Donnerstag , 22. Februar 2018
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Das Trio arbeitet in Lüneburg eng zusammen, hat im Bereich der Organspende viel erreicht: (v.l.) Dr. Jochen Griesche-Philippi aus der Oedemer Dialysepraxis, Dr. Helmut Kirschner, Deutsche Stiftung Organtransplantation, und Transplantationsbeaufragter Prof. Dr. Christian Frenkel. Foto: t&w

Vertrauensproblem in Sachen Organspende

Lüneburg. In Deutschland sind die Organspenderzahlen seit Jahren erschreckend niedrig. Viele Menschen warten jahrelang auf ein neues Organ, ma nche überleben die Zeit nicht. Die LZ sprach mit drei Experten: Prof. Dr. Christian Frenkel, Transplantationsbeauftragter des Lüneburger Klinikums, Dr. Helmut Kirschner, Koordinator für die Region Nord bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), und Dr. Jochen Griesche-Philippi, der seit 14 Jahren in der Dialysepraxis in Oedeme arbeitet.

Interview

Prof. Dr. Frenkel, wie viele ­Organspenden gab es 2016 im Lüneburger Klinikum?
Frenkel: Zwei. Voraussetzung für eine Organspende ist immer der Tod eines Patienten durch den unumkehrbaren Funktionsausfall des Zentralnervensystems, der sogenannte Hirntod. Oft sind dies Unfallopfer mit schweren Hirnverletzungen, wiederbelebte Patienten mit Hirnschäden nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand oder nach einer Hirnblutung. Wenn überhaupt, kann hier nur eine neurochirurgische Operation helfen. Deshalb werden viele dieser Patienten so schnell wie möglich in Hamburger Kliniken mit einer Abteilung für Neurochirurgie – die es in Lüneburg nicht gibt – wie St. Georg, das UKE oder Altona verlegt. So erklärt sich auch die geringe Zahl der Patienten unseres Hauses, die für eine Organspende infrage kommen. Sobald aber die strengen Kriterien für eine Organspende erfüllt sind, unterstützen wir die DSO bei der Organentnahme im Klinikum. Denn auch wenn das Leben eines Menschen tragisch endet, ist uns bewusst, dass seine Organe einem anderen Menschen das Überleben ermöglichen können.

Sie betreuen die Menschen, die auf ein neues Organ hoffen, Dr. Griesche-Philippi. Was macht das mit einem?
Dr. Jochen Griesche-Philippi: Ich stehe auf der anderen Seite, sehe, wie es den Menschen geht, die eine neue Niere bekommen. Das ist oft Glück und Hoffnung pur, einer der schönen Teile des Fachs. Bei so mancher Wartezeit verzweifelt man als Arzt aber, traut sich kaum noch in die Bude, wenn man sieht, dass viele Patienten vorbeiziehen, andere warten und warten. Das ist schwer hinzunehmen. Ich habe mich schon oft fremdgeschämt.

Wie hat sich die Patientenzahl in Ihrer Dialysepraxis ent­wickelt?
Griesche-Philippi : Als ich angefangen habe, hatten wir 20 nierentransplantierte Patienten, heute sind es 70. Ich habe das forciert, wo es nur ging. Nichtsdestotrotz gab es auch einen etwa dreijährigen Einbruch, in der Zeit hat gar kein Patient eine neue Niere erhalten. In den vergangenen drei Jahren ist es – entgegen dem Trend – wieder mehr geworden. In diesem Jahr haben bereits drei Personen eine Nierentransplantation erhalten. 2016 waren es sechs, im Jahr davor sieben.

Wie wird entschieden, wer das neue Organ bekommt?
Dr. Helmut Kirschner: Die transplantierbaren Organe werden Eurotransplant gemeldet, die haben einen Verteilungscomputer, der nach Kriterien wie Wartezeit, Dringlichkeit und Erfolgsaussichten funktioniert. Auch ist natürlich die Blutgruppe wichtig und welches Organ überhaupt geeignet ist. Die Liste funktioniert nach einem Punktesystem, oben steht derjenige, der eine Transplantation am dringendsten braucht. Das ist alles standardisiert festgelegt.

Wie oft entscheiden Angehörige über die Organe, wie oft hat ein Patient bereits selbst darüber verfügt?
Frenkel: Das hält sich in etwa die Waage. Die eine Hälfte der Patienten hat sich bereits mit dem Thema beschäftigt, der ausgefüllte Organspenderausweis steckt im Portemonnaie. Das macht das Gespräch mit den Angehörigen leichter, in dem es immer darum geht, den mutmaßlichen Willen des Patienten zu ermitteln. Sind sich die Angehörigen unsicher oder werden mehr Informationen benötigt, gehen wir behutsam darauf ein, vermitteln auch – wenn gewünscht – den Kontakt zum Konsil-Team der DSO. Bei aller Traurigkeit des Falles möchten wir den Angehörigen des Verstorbenen bei der Organspende ein positives Gefühl vermitteln, die Familie muss diese Entscheidung schließlich ein Leben lang mittragen. Kirschner : In etwa 80 Prozent der Fälle müssen die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt werden, da kein Spenderausweis oder eine Patientenverfügung vorliegt. Wir haben dabei aber einen klaren Grundsatz: Lieber ein stabiles Nein, als ein wackeliges Ja. Deshalb räumen wir der Familie – wenn gewünscht – Bedenkzeit ein, die hat natürlich aber Grenzen, wenn der Patient instabil wird. Eine sichere und nachhaltige Entscheidung ist aber wichtig.

Woran liegt es, dass immer ­weniger Menschen bereit sind, ihre Organe zu spenden?
Frenkel: Meiner Ansicht nach haben wir zwei Problembereiche: Zum einen gibt es ein Vertrauensproblem, in den Medien wird immer wieder über Unregelmäßigkeiten im Verteilungsprozess berichtet. Einige Ärzte haben in der Vergangenheit gesetzeswidrig gehandelt, das darf nicht sein. Darüber hinaus haben viele Menschen Angst vor der Vorstellung, dass sie noch leben, wenn ihnen Organe entnommen werden. Sie wissen nicht, wie sicher und kompetent die Diagnose eines unumkehrbaren Hirnfunktionsausfalls gestellt wird. Andere glauben fälschlicherweise, dass bei ihnen im Notfall nicht mehr die volle medizinische Therapie durchgeführt wird, wenn sie einen Organspendeausweis haben. Wir können nur aufklären und Geduld haben. Wir müssen immer wieder bewusst machen, dass es kein Risiko ist, ein Spendenausweisträger zu sein.

Von Anna Paarmann