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Christiane Klink gehört zu den Wirten, die die Rackerstraße mitprägen. Es kommen viele Stammgäste, die die Ruhe ein wenig abseits des Trubels von Schröderstraße und Stint suchen. Foto: t&w

Rackerstraße in Lüneburg: Die neue Wohlfühlzone

Lüneburg. Die Jungs tragen Strohhüte und Ringel-Shirts, wirken etwas wie aus der Zeit gefallen – und sehr charmant. Denn sie schütteln dem Gast zur Begrüßung die Hand und schenken ihm ein Lächeln, fast glaubt man: „Die haben auf mich gewartet.“ Persönlich geht es zu im Bekaay‘s an der Rackerstraße. Klein, gemütlich, ruhig, entspannt – das ist auch das Motto anderer Lokale an der Verbindung zwischen Heiligengeist- und Wallstraße. Die Wirte wollen anders sein als die großen Läden an der Schröderstraße. Die Gasse wandelt sich zu einer neuen, anderen Kneipenmeile der Stadt.

Ursprünglich ging es hier eher derb zu. Der Racker war der Schinder, der Abdecker. Erste Erwähnungen sind von 1450 in den städtischen Archiven zu finden, in ihrem heutigen Verlauf ist sie seit etwa 1700 nachzuweisen. Also ein uraltes Stück Lüneburg, das nun frisch daher kommt.

Gerichte werden für Gäste individuell zusammengestellt

Jung und voller Ideen hat Sasan Khojandi hier seinen Platz gefunden. Seit gut zwei Jahren betreibt er das Esszimmer, ein Dutzend Plätze drinnen, 16 davor. Persische Küche mit der Lust zum Ausprobieren. „Gäste sagen, mach uns mal etwas Leckeres“, erzählt der 28-Jährige. „Und das machen wir dann individuell. Die Leute wollen, dass man sie und ihre Wünsche kennt.“ Vor allem wollten die Stammgäste mal eine Alternative zu Wraps, Sushi, Flammkuchen und Currywurst, die in so vielen anderen Lokalen angeboten werden.

Der junge Wirt hat sich mit Weinhändler Stefan Wabnitz zusammengetan. Der hat mit seiner Frau Anette an der Schröderstraße das Weinkontor betrieben. Den Standort verlässt er und konzentriert sich wieder auf die Rackerstraße. Seit einem halben Jahrhundert betreibt die Familie dort eine Weinhandlung. In neu gestalteten Räumen ist nun auf 300 Quadratmetern Platz für Wein und eine Zweigstelle des Esszimmers. Die Idee: Der Gast bestellt sich zum Essen die passende Flasche Wein. Wabnitz unterstreicht, wie sich seine Straße gewandelt hat. Neben der Gastronomie kleine Geschäfte: „Eine gute Mischung. Alle sind inhabergeführt.“ Eben das locke Kunden.

Nach dem Theater in die Rackerstraße

So sieht es auch Christiane Klink. Sie hat aus einem Blumenladen das Jolie gemacht. Tapas und Lammspieße, dazu ein regelmäßig wechselndes Gericht, das sie „aus dem Gefühl heraus“ auswähle, mal eine Quiche, mal ein mexikanischer Bohneneintopf. „Ich kaufe jeden Tag frisch ein und koche“, sagt sie. Alles müsse mit überschaubarem Aufwand zu erledigen sein: „Ich bin eine One-Woman-Show.“ Nur stundenweise hat sie eine Servicekraft.

Auch sie freut sich über Stammkunden. „Am Anfang war das nicht einfach, ich brauchte einen langen Atem“, sagt sie. Doch nach gut zwei Jahren komme sie zurecht. Das liege auch am Standort, ist sie sich mit ihren Kollegen einig. Die Mieten sind hier längst nicht so hoch wie an den Hauptmeilen, dazu sei die Rackerstraße das „Einfallstor“ aus dem Roten Feld. Aus dem Theater kommen abends um kurz nach zehn einige auf einen Wein und einen Snack.

Investitionen für L‘Osteria deutlich höher als geplant

Wie für die Straße ist es auch für die 51-Jährige ein Neuanfang. Restaurantfachfrau hat sie mal gelernt, danach Fremdsprachenkorrespondentin. Sie habe in Hamburg für große Unternehmen wie den Springer-Verlag gearbeitet, dann sollte es etwas anderes sein. In ihrer offenen Küche mit zwei Dutzend Plätzen im Lokal und 18 vor der Tür ist sie zufrieden – und optimistisch, dass es so bleibt.

Im ehemaligen La Fleur, dem Bekaay‘s, sehen es die drei Brüder und der Cousin der Familie Khaghani ebenso. Sie haben Erfahrungen in Szeneläden gesammelt, wollten dann etwas eigenes machen. „Ein kleines Wohnzimmer für die Lüneburger“, nennt es Bahador Khaghani. Ihre Cocktails gelten als besonders, die Gerichte der kleinen Karte als lecker. Ihre Freundlichkeit zieht viele, die 40 Plätze im Lokal und 26 davor sind oft auch am späten Abend gut besetzt. Khaghani freut sich über seine Kollegen, die an der Straße mit einer ähnlichen Philosophie arbeiten: großes Engagement, nah am Gast.

Ein offenes Geheimnis ist, dass ein italienischer Wirt noch eine kleine Bar eröffnen möchte – die anderen finden es gut. Und auch, dass ein Riese in die Nähe zieht, könne eine Bereicherung sei. An den Reeperbahnen will Dirk Block bekanntlich die L‘Osteria eröffnen, Pizza und Pasta soll es geben. 150 Plätze drinnen, 100 draußen. Der Unternehmer, der aus der Hamburger Gastronomen-Familie Block (Block-House und Elysée) stammt, hält den Platz für ideal. Parkplätze in der Nähe, das Theater, ein wenig abseits des Trubels. Er wollte 1,8 Millionen Euro investieren, jetzt seien es wohl 2,5 Millionen, sagt er. „Wir hätten wahrscheinlich doch besser neu gebaut.“ Block hatte das Lokal von Félice Di Pietrantonio übernommen. In der ersten oder zweiten Juli-Woche wolle er eröffnen, er findet: „Lüneburg braucht etwas Neues.“ Das liefern er und seine kleinen Nachbarn an der neuen Kneipenmeile.

Stadt setzt auf Dialog mit Betroffenen

„Im Verhältnis zur Kneipendichte erhalten wir wenige Beschwerden, die können in der Regel mit Wirten und Anwohnern gelöst werden“, berichtet die Verwaltung.

Auflagen könnten nur bei Neubau oder Nutzungsänderungen von Lokalen gemacht werden. So dürften Geräusche und Gerüche nicht zu Belästigungen für die Nachbarschaft führen.

Von Carlo Eggeling