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Norbert Tietze hatte Ende Dezember 2016 einen schweren Schlaganfall. Der 67-Jährige wurde im Lüneburger Klinikum behandelt, heute geht es ihm wieder gut. Foto: t&w

Hilfe bei schwerem Schlaganfall

Lüneburg. Es kam aus heiterem Himmel. Norbert Tietze steht am 28. Dezember auf, fühlt sich ganz normal. Später geht er zum Briefkasten, holt die Zeitung und beg innt zu lesen. „Plötzlich war ich weg“, erinnert er. Als seine Frau aus dem Bad kommt, reagiert sie sofort und ruft die 112 an. Der Rettungsdienst kommt, bringt den 67-Jährigen ins Lüneburger Klinikum. Norbert Tietze hat einen schweren Schlaganfall erlitten.

Dass es in dessen Folge nicht zu einer schweren Behinderung kam und Tietze zum Pflegefall wurde, verdankt er einer neuen Behandlungsmethode. „Die Thrombektomie, die in unserem Haus seit einem Jahr im Rahmen einer 24-Stunden-Versorgung angewandt wird, hat die Schlaganfalltherapie revolutioniert“, sagt Prof. Dr. Henning Henningsen, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie.

Methode kommt seit dem Jahr 2016 zum Einsatz

Die Thrombektomie kommt bei schweren Infarkten zum Einsatz, wenn der Blutpropf, der eine Arterie im Gehirn verstopft, besonders groß ist und durch eine Lyse-Therapie nicht aufgelöst werden kann. „Bereits vor 15 Jahren wurde diese Methode experimentell angewandt, aber es gab nur einzelne Erfolge“, erläutert Prof. Dr. Henningsen. Das Problem sei gewesen, dass es damals noch nicht entsprechend feine Katheter gegeben habe. Aufgrund der inzwischen verbesserten Kathetertechnik sei die Methode bundesweit seit 2015 zugelassen, das Lüneburger Klinikum wendet sie seit 2016 an. Bei der Thrombektomie wird ein Katheter über die Arm- oder Leistenarterie in eine Hirnarterie geschoben und der Blutpropf dann mit einer Zange herausgezogen.

Nachdem Norbert Tietze ins Klinikum eingeliefert worden war, wurde diagnostiziert, dass ein großer Thrombus am Anfang der Hirnarterien saß. Die Folge war eine komplette Aphasie: Der Patient konnte nicht mehr sprechen und nichts mehr verstehen, war außerdem rechtsseitig gelähmt. Da bei einem Schlaganfall jede Minute zählt, wurde in einem ersten Schritt eine Lyse-Therapie zur Auflösung des Blutgerinnsels eingesetzt. In Anbetracht der Größe des Thrombus „wurde der Patient mit Hilfe der Kollegen aus der Anästhesiologie für die Thrombektomie vorbereitet und in Narkose versetzt“, schildert der Lüneburger Chefarzt. Derweil sei ein Spezialist für Neuroradiologie aus dem Uni-Klinikum Eppendorf, mit dem das Lüneburger Klinikum bei diesem Eingriff kooperiert, angefordert worden, der diesen dann mit Unterstützung von Ärzten des Instituts für Radiologie des Lüneburger Klinikums durchführte.

Neue Methode ein Quantensprung

Im Fall von Norbert Tietze sowie von weiteren 35 Patienten, die im vergangenen Jahr einen schweren Hirninfarkt erlitten hatten, mit großem Erfolg. Aus Sicht von Prof. Dr. Henningsen ist die Methode ein Quantensprung bei der Behandlung dieser Patienten. Drei Tage lag Tietze auf der Stroke Unit, einer spezialisierten Abteilung für Schlaganfall-Patienten. Als er am 6. Januar in eine Reha-Klinik überführt wurde, waren die Lähmungen bereits fast vollständig zurückgegangen, Tietze konnte sich auch wieder artikulieren. Inzwischen ist er nur noch wenig durch leichte Wortfindungsstörungen und eine Ungeschicklichkeit der rechten Hand betroffen.

Einhergehend mit der Einführung der Thrombektomie wurde auch die Stroke Unit von acht auf zehn Betten erweitert. Teilweise müssen schwere Fälle länger nachbehandelt werden, wie Prof. Dr. Henningsen erläutert. Allerdings verzeichnet die Klinik auch zunehmend mehr Fälle: Im vergangenen Jahr waren es 850.

Von Antje Schäfer

Im Ernstfall zählt jede Minute — sofort 112 wählen

Knapp 270 000 Schlaganfälle ereignen sich laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe jährlich in Deutschland, etwa 200 000 davon sind erstmalige Schlaganfälle. Die Hälfte der überlebenden Patienten bleibt ein Jahr nach dem Ereignis dauerhaft behindert und ist auf Hilfe angewiesen.

Fast eine Million Bundesbürger leiden an den Folgen. Schlaganfall ist nach Krebs- und Herzerkrankungen dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Im Ernstfall kommt es auf jede Minute an. Deshalb sollte bei einem oder mehrerer dieser Symptome sofort ein Notarzt über die 112 angefordert werden:

  •  Halbseitenlähmungen oder Lähmungen eines Armes oder Beines
  • Gangunsicherheit oder Störungen der Koordination
  •  Gefühls- bzw. Sensibilitätsstörungen
  •  Plötzlich einsetzende Sprach- oder Sprechstörung
  •  Sehstörungen im Sinne von Gesichtsfeldausfällen (einseitige Blindheit oder Doppelbilder-Sehen)
  •  Sehr starke, zum Beispiel vom Nacken ausstrahlende Kopfschmerzen