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Biologe Thomas Grünkorn macht sich für den Aufstieg zum Adlerhorst bereit, beobachtet von Falk Dahms. Foto: row

Weniger Seeadlernachwuchs in der Region

Amt Neuhaus. Der Weg zum Seeadler ist beschwerlich: Weit ab von Dörfern und Straßen watet die Gruppe der Vogelexperten durch die sumpfigen Wiesen des Biosphärenreservats Elbtalaue. Lange Grashalme schneiden Wunden in die nackten Waden, Legionen von Mücken liegen dem menschlichen Frischfleisch auf der Lauer. Wohl dem, der Gummistiefel und Insektenschutzmittel dabei hat. Eine schmerzhafte Erfahrung für alle anderen, die sich in diesem Fall aber lohnt: Zwei Jungvögel findet der mit Seilen und Gurt gesicherte Biologe Thomas Grünkorn in dem Horst, gut 20 Meter über der Erde. Die Kollegen auf dem Boden freuen sich. Noch.

So bekommen Seeadler ihre Ringe

Jedes Jahr gehen die Adlerexperten der Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz Niedersachsen (AAN) gemeinsam mit Kollegen der staatlichen Vogelschutzwarte, des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und den jeweiligen Jagdpächtern der Reviere auf Tour durch die Region. Sie zählen den Nachwuchs der Seeadler und statten die drei bis acht Wochen alten Tiere mit Ringen aus. Damit seien die Tiere voneinander unterscheidbar, erklärt Achim Schwarz von den Adlerschützern. „Mithilfe des Rings können wir sagen, wo der Adler geboren wurde, wo er geschlüpft und aufgewachsen ist und wo er sich jetzt aufhält.“

Über 50 Seeadlerpaare in Niedersachsen

Beringt“ sind jetzt auch die beiden Seeadlerjungen im Horst im Biosphaerenreservat. „Etwa sechs Wochen sind sie alt, jünger als ich dachte“, sagt Schwarz. Ihren Ring bekommen die Tiere im Alter zwischen drei und acht Wochen. „Sind die Vögel jünger, besteht die Gefahr dass der Ring abfällt.“ Ältere Tiere sind lebhafter, versuchen zu fliehen, wenn der Mensch sie im Nest besucht. „Da sie aber noch nicht flugfähig sind, besteht Absturzgefahr.“ Doch das ist ihm zum Glück bisher nicht passiert.

Derzeit gebe es sechs bekannte Seeadlerpaare im Landkreis Lüneburg. Bis vor kurzem waren es noch acht, aber von zweien fehle gerade jede Spur. In ganz Niedersachsen sind es sogar mehr als 50 Seeadlerpaare. Gute Neuigkeiten für den AAN, 1991 gab es gerade mal ein einziges.

Dass sich der Seeadler so eifrig vermehrt, hat mehrere Gründe. „Das Verbot des Insektenvernichtungsmittels DDT in den 80er Jahren spielt eine große Rolle“, sagt Schwarz. Über die Nahrungskette gelangte das Gift in den Körper der Adler. „Dadurch wurden die Schalen der Seeadlereier sehr dünn.“ Die Folge: Sie zerbrachen schnell, es gab fast keinen Nachwuchs. Auf hiesigen Äckern darf es nicht mehr eingesetzt werden, die Tiere danken es mit Vermehrung. Doch auch das wachsende Umweltbewusstsein in der Bevölkerung, die sauberen Flüsse und mehr Ruhe in den Schutzzonen seien förderlich für das Wohlbefinden des Greifvogels.

Revierkämpfe schuld an leeren Nestern?

War die Freude über den Seeadlernachwuchs anfangs noch groß, folgte im Tagesverlauf die Ernüchterung: Von den vier untersuchten Horsten waren zwei leer. „Insgesamt haben wir hier wohl sechs Jungvögel von drei erfolgreichen Brutpaaren“, erklärt Schwarz. In den Vorjahren waren es teilweise deutlich mehr: Elf Seeadlerjunge zählten die Experten noch 2015. Dass es zu so vielen Brutabbrüchen kam, hinterlässt sie ratlos. Eine vorsichtige Theorie hat Schwarz jedoch: „Interne Revierkämpfe könnten dafür verantwortlich sein.“ Behält er damit Recht, wäre das sogar ein gutes Zeichen: Es gibt so viele Adler, dass um Brutplätze gestritten wird.

Von Robin Williamson

One comment

  1. Zum Glück darf das DDT nicht mehr auf großen Ackern eingesetzt werden. Das ist ein wichtiges Zeichen für den Umweltschutz!