Donnerstag , 15. November 2018
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Annett Zöllner nutzt die Schaukel als Symbol, um ihre Erkrankung zu erklären: An manchen Tage habe sie zeitweise genug Energie, mit Schwung zu schaukeln, manchmal könne sie nur die Beine baumeln lassen, und manchmal brauche sie jemanden, der ihr Anschwung gebe. Foto: t&w

Multiple Sklerose: "Alles geht, aber eben anders"

Lüneburg. Am Anfang war es wie eine graue Wolke, alles schien Annett Zöllner bedrohlich. „Ich habe meinem Umfeld nicht gesagt, dass ich an Multipler Sklerose er krankt bin. Es war schmerzlich, und ich hatte Angst vor den Reaktionen“, erzählt die 38-Jährige. Fast zehn Jahre ist es seit der Diagnose her. Inzwischen hat sie gelernt, mit der Erkrankung zu leben, und die Erfahrung gemacht: Alles geht, aber eben nur anders.

Das ist auch das Motto des diesjährigen Welt-MS-Tages, mit dem das Thema in die Öffentlichkeit getragen und Verständnis für die Betroffenen geweckt werden soll. Die Kontaktgruppe Lüneburg der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sowie Waltraut Heus, Leiterin der DMSG-Beratungsstelle Winsen/Luhe, sind deshalb morgen von 10 bis 17 Uhr mit einem Info-Stand im SaLü vertreten.

Erste Symptome mit Ende zwanzig

Erste Symptome wie Sehstörungen und ein permantes Kribbeln im Gesicht traten bei Annett Zöllner 2007 auf. Ärzte konnten das aber nicht zuordnen. „Ich habe die Symptome gegoogelt und hatte die Befürchtung, das könnte MS sein.“ Ein Jahr später kam mit der Diagnose die Gewissheit, das sei schlimm gewesen, sagt die junge Frau, aber sie habe sich auch etwas erleichtert gefühlt. „Denn inzwischen hatte ich täglich ad hoc einen starken Energieabfall, als wenn der Stecker rausgezogen wird“, beschreibt sie. „Nun konnte ich meinen Mitmenschen, die oft nach dem Motto ‚Stell Dich nicht so an‘ reagierten, erklären, dass eine Erkrankung zugrunde lag.“

Mehr als 200 000 Menschen sind bundesweit an MS erkrankt. Da bei den Betroffenen ganz unterschiedliche Symptome auftreten, spricht man von der „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“. MS schädigt die Nervenbahnen im Gehirn, so dass diese Befehle verspätet oder gar nicht mehr ankommen. Welche Beschwerden die MS auslöst, richtet sich danach, welche der vielen Nervenleitungen, die ein Mensch hat, durch Entzündung und Narben beschädigt oder zerstört sind. Bis dato ist die Erkrankung unheilbar.

Fatigue-Symptom:
Müdigkeit, Schwäche und Konzentrationsprobleme

Annett Zöllner leidet am Fatigue-Symptom. Selbst nach ausreichend Schlaf treten bei ihr plötzlich bleiernde Müdigkeit, Schwäche und Konzentrationsprobleme zu unterschiedlichen Tageszeiten auf. „Ich muss jeden Tag einpendeln und gucken, was geht und was nicht.“ Im täglichen Leben erfordert das viel Koordination, manche Arbeiten im Haushalt ziehen sich über Tage hin. „Einkaufen geht manchmal einfach nicht, aber ich habe eine gute Vorratshaltung“, sagt die alleinerziehende Mutter mit einem Lächeln. Der Elternabend sei manchmal eine Herausforderung. „Aber auch wenn ich das Gefühl habe, ich kann nicht, raffe ich mich auf.“

Gut tue ihr Reha-Gymnastik über den MTV, „das ist hilfreich für den Muskelaufbau und die Koordination“. Wichtig für sie ist auch die DMSG-Kontaktgruppe, denn unter Betroffenen müsse man sich einerseits nicht erklären, andererseits biete diese die Möglichkeit zum Austausch, wenn es darum gehe, Tipps für die Bewältigung des Alltags zu bekommen. „Durch den Kontakt zu anderen Betroffenen mit unterschiedlichen Symptomen hat sich mein Blick aufs Leben geändert. Egal was kommt, ich werde es schaffen. Denn es geht alles, nur eben etwas anders.“
Über die DMSG-Beratungsstelle hat ihr Sohn an einer Freizeit teilnehmen können.

Für Annett Zöllner die Möglichkeit durchzuatmen, und ihr Sohn habe sich mit anderen Kindern von MS-Erkrankten austauschen können. Mit anderen Frauen habe sie ein Wochenende in Bad Bevensen verbringen können und dabei von den Erfahrungen anderer alleinerziehender Mütter profitiert. Möglich gemacht habe diese Auszeit für Mütter eine Spende des Ladies‘ Circle, der die DMSG-Beratungsstelle unterstütze, sagt Waltraut Heus. Ihr und Alexandra Marnetté, Leiterin der DMSG-Kontaktgruppe, ist bewusst, dass es immer wieder wichtig ist, die Öffentlichkeit über die Erkrankung aufzuklären und ein Bewusstsein für die Situation der Betroffenen zu schaffen. Deshalb einmal mehr ein Info-Stand am Welt-MS-Tag.

Von Antje Schäfer

Ansprechpartner

Die DMSG-Kontaktgruppe trifft sich jeden ersten Montag im Monat ab 18 Uhr im Ökumenischen Gemeindezentrum St. Stephanus in Kaltenmoor. Informationen gibt es bei der Leiterin Alexandra Marnetté unter (04176) 9448063 oder unter www.dmsg-kg-lueneburg im Internet. Die DMSG-Beratungsstelle mit ihrer Leiterin Waltraut Heus ist montags bis freitags unter (04171) 62924 oder per E-Mail an heus@dmsg-niedersachsen.de zu erreichen.