Donnerstag , 22. Februar 2018
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Der 36-jährige Lüneburger wurde zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt. Damit lag das Gericht deutlich über der Forderung der Staatsanwaltschaft. Foto: be

Lüneburger für Messerattacke zu elf Jahren Haft verurteilt

Lüneburg. „Ein bis dahin unbescholtener Mensch“ hat in der Nacht zum 6. August 2016 „schwerste Schuld auf sich geladen“, wie Franz Kompisch, Vorsitzender Richter der 4. großen Strafkammer am Landgericht in seiner Urteilsbegründung sagte. Das Schwurgericht verurteilte den 36 Jahre alten Lüneburger gestern wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Diebstahls in besonders schwerem Fall zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren.

Kompisch ging auf die Vorgeschichte ein: Die Beziehung des Angeklagten und seiner Lebenspartnerin war „geprägt von einem Auf und Ab“, jeder hatte seine eigene Wohnung, auch wenn er meist bei der drei Jahre älteren Frau schlief. Er ist seit Jahren wegen eines Bandscheibenschadens erwerbslos, sie wünschte sich einen reichen Partner. Einige Wochen vor der Tat tauchte ein alter Kumpel des Angeklagten auf, der in einem Hamburger Obdachlosenheim lebt, nun aber in der Wohnung der Frau an der Soltauer Straße schlafen durfte. Es entwickelte sich laut Richter eine „Ménage à trois“, eine Dreiecksbeziehung, bei der es allerdings nur zwei Mal zum Sex zu Dritt kam, und der war auch noch für alle Beteiligten unbefriedigend. Und daher kam es zwischen den beiden Männern immer wieder zu Sticheleien.

„Klassiker der Heimtücke“

Die gab es auch in der Tatnacht zum 6. August, als alle in der Wohnung saßen, Alkohol tranken und auch Drogen nahmen – beides aber nicht exzessiv. Dabei äußerte der Bekannte: „Das mit Eurer Beziehung ist ja nichts.“ Der Angeklagte und die Frau zogen sich für ein klärendes Gespräch zurück in die Küche, wo sie ihm die Trennung verkündete. Kompisch: „Der Angeklagte packte demonstrativ seine Sachen. Er machte den Bekannten für die Trennung verantwortlich, nahm sich aus der Küche ein Messer. Er wollte seinen Frust an jemandem auslassen.“

Und dann geschah das, was Kompisch als den „Klassiker der Heimtücke“ bezeichnete: Der Angeklagte ging zu seinem auf der Couch sitzenden Bekannten, streckte ihm die rechte Hand zum Abschiedsgruß entgegen „und rammte dem arg- und wehrlosen Opfer mit der linken Hand zwei Mal das Messer in den Hals, es spritzte Blut“. Der Angeklagte rief dabei: „Ich stech‘ Dich ab, ich bring‘ Dich um.“ Der Bekannte taumelte, der Angeklagte setzte nach. Als sich die Frau auf den Angeklagten warf, stach er mit dem Messer nach hinten, traf sie im Oberschenkel. Als der Angeklagte Blaulicht bemerkte, ließ er ab. Die Frau wählte den Notruf, der Bekannte rief einen Freund an, eine Hamburger Kiez-Größe, der er den Namen des Täters nannte, damit der den 36-Jährigen umbringen soll, falls er selbst den Angriff nicht überlebe.

Flucht zu den Eltern

Der Angeklagte war schon kurz im Hausflur, kam aber noch einmal in die Wohnung, um sich eine Biene-Maja-Spardose zu greifen, in der die Frau 1200 Euro für einen Urlaub aufbewahrte. Geld, das er laut dem Richter für die Flucht benötigen würde. Er fuhr dann mit dem Wagen zu seinen Eltern nach Peine. Dort holte ihn die Polizei dann ab.

Die Strafkammer lag mit ihrem Urteil deutlich über der Forderung der Staatsanwaltschaft von neun Jahren und sechs Monaten. Die Verteidigung ging von gefährlicher Körperverletzung aus und plädierte auf ein Jahr und zehn Monate, die Strafe sollte zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Angeklagte hatte sich bereit erklärt, 7500 Euro Schmerzensgeld an seinen Bekannten und 2500 Euro an seine Ex zu zahlen – wann und ob sie das Geld überhaupt sehen, ist fraglich, denn der 36-Jährige befindet sich in einem Insolvenzverfahren.

Von Rainer Schubert