Wohnen

Lüneburg. Wer in Lüneburg Haus oder Wohnung sucht, hat es schwer. Nicht nur, weil die Preise hoch sind, auch das Angebot ist mehr als übersichtlich. Richtig eng aber wird es für all jene, die ein Wohnen abseits gewohnter Normen bevorzugen. Doch das Bedürfnis nach alternativen Lebensformen wächst, wie kürzlich bei einer Veranstaltung im Lüneburger Wasserturm deutlich wurde. Ein Umdenken in der Wohnungspolitik fordern nun auch die Grünen – mit zum Teil überraschenden Ideen.

„Man muss sich fragen, ob es sinnvoll ist, über Jahrzehnte Steuergeld in problematische Wohnquartiere wie am Weißen Turm zu stecken, deren erhoffte positive Wirkung ungewiss ist“, sagt Friedhelm Feldhaus. Der Lüneburger, Vorstandsmitglied der hiesigen Grünen, weiß um die Bedeutung und Sprengkraft seiner Worte, werden damit doch gewohnte und bislang allgemein akzeptierte Konzepte städtischer Sozialarbeit infrage gestellt. Doch genau das Infragestellen von Bestehendem ist es, das die Lüneburger Grünen antreibt, über alternative Wohnprojekte nachzudenken. „Es geht darum, etwas zu tun, was für die Stadt gut ist“, sagt Feldhaus.

Wohngruppen aus dem Wettbewerb herausnehmen

Gut sei es, bezahlbaren Wohnraum mit Strukturen zu schaffen, mit der „soziale Stabilität unterstützt wird“, nicht gut sei es, wenn Investoren an immer knapper werdendem Wohnraum verdienen, während andere leer ausgingen. „Im Wettstreit mit Investoren haben Wohngruppen, die sich für ein alternatives Wohnprojekt entschieden haben, aber keine Chance“, sagt Feldhaus. Parteifreund und Mitglied der grünen Stadtratsfraktion Wolf von Nordheim möchte deshalb Interessenten „aus der Konkurrenz der anderen Bieter herausnehmen“, indem von der Stadt Kontingente für alternative Wohnprojekte bereitgestellt werden, wie sie es jetzt bereits mit der 30-Prozent-Regelung für sozialen Wohnungsbau gibt. „Da werden vermutlich in absehbarer Zeit politische Entscheidungen fällig werden“, sagt von Nordheim, der sich am Beispiel Hamburgs orientiert. Dort setzt die Stadt sogenannte Baugruppen-Grundstücke zu günstigeren Konditionen als auf dem freien Markt fest.

„Raus aus der Unverbindlichkeit der Nachbarschaft“

Wie schwer es ist, sich auf dem Lüneburger Immobilienmarkt als alternative Wohngruppe zu behaupten, stellen Anhänger dieser Lebensform immer wieder fest. Erst kürzlich kamen einige der bestehenden und im Aufbau befindlichen Gruppen im Lüneburger Wasserturm zusammen, um sich über ein Modell zu informieren, das sich „Mietshäuser Syndikat“ nennt und die Finanzierung, Selbstverwaltung und den dauerhaften Fortbestand dieser Wohnprojekte ermöglicht. Rund 120 Wohngruppen haben sich dem „Mietshäuser Syndikat“ bundesweit angeschlossen, darunter auch die Lüneburger Gruppe „Gemeinschaft.Sinn“, die gerade dabei ist, ihre Wohn- und Lebensträume im Speicherviertel umzusetzen.

Unweit davon entfernt an der Dorette-von-Stern-Straße soll ein weiteres Wohnprojekt entstehen, dort plant die Gruppe „Speicherbogen“ einen Neubau mit 19 Wohneinheiten. „Wir wollen raus aus der Unverbindlichkeit der Nachbarschaft“, sagt ­Initiatorin und Bauherrin Ute Platz-Cassens. Bis Ende 2018 soll das Projekt, das sich wie fast alle anderen Projekte auch an den Zielen umweltfreundlich, wohngesund und generationsübergreifend orientiert und dauerhaft günstigen Wohnraum bieten will. Etwa 15 dieser Wohngruppen soll es gegenwärtig allein in Lüneburg geben, „so genau wissen wir das nicht“, sagt Max Werner, der im Wasserturm das „Syndikat“ vorstellte, in Rettmer in der Wohngruppe „Raeume“ lebt und mit dieser Lebensform die „Entprivatisierung von Immobilien“ verwirklicht sieht.

Stadt führt Interessentenlistefür geplantes Neubaugebiet

Dass mit der von den Grünen geforderten Kontingentierung von preiswerteren Baugruppen-Grundstücken eine Ungleichbehandlung all derer einhergehen könnte, die als Single, Ehepaar oder Familie auf klassische Wohnformen setzen und sich auf dem freien Markt auf der Suche im harten Immobilien-Wettbewerb behaupten müssen, sieht Feldhaus nicht: „Es entstehen Keimzellen sozialer Stabilität, die wollen wir unterstützen. Und es tut der Stadtentwicklung gut.“

Das sieht offenbar auch die Stadtverwaltung so, die inzwischen ebenfalls Interesse an Wohngruppen gefunden zu haben scheint: „Die Stadt ist sehr daran interessiert, Wohnprojekte und Baugruppen auch im geplanten Neubaugebiet am Wienebütteler Weg anzusiedeln“, sagt Stadtsprecherin Suzanne Moenck. Beim Bauverwaltungsmanagement gebe es bereits eine Grundstücksinteressentenliste für das Baugebiet, darunter sechs Wohnprojekte beziehungsweise Baugruppen oder Projektentwickler, die für Baugruppen bauen wollen. „Die Liste ist derzeit ganz informell. Wenn das Gebiet auf den Weg kommt und die Vergabekriterien feststehen, werden die Inte­ressenten informiert, wo und wann sie die Ausschreibungsunterlagen einsehen können.“

Von Ulf Stüwe