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Eine Pilzsirene in Wittorf: Die Samtgemeinde Bardowick verzichtet trotz moderner Technik nicht auf diese Art der Alarmierung, hat in St. Dionys gar eine digitale Sirene installieren lassen.

Alarm – wenn die Sirenen heulen

Lüneburg . Vor einer Woche, Punkt 12 Uhr, heulten wieder die Sirenen im Landkreis: Freilich nur zur Probe – wie jeden ersten Sonnabend im Monat. Der 15-sekündig e Dauerton dient dazu, die Funktion der Sirenen zu testen. Ein Anachronismus, noch aus den Zeiten des Kalten Krieges? So mancher Bundesbürger mag das glauben und die Sirenenpilze auf den Dächern öffentlicher Gebäude angesichts moderner Funktechnik und diverser Warn-Apps für das Smartphone tatsächlich für überflüssig halten. Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz mit Sitz in Bonn denkt man anders darüber. Christoph Unger, Präsident der Behörde, zeigt sich besorgt angesichts des massiven Abbaus der bewährten Sirenentechnik. 86.000 Sirenen gab es einmal auf deutschen Dächern. Von denen sind bis heute noch 32.000 übrig geblieben. Und die werden nicht mehr vom Bund gewartet und betrieben, sondern befinden sich schon lange im Besitz der Kommunen.

Alarmierung der Einsatzkräfte leidet nicht unter den fehlenden Sirenen

Auch im Landkreis Lüneburg gibt es Samt- und Einheitsgemeinden, die inzwischen ganz darauf verzichten, die Bevölkerung mit Hilfe der Sirenenpilze zu warnen beziehungsweise die Feuerwehr durch den Heulton zu alarmieren. Neben Adendorf ist das die Samtgemeinde Dahlenburg. Als die Umrüstung von der analogen auf die digitale Technik erfolgte, beschlossen die Dahlenburger aus Kostengründen den Ausstieg aus der Sirenen-Technik. „Die Umrüstung einer einzelnen Sirene hätte uns 2000 Euro gekostet“, sagt Ordnungsamtsleiter Mathias Dorn. Diese Entscheidung, noch von ihren Amtsvorgängern getroffen, bedauern allerdings Dahlenburgs Samtgemeindebürgermeister Christoph Maltzan und sein Ordnungsamtsleiter: „Wenn die Feuerwehr ausrücken muss, bekommen das die Bürger erst mit, wenn die Einsatzfahrzeuge schon mit Martinshorn und Blaulicht auf der Straße sind“, sagt Maltzan.

Die Alarmierung der Einsatzkräfte leide aber nicht unter den fehlenden Sirenen: Dahlenburg setzt, wie die anderen Wehren im Kreis auch, auf die Funkmeldeempfänger. Jeder aktive Feuerwehrmann im Kreis ist mit so einem Gerät ausgestattet und kann im Ernstfall alarmiert werden.

Das gilt auch für die Blauröcke in der Samtgemeinde Gellersen. Allerdings gehen hier die Verantwortlichen auf Nummer sicher: Von 7 Uhr morgens bis 18 Uhr abends werden die Einsatzkräfte zusätzlich über Sirene alarmiert. Schließlich habe nicht unbedingt jeder Feuerwehrkamerad den Meldeempfänger am Mann, „wenn er beispielsweise im Garten gerade seinen Rasen mäht“, weiß Kreisbrandmeister Torsten Hensel.

Besondere Situation wegen Kernkraftwerks Krümmel an der Elbe

Eine besondere Situation schafft nach wie vor das Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe: Das ist zwar schon seit einigen Jahren vom Netz, dennoch sind die Kommunen im Umkreis von zehn Kilometern um die Anlage verpflichtet, Sirenen vorzuhalten. Für den Fall der Fälle. In der Samtgemeinde Bardowick trifft das die drei Gemeinden Wittorf, Barum und Handorf.

Aber auch in den anderen Bardowicker Gliedgemeinden wollen die Feuerwehrleute nicht auf die Alarmierung per Heulton verzichten. „Insgesamt unterhalten wir 25 Anlagen“, berichtet Bardowicks Ordnungsamtsleiter Gerhard Stiwich. Wie sehr die Blauröcke auf die bewährte Technik vertrauen, zeigt sich in St. Dionys: Dort wurde vor etwa drei Jahren sogar die erste elektronische Sirene in der Samtgemeinde aufgestellt. Obwohl auch in Bardowick die Einsätzkräfte über Funkmeldeempfänger und Handy alarmiert werden. „Über Sirene bekommen wir auch den letzten Kameraden aus dem Bett“, sagt Stiwich.

Auf Sirenentechnik verzichten dürfen – und wollen – auch die Scharnebecker nicht. Auch, weil mit Hohnstorf, Artlenburg und Brietlingen drei Gemeinden im Krümmel-Radius liegen.

Von Klaus Reschke

Warnung über das Smartphone

Lüneburg. Etliche tausend Sirenen wurden in den vergangenen Jahren deutschlandweit abgebaut. Weil veraltet – und weil neue Technik die Heuler überflüssig machen soll: Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, Christoph Unger, spricht von „Taschensirenen“ – Smartphones, auf die die kostenlosen Warn-Apps geladen werden können. Die sollen – ganz zeitgemäß – die Bevölkerung im Ernst- und Katastrophenfall informieren. Drei große Anbieter gibt es – einer kommt aus Lüneburg.

Die Agentur „Marktplatz“ hat die „Biwapp“ entwickelt. Seit Herbst 2015 gibt es diese App, die aktuelle Informationen und Katastrophenmeldungen für ausgewählte Orte und den gewählten Umkreis direkt aufs Smartphone spielt – auf Wunsch mit zusätzlicher Push-Benachrichtigung. Nutzer können zudem individuell festlegen über welche Themen sie aktiv informiert werden möchten, zum Beispiel Schulausfälle, Verkehrsunfälle, Feuer, Hochwasser, Bombenentschärfung, allgemeine Warnungen und dergleichen. Mehr als 100.000 Nutzer sollen „Biwapp“ bereits auf ihr Handy geladen haben.

Das bekannteste und von den meisten Bürgern genutzte Warnsystem heißt „Katwarn“ und wurde vom Frauenhofer-Institut entwickelt. Rund 2,5 Millionen Deutsche nutzen diese Notfall-Applikation, die Katastrophenschutzbehörden, Feuerwehrleitstellen oder dem Deutschen Wetterdienst ermöglichen, ihre Warnmeldungen direkt und örtlich begrenzt auf die Smartphones zu schicken.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe selbst ist ebenfalls mit einer Warn-App unterwegs, die „Nina“ heißt. Sie soll rund 1,5 Millionen Nutzer aufweisen.

Nun verfügt aber nicht jeder Bürger über ein modernes Smartphone. Und nicht jeder, der eins besitzt, hat das auch zu jeder Tages- und Nachtzeit eingeschaltet. Wie also erreicht man diesen Personenkreis, wenn es auch keine Sirenen mehr gibt? Darüber macht man sich im Bundesamt für Bevölkerungsschutz so seine Gedanken: Eine Lösung könnten die Rauchmelder sein, die mittlerweile in fast jedem Bundesland Pflicht sind. „Technisch wäre es möglich, die Geräte so auszurüsten, das sie neben der Rauchwarnung auch auf Kastastrophenwarnungen reagieren“, sagt Marianne Suntrup, Sprecherin des Bundesamtes: „Leider zeigen die Hersteller kein Interesse an dieser Lösung.“ kre

Hintergrund

Sirenen-Töne
Sirenen dienen im Landkreis Lüneburg hauptsächlich der Alarmierung von Feuerwehren bei größeren Einsätzen. Daneben können die vorhandenen Sirenen aber auch für die Warnung der Bevölkerung, zum Beispiel im Katastrophenfall, genutzt werden. Im Landkreis Lüneburg werden drei unterschiedliche Sirenentöne verwendet.

Probealarm
Dieser 15-sekündige Dauerton dient dazu, die Funktion der Sirenen zu testen und hat für die Bevölkerung keinerlei Bedeutung. Der Probealarm findet an jedem ersten Sonnabend im Monat um 12 Uhr statt.

Alarm für die Feuerwehr
Bei diesem Alarm handelt es sich um drei aufeinander folgende 15-sekündige Dauertöne, die Pause zwischen den Tönen beträgt jeweils ca. sieben Sekunden. Durch den Alarm werden die Mitglieder der Feuerwehren aufgefordert, zum Einsatz zu kommen. Handlungsanweisungen für die Bevölkerung sind mit dem Alarm nicht verbunden.

Warnung der Bevölkerung
Der in Kriegszeiten als Fliegeralarm bekannte, einminütige auf- und abschwellende Heulton, dient heute zur Warnung der Bevölkerung vor besonderen Gefahren. Zum Beispiel im Katastrophenfall oder bei kerntechnischen Unfällen. Sollten Sie dieses Signal hören, beachten Sie bitte die nachfolgenden Hinweise: Suchen Sie umgehend das nächste Gebäude auf und schließen Sie Fenster und Türen. Holen Sie Kinder aus dem Freien ins Haus und verständigen Sie eventuell Ihre Nachbarn. Schalten Sie ein Rundfunkgerät ein und achten Sie auf amtliche Durchsagen. Achten Sie auch auf eventuelle Lautsprecherdurchsagen von Polizei, Feuerwehr oder Katastrophenschutz. lz