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Auf der Suche nach neuem Licht bietet eine Selbsthilfegruppe Menschen, die von Depression betroffen sind, Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung, ist Frank S. überzeugt. Foto: t&w

Depression: Wenn Emotionen nicht mehr spürbar sind

Lüneburg. Es war ein kalter Januartag vor fünf Jahren, als Frank S. von einer Brücke in Düsseldorf springen wollte. Der damals 41-Jährige war an seinem Leben ve rzweifelt. „Jahrelang war ich immer tiefer in die Einsamkeit gerutscht, hatte alle Emotionen in mich reingefressen. Deshalb wollte ich gehen.“ Frank S. sprang nicht, an die Stunden danach kann er sich nicht erinnern – alles wie hinter einer Nebelwand verschwunden. Depression lautete die Diagnose, als er sich für eine Therapie entschied. In einer psychosomatischen Klinik trifft er auf andere Betroffene, stellt fest: Der Austausch tut gut und ist wichtig. Deshalb will er jetzt eine Selbsthilfegruppe über den Paritätischen gründen.

Die Krankheitsgeschichte von Frank S. geht auf das Jahr 2003 zurück. Der gebürtige Bielefelder arbeitete damals bereits drei Jahre für ein Telekommunikationsunternehmen, musste wegen des Jobs nach Bamberg umziehen. „Damals habe ich mein ganzes soziales Umfeld verloren, aber es gelang mir, neue Freunde zu finden.“ Anders war das, als er ein Jahr später nach Hannover wechseln musste. In der großen Stadt Kontakte zu knüpfen, war schwierig. Sein täglicher monotoner Rhythmus unter der Woche: Aufstehen, arbeiten, abends im Internet surfen. Am Wochenende saß er nur vorm Computer. „Tödliches Gift“, sagt er, „weil ich dadurch immer weiter vereinsamt bin. Online-Bekanntschaften sind nichts Reales. Mit ihnen kann man nicht über Probleme sprechen, sie bieten keine Nähe.“ Ein schleichender Prozess setzt ein: Er kommt nicht aus dem Bett, ist lustlos, „ich spürte meine Gefühle nicht mehr“.

„Damals habe ich mein ganzes soziales Umfeld verloren.“, Frank S.

2009 erneuter Wechsel. Es geht nach Düsseldorf. Frank S. sagt, er sei für einen Großkunden zuständig gewesen, im Team mit 30 Mitarbeitern. „Ein hoher beruflicher Anspruch, der mir das Gefühl gab: Ich bin wichtig für meine Firma. Das war mein ganzer Lebensinhalt.“ Das kaschierte auch seine Einsamkeit, das Gefühl von unendlicher Leere. Er merkte zwar, dass er ein Problem hat, „aber ich konnte es nicht richtig einordnen“. Ende 2011 habe es dann geheißen, der komplette Service für den Großkunden gehe nach Ungarn. „Ich wurde in einem Callcenter eingesetzt, wo ich null Verantwortung hatte.“ Für Frank S. der komplette Absturz: „Ich hatte keine Familie und Freunde um mich und nicht mehr den Job, der mein ganzer Lebensinhalt war.“

Am Tag nach seinem Suizid-Versuch geht er zum Hausarzt, der schreibt ihn krank. Dann sucht er sich einen Therapeuten, „der hat mich gut aufgefangen“. S. versucht, wieder in seinem alten Job zu arbeiten. Zu dem Krankheitsbild Depression gehöre unter anderem aber auch, dass Betroffene überaktiv agieren. Er sei ständig unterwegs gewesen, um keinen Platz zum Nachdenken zu lassen. Das sei auch der Grund für einen erneuten Absturz gewesen, meint er. Ende 2013 geht er zur Reha in eine psychosomatische Klinik. Gruppentherapie. Für S. eine wichtige Erfahrung, weil er mit anderen Betroffenen zusammenkommt und erfährt, wie es ihnen mit der Erkrankung geht. Deshalb will er nun auch die Selbsthilfegruppe gründen, in der es um Austausch, Zuhören und sich gegenseitig in Krisen zu unterstützen geht. Diese könne jedoch keine Therapie ersetzen, macht Frank S. ausdrücklich deutlich.

Der heute 47-Jährige ist vor einem Jahr „der Liebe wegen“ nach Lüneburg gezogen. Das Zusammensein mit seiner Freundin tut gut. S. ist inzwischen medikamentös eingestellt, und er hat einen imaginären Werkzeugkoffer gepackt: „Der ist bestückt mit Ideen, die mir guttun.“
Weitere Informationen zur Selbsthilfegruppe gibt‘s beim Paritätischen unter (04131)861821.

Von Antje Schäfer