Donnerstag , 15. November 2018
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Siegfried Ahrens (l.) zeigt Alexander Schlender und Robin Koopmann-Wischhoff, wie laut eine Kreissäge wirklich ist. Foto: t&w

Ein Tag gegen Lärm: Niemals ohne Gehörschutz

Lüneburg. Eine Zahl leuchtet auf dem Display des Schallmessgeräts auf, das Lukas Anton Rumpf in den Händen hält. 106 Dezibel. Den Lärm der Kreissäge, die gerade einen Holzbalken in mehrere Stücke trennt, hört er nicht. Denn der Lehrling trägt einen Gehörschutz. Würde er diesen nicht tragen, dürfte er dem Lärm der Kreissäge nur genau 3,75 Minuten ausgesetzt sein. Dann nimmt das Gehör Schaden. Keine Seltenheit in der Bauwirtschaft: Lärmschwerhörigkeit gilt als die häufigste anerkannte Berufskrankheit. Um Auszubildende auf dieses Risiko hinzuweisen, veranstaltet die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) regelmäßig einen Tag gegen Lärm. Dieser hat jetzt im Lüneburger Technologiezentrum stattgefunden.

60 Lehrlinge aus 20 Ausbildungszentren

Cord Reißer ist einer der Mitarbeiter der BG Bau, der jetzt 60 Lehrlinge aus 20 verschiedenen Ausbildungszentren der Region aufgeklärt hat. Der 43-Jährige weiß, was dauerhafter Lärm in den Ohren anrichten kann. Deshalb hat er die Auszubildenden jetzt nicht nur Lärm messen, sondern auch ihr Gehör testen lassen. Und Theorie gehört natürlich auch dazu. „Ich erkläre ihnen unter anderem, was Lärm eigentlich ist, wie er erzeugt wird und auf den Körper wirkt.“

Cord Reißer arbeitet bei der BG Bau, er weiß, wie wichtig ein Gehörschutz ist.

Dass ein solcher Präventionstag nötig ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Deutschlandweit sind etwa fünf Millionen Beschäftigte schädigendem Lärm ausgesetzt. Allein die BG Bau hat im Jahr 2015 über 17 Millionen Euro für 6000 Angestellte bezahlt, die schon Hörschäden davongetragen haben.
Reißer weiß, dass Lärm in jedem Gewerk vorhanden ist. „Es ist die Kreissäge, das Schussgerät auf dem Dach oder der Bohrhammer.“ Selbst ein Hammer, der auf Holz trifft, erzeuge einen größeren Lärm, als einem selbst bewusst sei. Gefährlich sei aber nicht nur die Dauerbelastung, auch ein einzelnes Ereignis, beispielsweise ein Böller, der in der Nähe des Ohrs explodiert, könne ein Knalltrauma und so möglicherweise dauerhafte Schäden verursachen.

Oft auch in der Freizeit Lärm ausgesetzt

Problematisch sei auch, dass viele Jugendliche schon mit Vorschädigungen in ihre Ausbildung starten. Denn Lärm ist auch in der Freizeit vielfach vorhanden: beim Disco-Besuch, der wummernden Bassbox im Auto oder bei Konzerten. Die Betriebe hätten das Risiko schon vor Jahren erkannt, sagt Reißer, „und vieles geändert“.
Auch viele Hersteller haben am technischen Standard gefeilt. So gibt es lärmreduzierte Arbeitsmittel wie Diamanttrennscheiben für Steinsägen oder Spezialzangen für leisere Abbrucharbeiten. Auch das Vorführobjekt, an dem die Auszubildenden messen durften, entspricht diesem Standard. Siegfried Ahrens, ebenfalls Mitarbeiter bei der Unfallversicherung, deutet auf die Öffnungen im Sägeblatt. „Die sorgen dafür, dass der Schall gedämpft wird.“ Auch gebe es sogenannte Sandwich-Sägeblätter, bei denen beispielsweise drei Schichten zusammengeklebt werden.

Der Betrieb von Alexander Schlender ist in diesen Belangen gut ausgestattet. Und das ist auch nötig, der 23-Jährige arbeitet täglich an einem Trennschleifer, mit einer Stein- oder Betonsäge oder mit dem Stemmbohrer. Der Maurer, der in Braunschweig kurz vor seinem dritten Lehrjahr steht, muss dazu beispielsweise einen extra eingerichteten Lärmbereich aufsuchen. „Dort ist der Schall dann nicht so stark.“

Heutiger Standard früher nicht selbstverständlich

Was heute zum Standard zählt, war früher keinesfalls selbstverständlich. Das weiß Angela Burmester, die medizinische Angestellte hat das Gehör der Lehrlinge getestet. Sie weiß aus Erfahrung, dass vor allem diejenigen, die heute zwischen 60 und 63 Jahre alt sind und ihr Leben lang an lauten Maschinen gearbeitet haben, schlecht hören. „Manche hören gar nichts mehr, können sich nur noch über Lippenbewegungen verständigen.“ Bei diesen Härtefällen, die nie einen Gehörschutz getragen haben, seien die Hörzellen im Ohr bereits abgestorben.
Noch Hoffnung besteht bei den 60 Auszubildenden, die jetzt zum Thema Lärm ausführlich aufgeklärt wurden. Unter ihnen waren nur wenige mit auffälligen Testergebnissen. Das Gehör war beispielsweise bei zwei Lehrlingen nicht mehr intakt – der eine hat gerade ein Konzert besucht, der andere ist in seiner Freizeit Jäger.

Von Anna Paarmann

Definition: Was ist Lärm?

Im Informationsheft der BG Bau heißt es, dass Lärm jeder Schall ist, der zu einer Beeinträchtigung des Hörvermögens oder zu einer sonstigen Gefährdung führen kann. Abhängig von Dauer und Intensität kann Lärm das Gehör schädigen, aber auch zu erhöhtem Blutdruck, Stress, Gereiztheit, Angstgefühlen, Nervosität und Schlafstörungen führen. Hier einige Beispiele:

  • 30 dB (A) entspricht Flüstern
  • 60 dB (A): normales Gespräch
  • 80 bis 85 dB (A): starker Straßenverkehr
  • 100 bis 105 dB (A): Baukreissäge
  • bis 110 dB (A): Disco-Musik
  • ca. 130 dB (A): Flugzeugstart

Ist jemand dauerhaft einer Lautstärke von 80 Dezibel ausgesetzt, kann dies zu einer Hörminderung führen. Ist ein Schallpegel von 130 Dezibel erreicht, wird das Gehör unmittelbar geschädigt.