Donnerstag , 22. Februar 2018
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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt häufiger vor als viele ahnen. Welche Vorkehrungen Unternehmen treffen können und müssen, darüber informiert der Arbeitgeberverband in einer Veranstaltung. Foto: A/nh

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz bleibt Tabu-Thema

Lüneburg. Offizielle Statistiken gibt es keine – dennoch sind sich Eleonore Tatge und Martin Schwickrath sicher: „Die Dunkelziffer ist gewaltig!“ Die Kriminalhauptkommissarin und der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Lüneburg Nordostniedersachsen sprechen über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Ein Thema, das in den meisten Betrieben und Verwaltungen tabu ist. Die Folge: „Viele Betroffene sprechen nicht über sexuelle Belästigung. Häufig, weil sie sich keine Hilfe erhoffen, oft auch aus Scham“, berichten Tatge und Schwickrath aus ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung. Umgekehrt aber wissen auch längst nicht alle Arbeitgeber, dass sie eine Schutzpflicht gegenüber ihren Beschäftigten haben – unter anderem geregelt im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Erfüllen ein obszöner Bildschirmschoner auf dem Monitor oder ein unübersehbar platzierter Kalender mit erotischem Inhalt bereits diesen Tatbestand? Oder muss es zu eindeutigen sexuellen Bemerkungen oder sogar Handlungen kommen? Wie ist sexuelle Belästigung von einem Flirt zu unterscheiden, wie sollte das Arbeitsumfeld reagieren und vor allem: Welche Pflichten ergeben sich aus dieser Situation für den Arbeitgeber?

Alles das sind Fragen, die die beiden Experten Schwickrath und Tatge in der Praxis und Recht-Veranstaltungsreihe am Donnerstag, 15. Juni, von 16 bis 18 Uhr, im „Haus der Wirtschaft“ des Arbeitgeberverbandes an der Stadtkoppel erörtern wollen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hatte 2015 eine Umfrage durchgeführt: Danach hatte die Hälfte der befragten Beschäftigten angegeben, dass sie bereits sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt hätten. Aber: „Mehr als 80 Prozent der Befragten wussten nicht, dass Arbeitgeber dazu verpflichtet sind, ihre Beschäftigten aktiv vor sexueller Belästigung zu schützen. „Und die muss nicht immer mit physischer Gewalt einhergehen: „Sexuell übergriffiges und belästigendes Verhalten beginnt viel früher“, sind sich Tatge und Schwickrath einig – „vor allem verbale und non-verbale Belästigungen werden immer wieder verharmlost.“

Opfern wird Überreaktion vorgeworfen

Stattdessen werde den Betroffenen unterstellt, dass sie überempfindlich reagieren würden. Bei den Opfern aber können langfristig psychische und physische Folgen auftreten: angefangen von Verlegenheit und Scham über Angst, Hilflosigkeit, Schuld und Ekel bis hin zur Depression und Arbeitsunfähigkeit. „Sexuelle Belästigung schadet dem Betriebsklima insgesamt und kann die gesamte Belegschaft sowie den Ruf des Betriebs negativ beinflussen“, mahnt der stellvertretende AV-Hauptgeschäftsführer.

Laut AGG ist jedes Unternehmen dazu verpflichtet, eine Beschwerdestelle im Betrieb einzurichten, die im Betrieb auch bekannt sein muss. Wenn der Arbeitgeber allerdings keine wirksamen Maßnahmen ergreift, um die betroffene Person zu schützen, „kann man als ‚letztes Mittel‘ der Arbeit fernbleiben und weiterhin das volle Gehalt verlangen, um weiteren sexuellen Belästigungen zu entgehen“, heißt es in dem Leitfaden für Beschäftigte, Arbeitgeber und Betriebsräte, herausgegeben von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Doch was tun, wenn die sexuelle Belästigung vom Arbeitgeber selbst ausgeht? Der Geschäftsführer oder Inhaber des Unternehmens wird sich schließlich kaum selbst sanktionieren: „Es hilft schon ganz viel, wenn die Opfer mit einer Person ihres Vertrauens reden können“, weiß Eleonore Tatge. Gerade in einem solchen Fall biete sich etwa das Gespräch mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt oder des Landkreises an. Und ein Brief der Gleichstellungsbeauftragten im Namen der Betroffenen an den übergriffigen Chef könne da schon Wunder wirken. Denn die Botschaft, die dahinter steht: „Jetzt weiß die Öffentlichkeit von deinem Tun!“

Arbeitgeber und Personaler, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen, können sich noch per E-Mail (info@av-lueneburg.de) anmelden.

Von Klaus Reschke