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Balanceakt: Tabo Bollwinkel (11) nutzt seinen „Fidget Spinner“, um sich besser im Unterricht konzentrieren zu können. Foto: t&w

Das Ding mit dem Dreh

Lüneburg. Mit einer leichten Handbewegung setzt Tabo Bollwinkel sein metallisch glänzendes Rad in Bewegung. Leise surrt der kleine Fingerkr eisel los, geschickt balanciert der Elfjährige seinen „Fidget Spinner“ auf der Spitze seines Zeigefingers. „Mir hilft er, mich zu konzentrieren“, erzählt er. Er komme damit zur Ruhe und könne besser dem Unterricht folgen. In seiner Freizeit hat er sich ein paar Tricks beigebracht – wie etwa das Balancieren des Fidget Spinners auf der Nasenspitze oder das Werfen und Wiederauffangen, ohne dass sich das Spielzeug aufhört zu drehen. Doch die meiste Zeit dreht sich der „Spinner“ einfach zwischen seinem Daumen und Zeigefinger.

An dem neuesten Spielzeugtrend kommt momentan kein Schulhof vorbei. In jeder Pause und auch im Unterricht wird gekreiselt, was das Zeug hält. Lüneburger Spielzeuggeschäfte kommen mit dem Auffüllen der Regale kaum hinterher. Die Fid­get Spinner – übersetzt heißt das so viel wie „Unruhe-Kreisel“ – kommen aus den USA und werden in der Werbung den Eltern als Konzentrationshilfe aus der Psychotherapie schmackhaft gemacht. „Zum Abbau von Stress und Nervosität“ wird ein Modell beworben, ein anderes mit „Perfekt für ADHS und Zeit töten“. Aber stimmt das überhaupt? Und warum werden diese Kreisel so hervorragend von den Kindern angenommen?

„Ich würde nicht behaupten, dass der Fidget Spinner in der Psychotherapie empfehlenswert ist.“
 Ralph Schliewenz, Jugendpsychotherapeut 

Ralph Schliewenz ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut und beobachtet den Trend bei seinen jungen Patienten schon länger. „Es gibt keine Studien dazu, dass der Fidget Spinner therapeutisch sinnvoll ist“, stellt er fest. Das dauerrotierende Spielzeug verbreite eher Unruhe, als dass es für Konzentration im Klassenzimmer sorge. Tatsache sei jedoch, dass eine US-Amerikanerin den Handkreisel für ihre an einer Muskelschwächeerkrankung leidende Tochter entwickelte – als Geschicklichkeits- und Motorikübung. Das war in den 90ern. Ihr Patent für den Fidget Spinner lief 2005 ab, zwölf Jahre vor dem Hype. „Ich würde aber nicht behaupten, dass der Fidget Spinner in der Psychotherapie empfehlenswert ist.“ Allerdings möchte er das Spielzeug nicht verteufeln: In Einzelfällen könne der Fidget Spinner bestimmt sehr sinnvoll sein, sagt er und zieht Parallelen zum Wutball, zu Klangkugeln oder Handschmeichlern.

„Mit den Fidget Spinnern gönnen sich Kinder eine Ruhephase.“
Martin Kurras-Ratjen, Spielzeugladeninhaber

Aber warum verkauft sich der Kreisel so wahnsinnig gut? Martin Kurras-Ratjen, Inhaber des Lüneburger Spielwarenladens „Heldenherz“, sieht in ihrer Einfachheit einen Schlüssel zum Erfolg. „Mit den Fidget Spinnern gönnen sich Kinder eine Ruhephase.“ Sie beobachten den Kreisel, spüren dessen Bewegung, ziehen sich aus dem Alltag zurück. Dabei können sie auch auf dem Schulhof alleine stehen und sich mit dem Spielzeug beschäftigen, ohne dass sie wie Außenseiter aussehen. „Denn die Beschäftigung mit dem Kreisel ist sozial akzeptiert.“

Hype-Ende absehbar?

Ralph Schliewenz sieht das in Teilen anders. Das simple Prinzip habe natürlich seinen Reiz. „Viele Kinder sehnen sich nach Einfachheit.“ Mittlerweile habe fast jeder Schüler ein Smartphone, das sie aber überfordere. Der Kreisel hingegen lässt sich gut kontrollieren. Dass der Fidget-Spinner so sehr durch die Decke geht, liege aber eher an der guten Vermarktung aus den USA. Außerdem koste er nicht viel und sei leicht zu händeln. „Ein klassischer Hype“, sagt Schliewenz. Vergleichbar mit den „Beyblades“ – sich duellierenden Kreiseln – oder den „Loom“-Armbändern vor einigen Jahren. Und auch wenn sich die Kinder gut mit dem Ding alleine beschäftigen können, ohne als Einzelgänger zu gelten – die meisten Eltern kaufen ihren Kindern den Fidget Spinner, eben damit sie keine Außenseiter werden, schätzt der Psychotherapeut.

Bleibt nur noch die Frage, wie lange sich dieser Hype halten kann. Frank Hintemann, Inhaber des „Mythos“-Spielwarenladens in Lüneburg, tippt auf den Herbst als Enddatum: „Wenn die Hände wieder in den Hosentaschen stecken.“ Denn in der Kälte hat keiner mehr Lust, mit dem Kreisel zu spielen. Ralph Schliewenz hingegen ahnt schon, was das nächste angesagte Spielgerät auf den Pausenhöfen sein könnte: Der Fidget-Cube, ein Würfel mit Knöpfen, Drehrad und Zahnrädern.

Tabo Bollwinkel indes können die Theorien der Experten egal sein. In seinen Händen wird der Fidget Spinner gewiss noch ein paar Runden drehen: „Ich habe mir gerade erst einen zweiten gekauft“, berichtet er stolz.

von Robin Williamson