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Das duftet aber gut: Juror Bernd Vogel schnuppert am Estragon, der im Kräutergarten der Kolonie Brauerteich wächst. Erika Kunz (r.), Vereinschef Peter Verlei (2.v.l.), Roland Müller vom Kleingärtner-Bezirksverband (l.) sowie Stadtbaurätin Heike Gundermann (3.v.l.) zeigen den Juroren die Anlage auf dem Kreideberg. Foto: t&w

Landeswettbewerb der Kleingärtner: Welche Kolonie ist die beste?

Lüneburg. Erika Kunz ist bestens vorbereitet. Detailliert und überzeugend trägt sie den Gästen vor, was der Kleingärtnerverein Brauerteich zu bieten hat. Das ist der Lese- und Kräutergarten, der zum Pflanzen und Ernten oder auch zum entspannenden Schmökern einlädt, das sind die beiden Bürgergärten, die reichlich Ertrag für die Tafel abwerfen, das ist das Graffito auf dem alten Vereinsheim, das beliebtes Fotomotiv bei Familien ist, und natürlich ist da das Tiergehege, seit Jahren ein beliebtes Ausflugsziel für Lüneburger. Erika Kunz als Schriftführerin hat gemeinsam mit ihren Vorstandskollegen auch alles schriftlich festgehalten, die Gäste bekommen bei ihrer zweistündigen Stippvisite eine umfangreiche Mappe an die Hand. Schließlich möchte die Kolonie auf dem Kreideberg einen guten Eindruck hinterlassen, denn die Besucher sind Juroren des Landeswettbewerbs „Gärten im Städtebau“. Der Verein Brauerteich und die Kolonie Am Schildstein vertreten die Lüneburger Farben in Niedersachsen.

Acht Anlagen in Niedersachsen inspiziert die vierköpfige Jury in dieser Woche, Lüneburg war Dienstag die erste Station, Göttingen wird heute die letzte sein. Wer am Ende von allen acht Anlagen die Nase vorn hat, verkünden die Juroren erst am 18. November. Der Sieger darf Niedersachsen dann im kommenden Jahr auf Bundesebene vertreten.

Kleingärtner aus elf Nationen

„Kleine Gärten – bunte Vierfalt“ lautet das Oberthema des Kolonien-Wettstreits. Am Brauerteich zeigt sich das auch an den elf verschiedenen Nationen, die hier ackern, so kommen Kleingärtner aus Usbekistan, aus dem Sudan oder auch aus Peru. Für die Flüchtlingsunterkunft auf der anderen Seite des Ochtmisser Kirchsteigs haben Mitglieder Geld, Sonnenschirme und Blumen gespendet, beim Pflanzen vor den Containern selbst mit angepackt. „Die Beete werden jetzt auch gepflegt, hin und wieder muss man die Bewohner aber mal dran erinnern, dass Unkraut gezupft werden muss“, sagt Erika Kunz. Ihr Verein habe auch Gärten in der Kolonie für Geflüchtete angeboten, das Interesse sei aber nicht so groß gewesen.

Gut angekommen ist hingegen der Kräuter- und Lesegarten, auf einer Bank lassen sich nicht nur Vereinsmitglieder gern nieder, um sich aus einer Bücherkiste zu bedienen, in der aktuell Werke wie das Bilderbuch „Hurra, ich habe einen Kleingarten“, Zeitschriften oder der Roman „Der Göttergatte“ liegen. Zwei Hochbeete stehen für die Öffentlichkeit zur Verfügung, eine Oma habe eines davon mit ihren beiden Enkeln bereits in Beschlag genommen. In die Kolonie gelockt hatte sie – wie viele andere Familien und Kinder selbst aus anderen Stadtteilen – der attraktive Spielplatz. Natürlich ist aber auch das Tiergehege, für das jüngst das Umweltbildungszentrum Schubz die Verantwortung übernommen hatte, ein Magnet.

Der Leerstand hält sich in Grenzen und ist begründet: Von den 186 zu verpachtenden Parzellen sind zehn aktuell ohne Pächter, allesamt Gärten ohne Laube. „Die wird man schwer los, deshalb bauen wir schon nach und nach Lauben auf verwaisten Parzellen“, sagt Erika Kunz.

Viele Anfragen auf freie Parzellen

In der mit 306 Parzellen größten Kolonie Am Schildstein sind derzeit 27 Gärten frei, doch es gebe wöchentlich Anfragen, machte Vereinschef Frank Becker bei der zweiten Station der Jury-Reise deutlich. Die Pächter wissen die Nähe zur Innenstadt zu schätzen, viele wohnen auch im Mittelfeld, nutzen die Parzellen als eine Art „verlängerten Garten“, wie Schriftführerin Celina Müller es nennt. Zu den Pfunden, mit denen die Kolonie wuchern kann, zählen aber auch der prägende Mammutbaum und die Streuobstwiesen, auf denen unzählige alte Sorten wachsen. Multikulti ist auch hier kein Fremdwort, die Kleingärtner kommen aus 16 Nationen.

Auch für den Nachwuchs legen sich die Mitglieder immer wieder ins Zeug, Kinderfest, Halloween-Party, Ostereiersuche und Laternenumzug gehören jedes Jahr zum Programm, der Spielplatz wurde jüngst erweitert.

Mit ihren 82 Jahren ist die Anlage fünf Jahre jünger als Brauerteich, die Teilnahme am Wettbewerb ist für den Verein eine Premiere. Entsprechend bescheiden nennt Becker die Erwartungen hinsichtlich des Abschneidens: „Hauptsache, man ist dabei.“

Stadtbaurätin Heike Gundermann machte deutlich, wie wichtig auch für Politik und Verwaltung das Kleingartenwesen ist. „Jedes Jahr gewähren wir als freiwillige Leistung einen Zuschuss für die Kleingärtner, der auch angesichts angespannter Finanzen nie infrage stand. Und mit dem Grünflächenausschuss machen wir jährlich eine Rundreise durch alle Anlagen, an diesem Mittwoch geht es wieder los. An vier Nachmittagen schauen wir uns die Kolonien an, mit keinem anderen Thema sind wir so viele Stunden beschäftigt. Am Ende gibt es als Zeichen der Wertschätzung auch eine kleine Aufmerksamkeit in Form von Preisgeld.“

„Gärten im Städtebau“
Der Wettbewerb findet alle vier Jahre statt und wird ausgerichtet vom Bundesumweltministerium und dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde in Zusammenarbeit mit den Städten.

Er soll städtebauliche, soziale, ökologische, städteklimatische und gartenkulturelle Leistungen des organisierten Kleingartenwesens für die Gesellschaft verdeutlichen.

Zu den Bewertungskriterien zählen Umwelt- und Naturschutzprojekte, Gestaltung und Nutzung der Gärten, das bürgerschaftliche Engagement der Vereinsmitglieder und die Kreativität der Präsentation. In Niedersachsen bilden Erika Brunken, Bernd Vogel, Peter Kahle und Manfred Ebs die Jury.

Von Alexander Hempelmann und Stefan Zackariat