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Sie wollen, dass Geflüchtete in Lüneburg ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können: (v.l.) Mohammad Firas Nadman, Obed Alobed, Dr. Fares Alfares und Ahmed Elmadfaa. (Foto: t&w)

Lüneburg: Erste Selbsthilfegruppe für Migranten

Lüneburg. Ob sie aus Syrien, Afghanistan oder Nordafrika stammen, ihre Erfahrungen sind stets die gleichen: Die Wartezeiten vieler Geflüchteter an ihren Ankunftsorten sind lang. Oft dauert es Monate, mitunter Jahre, bis sie wissen, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Und selbst dann geht das Warten weiter. Dieser Zustand soll jetzt mit einem Projekt geändert werden, das sich „Community Organizing“ nennt. Dahinter verbirgt sich der Aufbau einer Migrantenselbsthilfeorganisation.

„Betroffene wissen selbst am besten, was sie benötigen“, beschreibt Katja Heidmeier den Grundgedanken, der im vergangenen Jahr zur Gründung des Projekts führte. Sie ist Projektleiterin beim Diakonieverband, der gemeinsam mit dem Herbergsverein Wohnen und Leben in Lüneburg die aus den USA stammende Idee aufgriff. „Es geht um eine Anleitung zum Mächtigsein, darum, wieder in die Beherrschung der eigenen Lebensverhältnisse zu kommen“, versucht Michael Elsner vom Herbergsverein den Gedanken zu erläutern. Ziel sei es, die Handlungsfähigkeit der häufig zum Abwarten verurteilten Menschen zu stärken.

Gemeinsam an Lösungen für Probleme arbeiten

In vier Schritten will die rund 15-köpfige „CO“, wie die hauptsächlich aus Geflüchteten bestehenden Mitglieder ihre Organisation selbst nennen, ans Ziel kommen, die Hälfte ist bereits geschafft. So haben sich nach intensiven Gesprächen mit Betroffenen die Schwerpunktthemen Bürokratie, Arbeit, Wohnen und Sprache mit je einer Arbeitsgruppe gebildet, an denen jeweils bis zu 20 Personen teilnahmen. Hier wurde vor allem zusammengetragen, wo der Schuh drückt und welche Lösungen aus Sicht der Gruppen in Frage kämen. Ob eine kostenlose Rechtsberatung, eine Migranten-Quote bei der Vergabe von Wohnungen oder eine Koordinierungsstelle für eine bessere Übersicht der zahlreich angebotenen Sprachkurse – an Vorschlägen aus den Gruppen mangelt es nicht.

Wie vertrackt die Situation zum Teil ist, macht Obed Alobed deutlich: „Ohne Sprache gibt es keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung.“ Deshalb setzt der 34-jährige Syrer auf eine Wohnungsbörse speziell für Geflüchtete und hofft so, auch Vorurteile bei Vermietern überwinden zu können. Nicht einen Mangel an Sprachkursen, aber an qualifizierten Lehrern beklagt Mohammad Firas Nadman. „Werden sie vielleicht zu schlecht bezahlt?“, fragt der 21-jährige Syrer. Auch dass es für Ingenieure keine speziellen Fach-Sprachkurse gebe, sei wenig zielführend.
Dass nicht jeder Wunsch umsetzbar und vieles durch Gesetze vorgegeben ist, wissen die CO-Mitglieder. „Aber nicht alles ist sinnvoll“, sagt Dr. Fares Alfares (41). Etwa, dass selbst für einfache Arbeiten Sprachkurse mit der Qualifikation B1 oder C2 gefordert würden. „Es wäre gut, eine Lösung zwischen den Gesetzen und den Bedürfnissen der Geflüchteten zu finden“, sagt der Syrer.

Leben am Rande der Gesellschaft

„Flüchtlinge leben in dieser Zeit am Rande der Gesellschaft“, beschreibt Ahmed Elmadfaa die Situation. Der 25-jährige Palästinenser wartet seit anderthalb Jahren auf seinen Bescheid. Wie schwer dieser „Schwebezustand“ für die meisten auszuhalten ist, wird in seiner fast anklagenden Frage deutlich: „Wie lange soll das noch dauern? Warum investiert die Lüneburger Gesellschaft nicht in uns und hilft uns, unser Leben zu organisieren?“ Denn so ganz ohne Unterstützung scheint auch die Gründung der Selbsthilfeorganisation für ­Migranten, die allen als Ziel vorschwebt, nicht zu klappen. „Wir brauchen noch ein bisschen Hilfe, vor allem aber strukturelle Lösungen“, sagt Elsner.
Nicht jeder Wunsch ist tatsächlich umsetzbar

Deshalb ist in einem nächsten Schritt auch ein Treffen mit Vertretern der Hansestadt und des Landkreises geplant, bei dem die drängendsten Fragen und Probleme angesprochen und Lösungen vorgeschlagen werden sollen.

Für Florian Moitje, Geschäftsführer des Diakonieverbandes, ist aber das bisher Erreichte schon ein Erfolg: „Jetzt kommt eine eigene laute Stimme der Migranten hinzu.“
Die öffentliche Veranstaltung findet am Dienstag, 13. Juni, von 17 bis 18.30 Uhr im Glockenhaus statt.

Von Ulf Stüwe