Aktuell
Home | Lokales | Sharing Economy: Die Idee von einer großen WG
Karsten Drewes besitzt ein Haus, das über vier Etagen verfügt. Seine Kinder sind ausgezogen, deshalb hat er nun häufig Gäste. Foto: t&w

Sharing Economy: Die Idee von einer großen WG

Lüneburg. Das Internet bringt Menschen zusammen, die sich sonst wohl niemals finden würden. Es bringt Angebot und Nachfrage zusammen. Jedes Interessensgebiet h at eine Plattform, meist sind es unzählige. Immer häufiger geht es dabei um den Grundgedanken des Teilens. Etwas von dem abgeben, von dem man selbst reichlich hat oder das man nicht ständig selbst benötigt. Mal sind es Lebensmittel, die man selbst nicht aufgebraucht hat, mal ist es Kleidung, die zum Wegschmeißen zu schade ist.

Manche teilen einfach so aus Nettigkeit oder Überzeugung, andere verdienen sich so nebenbei etwas hinzu. Hinter all diesen Angeboten steht die „Sharing Economy“, ein Sammelbegriff für Firmen, Plattformen und Geschäftsmodelle. Die Kultur des Teilens ist auch in Lüneburg angekommen: Die LZ hat mit einem Experten und drei Lüneburgern über ihre Beweggründe gesprochen, warum sie ihre Besitztümer oder ihre Zeit zeitweise Fremden überlassen.

Immer interessante Menschen im Haus

Karsten Drewes hatte schon eine französische Artistengruppe, ein Transvestiten-Pärchen aus Malaysia und eine Hubschrauber-Pilotin zu Gast: Er wohnt in einem 450 Quadratmeter großen Haus im Lüner Weg. Weil seine drei Kinder längst ausgezogen sind, aber noch regelmäßig aus Bonn, München und Halle zu Besuch kommen, wollte der 65-jährige Rentner ihre Zimmer nicht dauerhaft vermieten. Er bietet sie seit einem Jahr auf der Plattform „Airbnb“ an. Und seitdem hat Karsten Drewes regelmäßig mit interessanten Menschen zu tun.

„Als wir das Haus geerbt haben, hatte ich schon die Idee von einer großen WG“, erzählt er. Vier Etagen bieten viel Platz, zwei davon sind als „normale Wohnungen“ vermietet, in einem Teil wohnt seine Schwester, im Keller hat er sich ausgebreitet. Die Zimmer, die Fremde mieten können, befinden sich im Erdgeschoss. Sie sind unterschiedlich groß, hell und freundlich eingerichtet. Zwei der Zimmer verfügen über eine eigene Küche, bis zu drei Personen können darin schlafen. Das dritte Zimmer ist etwas kleiner, der Gast kann die Küche im Keller nutzen. Dort befindet sich auch der „Chill-Raum“, wie Drewes ihn nennt. „Da kann man mal gemeinsam ein Bier trinken und rauchen.“

Gute Bewertungen auf Airbnb

Der Lüneburger scheint bei seinen Gästen beliebt zu sein, er hat zahlreiche Bewertungen im Netz: „Super Gastgeber“, „Karsten ist sehr freundlich“, „bestens organisiert“. Das freut den ehemaligen Musiker natürlich. Er hat auch einige Stammkunden: So kommt beispielsweise regelmäßig ein Mann vorbei, der mit dem Fahrrad durch ganz Deutschland radelt und in Lüneburg eine Pause einlegt.

Schlechte Erfahrungen hat der gebürtige Hamburger mit den mehrtägigen Vermietungen noch nicht gemacht. Wenn ein Gast abreist, lässt er die Schlüssel einfach liegen und zieht zu. „Ich schaue mir das Zimmer dann natürlich immer nochmal an.“ Eine Verwüstung hat Karsten Drewes bislang noch nicht vorgefunden. Auch sei noch nie etwas weggekommen.

Er trägt mit dazu bei, dass Lüneburg im Airbnb-Ranking der gastfreundlichsten Städte Deutschlands vorn mit dabei ist. Die Hansestadt steht zurzeit auf Platz 8, 75 Prozent der Reisenden haben ihrer Unterkunft hier fünf Sterne gegeben. Die Lüneburger Heide zählt insgesamt zu den Trend-Urlaubszielen in Niedersachsen, die Suchanfragen auf der Plattform für Privatunterkünfte haben im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent zugenommen.

Von Anna Paarmann 

Von einer Rentnerin, die anderen ihre Zeit schenkt sowie einer Frau, die an deren ihr Auto zur Verfügung stellt, lesen Sie in der Sonnabend-Ausgabe der LZ

Was verbirgt sich hinter der Kultur des Teilens? 

Prof. Dr. Harald Heinrichs hat 2013 gemeinsam mit einem Kollegen eine Studie zum Thema „Sharing Economy“ herausgebracht, sich in den vergangenen Jahren also intensiv mit der Kultur des Teilens auseinandergesetzt. Er betont, dass der Gedanke, dass Menschen Wissen und Informationen miteinander teilen, überhaupt nicht neu sei. „Das gibt es, seit es die Menschen gibt“, sagt der 46-jährige Wissenschaftler, der seit 2009 an der Leuphana tätig ist.

Zu Krisenzeiten, beispielsweise während des Zweiten Weltkriegs, sei das ein großes Thema gewesen. Einen Aufschwung habe die Sharing Economy in den Jahren 2008/2009 durch das Silicon Valley erfahren – zu Zeiten der globalen Finanzkrise. „Viele haben ihre Jobs verloren, Diskussionen zu nachhaltigem Konsum kamen auf, der Wunsch nach guten sozialen Beziehungen wuchs.“ Auch hätten digitale Technologien damals ihren Durchbruch erlebt, über das Internet konnten die Menschen zusammenkommen, Dinge miteinander teilen. „Das hat sich weltweit, also auch in Deutschland, weiterentwickelt.“

Im Rahmen der Studie hat der Professor für Nachhaltigkeit und Politik mit einem anderen Wissenschaftler Motivationen und Gruppen in der Bevölkerung untersucht. „Manchen ist wichtig, damit Geld zu verdienen oder zu sparen, andere sind flexibel und bequem, freuen sich über die Zugriffsmöglichkeiten im Internet.“ Andere würden Sharing-Angebote explizit aus Nachhaltigkeitsgründen nutzen, manche aus einer sozialen Motivation heraus. „Sie wollen beispielsweise neue Leute kennenlernen.“

Die Studie stellt aber auch vier verschiedene Typen dar: Die Kernzielgruppe – etwas jüngere Menschen, die gut gebildet sind und in den Städten leben – hätte großes Interesse an den verschiedenen Plattformen im Internet. „Der Anteil liegt bei 25 Prozent“, sagt Heinrichs. 14 Prozent seien sogenannte Konsum-Pragmatiker, sie nutzen die Angebote aus ökonomischen und praktischen Gründen.

Die Mehrheit, also rund 34 Prozent, seien die „Normalos, sie kaufen Dinge, um etwas für sich zu haben, orientieren sich also nicht am Teilen“. Diejenigen, die wenig Geld und einen geringeren Bildungsstand haben, seien noch weiter vom Teilen entfernt (24 Prozent). „Für sie gehört der Konsum zur Identitätsbildung, zum Status dazu.“ ap

3 Kommentare

  1. Hallo!
    Wie es der Artikel beschreibt, so ist die Share Economy kein „neu erfundenes Rad“.
    Sie entspricht viel mehr dem derzeitigen „Mind-Set“ unserer Gesellschaft, welcher verschiedene Gründe hat. Ökonomisches, ökologisches oder auch moralisches Gedankengut bilden oftmals die Basis für dieses Umdenken.
    Der Konsument von heute mietet sich auf http://www.car2go.com sein Auto, um damit ins Wochenendhaus zu fahren, welches er auf http://www.reposee.com gefunden hat. Begleitet wird er von einem Schäferhund, den er über „petsharing.eu“ kennengelernt hat.
    Klingt alles ein Stück weit ungewöhnlich, aber das ist der Puls der Zeit. Etwas Verwerfliches sehe ich daran nicht. Ganz im Gegenteil. Das B2C-Modell bekommt Konkurrenz. Aufgrund neuer Technologien und der Kreativität des Einzelnen ist C2C auf dem Vormarsch. Das sorgt natürlich für Unruhe in der klassischen Wirtschaft. Vor allem wenn es hier um wertvolle Marktanteile geht.
    Sich zu beschweren ist allerdings nicht die Lösung. Neue erfundene Gesetzesentwürfe wahrscheinlich auch nicht.
    Der Markt bestimmt das Geschäft. So war es, so ist es und so wird es sein.

    • felix
      Der Begriff Share Economy wurde von Harvard-Ökonom Martin Weitzman geprägt und besagt im Kern, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird. leider leben wir im kapitalismus. der geht gern über leichen.

  2. Detlev Behrens

    Im Grund hat die so genannte „Sharing-Economy“ ja nicht wirklich etwas mit teilen zu tun. „Teilen“ und „Wirtschaft“ widersprechen sich sogar.

    Es geht lediglich darum, existierende Geschäftsmodelle aufzubrechen und so einen eigenen Marktanteil auf Kosten anderer Marktteilnehmer zu gewinnen.
    Das mag für den Einzelnen, der über AirBnB seine Bleibe in einer fremden Stadt günstig bekommt, nett sein. Man muss sich aber auch darüber klar werden, dass diese Art der Wirtschaft Lohn- und Gehaltsstrukturen nachhaltig verändert (nach unten!). Der Spaß hört sicher dann auf, wenn es den „Schnäppchenjäger“ irgendwann selbst trifft und er mit weniger Lohn auskommen muss.
    Es geht eben nicht, wie uns z.B. Travis Kalanick verkaufen will, um Wohltaten für andere, sondern ums knallharte Geschäft. Fragen Sie mal Taxifahrer (nicht die Unternehmer!), was die von Uber halten…