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Tausende Erzieherinnen und Sozialarbeiter kamen im Mai 2015 nach Lüneburg, um für eine Neuordnung des Tarifsystems und damit für bessere Bezahlung zu demonstrieren. (Foto: A/t&w)

Ver.di Bezirksverband will die Notbremse ziehen

Lüneburg. Unter Gewerkschaftern gärt es: Der ver.di-Bezirksverband Lüneburger Heide steht wahrscheinlich vor der Auflösung. Die Vereinte Dien stleistungsgewerkschaft will ihre Struktur in Niedersachsen und Bremen verändern, aus fünf Bezirken sollen vier werden. Lüneburg würde voraussichtlich in großen Teilen Hannover zugeschlagen.
Aus Sorge, als „Nestbeschmutzer“ dazustehen, äußern sich Gewerkschafter nur unter der Hand. Sie befürchten, dass sich die Betreuung vor Ort verschlechtert. Schon heute gebe es im Bereich Handel keinen Ansprechpartner mehr in Lüneburg. In den vergangenen sechs Jahren sei zudem die Mitgliederzahl um 500 auf 3000 geschmolzen. Ver.di selbst räumt seit 2014 ein Minus von acht Prozent ein.

Fusion steht am Ende eines langwierigen Prozesses

In Hannover sagt ver.di-Sprecherin Lea Arnold: „Die geplante Fusion ist Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der 2005 begonnen hat. Damals wurden in Niedersachsen und Bremen zwölf ver.di-Bezirke zu fünf Bezirken zusammengefasst und administrative Aufgaben gebündelt. Diese Strukturveränderungen haben es uns ermöglicht, die Arbeit vor Ort zu intensivieren. Auch die nun anstehende Fusion der Bezirke Lüneburger Heide und Hannover/Leine-Weser ist vor diesem Hintergrund konsequent und für eine gute gewerkschaftliche Arbeit notwendig.“

Eigentlich hätte der Bezirk, zu dem sechs Landkreise zählen, schon vor Jahren mit Hannover verschmelzen sollen. Doch 2010 und 2011 wehrte der mächtige Funktionär Achmed Date die Pläne ab. Gewerkschaftsmitglieder mit gutem Einblick in die Gremien erzählen heute: „Danach haben die Hannoveraner die Lüneburger ausbluten lassen.“ Die Zahl der Sekretäre sei gesunken, ein Stellvertreter von Bezirksgeschäftsführer Matthias Hoffmann sei gegangen. Gleiches gelte für den Kollegen, der den Handel betreute.

Es gibt in den eigenen Reihen durchaus Verständnis für die Pläne einer Neuausrichtung, über die Ehrenamtliche im Landesvorstand am 8. und 9. Juni entscheiden sollen. Denn ver.di hat bundesweit Mitglieder verloren, aber eben auch viele in der Region. Als sich 2001 sechs Gewerkschaften zu ver.di zusammenschlossen, zählte man – je nach Lesart – zwischen 20 000 und 23 000 Mitstreiter, 2011 waren es 18 000, heute räumt Sprecherin Arnold ein, seien es noch 17 000. Zum Vergleich: Andere Bezirke zählen mehr als 50 000 Mitglieder. Lea Arnold verweist aber auch auf Erfolge, so habe es aufgrund eines Streiks bei den Erzieherinnen ein Plus von 77 Prozent gegeben. Kritiker lächeln müde und sagen: „Ja, aber es sind einige wieder ausgetreten, nachdem sie ihr Streikgeld kassiert hatten und weil sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden waren.“

Weniger Personal in Lüneburg?

Beschließt der ver.di-Landesvorstand den Zusammenschluss, soll es beim Personal so bleiben wie bisher, Gewerkschafter bezweifeln das. „Wofür brauchen wir bei dem Personalschlüssel in Lüneburg dann noch einen Bezirksgeschäftsführer?“ Aktuell ist das Matthias Hoffmann, der sich nicht äußert. Nach LZ-Informationen soll er einen unbefristeten Arbeitsvertrag und eine Standortgarantie besitzen.

Lea Arnold sieht das Feld gut bestellt: „Ver.di ist in der Lüneburger Heide ein starker und verlässlicher Partner vor Ort. Aktuell unterstützen wir Beschäftigte in zwei Unternehmen aus Handel und Dienstleistungen bei der Gründung eines Betriebsrates. Auch die Ansiedlung des Online-Versandhändlers Amazon in Winsen/Luhe stellt die Region vor neue Herausforderungen, denen ver.di wachsam und stark begegnen wird.“ Zudem gebe es Beratung über Callcenter für die Mitglieder.
Doch ohne Präsenz vor Ort dürfte es schwerer werden, neue Mitglieder zu gewinnen. Das beschreiben auch Personalräte in Lüneburger Behörden: Es sei schwierig, Leute zu motivieren, sich zu engagieren. Ein Beispiel: Als es vor Monaten einen Warnstreik am Behördenzentrum Auf der Hude gab, waren vielleicht ein Dutzend Aktivisten vertreten – dort und im benachbarten Finanzamt, der Straßenbauverwaltung und dem Landesamt für Verbraucherschutz arbeiten Hunderte Beschäftigte, nicht alle sind Beamte.
„Die Selbstverständlichkeit, sich für eine Solidargemeinschaft zu engagieren, ist nicht mehr da“, sagt eine Gewerkschafterin. Und mancher ärgere sich auch schlicht, ein Prozent des Gehalts als Gewerkschaftsbeitrag zu zahlen. Ver.di müsse neue Wege gehen. Nur welche, das ist umstritten.

Von Carlo Eggeling