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Biogas war einst ein Star unter den erneuerbaren Energien, neue Anlagen schossen wie Pilze aus dem Boden. Doch dann kippte die Stimmung, und aus den Pionieren von einst wurden die neuen „Schmuddelkinder“. Foto: A/be

Biogas: Auslaufmodell oder eine Technologie mit Zukunft?

Betzendorf. 2001 gehörte Hans-Christoph Cohrs zu den Pionieren. Der Landwirt aus der Gemeinde Betzendorf baute als erster im Landkreis Lüneb urg eine Biogasanlage, erzeugte Strom aus nachwachsenden Rohstoffen und Gülle – bis zu 110 Kilowatt elektrische Leistung pro Stunde. Die Politik belohnte Pioniere wie ihn, förderte den Bau der Anlage und gab ihm für seinen erzeugten Strom eine Abnahme- und Preisgarantie über 20 Jahre. Nun rückt das Ende des Vertrages näher und Cohrs treibt die Sorge um: Was dann? Eine Frage, die sich nicht nur der Betzendorfer stellt, sondern eine ganze Branche.

Biogas war einst ein Star unter den erneuerbaren Energien, neue Anlagen schossen wie Pilze aus dem Boden, immer mehr Landwirte entdeckten in der Energiewirtschaft ein lukratives zweites Standbein. Doch dann kippte die Stimmung, Naturschützer beklagten die „Vermaisung“ der Landschaft und aus den Pionieren von einst wurden die neuen „Schmuddelkinder“. „Biogas geriet auf das politische Abstellgleis“, sagt der Vorsitzende des Fachverbandes Biogas aus Lüchow-Dannenberg, Horst Seide.

Die Konsequenzen: Die Förderung wurde gedrosselt, Landwirte und Investoren bauten immer weniger Anlagen, Firmen, die vom Anlagenbau lebten, rutschten in die Pleite – eine ganze Branche sah sich vor dem Aus. „Vor zwei Jahren war die Stimmung dann auf dem Nullpunkt“, sagt Seide. „Da wusste niemand, wie es weitergehen soll.“ Inzwischen sehe man wieder Licht am Horizont. „Die Politik hat erkannt, dass man uns doch noch braucht“, sagt Seide, „zumindest in gewissen Situationen.“

„Es kann sein, dass wir die Anlage 2021 aus der Produktion nehmen und anders nutzen müssen“
Hans-Christoph Cohrs, Biogas-Pionier

Was das für jeden einzelnen bedeutet, kann auch Seide nicht voraussehen. „Ob sich der Betrieb der Anlagen nach dem Auslaufen der Einspeisevergütung noch rechnet, wird ganz stark von den indivuellen betrieblichen Voraussetzungen abhängen.“ Und: „Von den Entscheidungen der Politik.“ Soll Biogas in Zukunft noch gefördert werden? Wie? Und in welcher Höhe? Fragen, auf die Biogasbetreiber Hans-Christoph Cohrs spätestens 2021 Antworten braucht – „auf die wir aber sicherlich noch eine ganze Weile zu warten haben“, befürchtet Seide.
Doch auch wenn die konkreten Rahmenbedingungen noch unklar sind, sei die Richtung der weiteren Entwicklung eindeutig, sagt Seide. „Unsere Aufgabe als Biogasbetreiber wird es sein, für ein stabiles Stromangebot zu sorgen.“ Und zwar sowohl bei Über- als auch bei Unterkapazität. „Wenn die Windkraftanlagen extrem viel Strom produzieren, fahren wir unsere Stromproduktion herunter.“ Wenn abends die Solaranlagen aufhören zu produzieren und in den Haushalten extrem viel Strom verbraucht wird, „fahren wir hoch“. Wie? „Das wird die Herausforderung für die Betriebe sein“, sagt Seide. Denn wer als Biogasbetreiber in die bedarfsgerechte Stromproduktion einsteigen will, muss zunächst investieren.

Notwendig sind in erster Linie zusätzliche Gasspeicher und Motoren. „Anders als bisher wird das Gas dann nicht mehr kontinuierlich in Blockheizkraftwerken zu Strom umgewandelt, sondern nur dann, wenn der Strom auch gebraucht wird“, erklärt Seide. Dafür werde das Gas in großen Behältern gespeichert und im Bedarfsfall auf einmal verstromt, „wofür in diesem Moment dann auch entsprechend mehr Kraftwerke benötigt werden“. Ein Betriebsmodell, „mit dem man auch in Zukunft Geld verdienen kann“, glaubt Seide. Voraussetzung sei allerdings, dass das Stromnetz in der Lage ist, die punktuell sehr hohe Strommenge auch aufzunehmen. „Und das ist oft gerade auf den Dörfern noch ein Problem.“

Seide, der selbst in Lüchow-Dannenberg eine Biogas-Tankstelle betreibt, hofft zudem auf den Mobilitätsmarkt. „Biogas kann als Treibstoff für Lkw, Schiffe, sogar Flugzeuge dienen“, sagt er, „wenn die Politik das gezielt fördern würde, wäre das für uns Biogasanlagenbetreiber ein weiteres wichtiges Standbein der Zukunft.“
Doch allen guten Aussichten zum Trotz: „Es werden auch Betreiber ihre Anlagen nach dem Auslaufen der Einspeisevergütung aufgeben“, sagt Seide. Und es werden Betriebe insolvent gehen. „Schon jetzt sind etwa ein Viertel aller Anlagen nicht wirtschaftlich.“ Wer als Biogasanlagenbetreiber eine Zukunft haben will, müsse sich vorbereiten. „Und er sollte ein Konzept haben für die Nutzung der Wärme, die in den Blockheizkraftwerken entsteht. Ansonsten wird es verdammt schwer.“

Und wie wird es 2021 für Hans-Christoph Cohrs weitergehen? „Keine Ahnung“, sagt er. Sein Betrieb liegt in Hohenesch, abgelegen, mitten im Wald. Die Wärme seiner mittlerweile 250-KW-Anlage kann er im Winter zum Heizen von Wohnhaus und Schweinestall nutzen, im Sommer bleibt sie ungenutzt.

Dass sich die Investition in zusätzliche Gasspeicher und Motoren lohnt, bezweifelt der Landwirt. Ebenso, dass die Leitungen vor Ort hohe Strommengen aufnehmen. Eröffnet die Politik kleinen Betreibern wie ihm keine Alternativen, „kann es auch sein, dass wir die Anlage 2021 aus der Produktion nehmen und anders nutzen müssen“. Da ist Cohrs als Pionier von einst ganz Realist.

Anlagen im Landkreis: Kein Neubau mehr seit 2014

Aktuell gibt es 35 Biogasanlagen im Landkreis Lüneburg, neue Anlagen sind laut Kreissprecher Hannes Wönig derzeit nicht im Genehmigungsverfahren. Die erste Anlage von Hans-Christoph Cohrs ist im Juli 2001 genehmigt worden, die letzte von Christof Schulze aus Radbruch am 7. März 2014.

Seitdem gab es keine weiteren Anlagen. Die Bau-Entwicklung war in den vergangenen Jahren wie folgt: 2001, 2002, 2003 und 2004 (pro Jahr je eine Anlage genehmigt), 2005 (vier Anlagen), 2006 (sieben Anlagen), 2007 und 2008 (je eine Anlage), 2009 und 2010 (je drei Anlagen), 2011 (fünf Anlagen), 2012 (eine Anlage), 2013 (fünf Anlagen) und 2014 (eine Anlage).

3 Kommentare

  1. „Die Politik belohnte Pioniere wie ihn, förderte den Bau der Anlage und gab ihm für seinen erzeugten Strom eine Abnahme- und Preisgarantie über 20 Jahre. Nun rückt das Ende des Vertrages näher …“

    Wenn diese Garantien nach und nach auslaufen dann müsste die EEG-Abgabe doch zumindest auch sinken und irgendwann ganz auslaufen. Wir sollten das ab 2021 im Auge behalten. Aber das ist wohl nur ein Wunschtraum. Voraussichtlich wird die EEG-Abgabe dennoch kontinuerlich von Jahr zu Jahr steigen, damit die Fehlplanungen finanziert werden können. Sofern denn Planungen je vorhanden waren. Noch nie hat die Politik freiwillig Einnahmen zurück genommen. Auch dann nicht wenn sie einst zweckgebunden und ursprünglich zeitlich befristet sein sollten. Das Kind bekommt dann nur einen anderen Namen. Hier denke ich natürlich auch und besonders an den Soli. Da werden die Steuerzahler praktisch am Nasenring durch die Manege geführt.

  2. Leider wieder ein Beispiel für politische Konzeptlosigkeit in der Energiewende: 4 Jahre vor Ablauf einer 20-jährigen Biogas-EEG-Zeit gibt es noch keine Konzepte und Entscheidungen, wie es weiter geht? Passt aber ins Bild- Windstrom im Norden, keine Leitungen in den Süden, drohender Netzzusammenbruch wegen fehlender Pufferkapazitäten und Steuerungstechnik… Schlimm. Und da fragen sich die Grünen, warum sie an Bedeutung verlieren? Es gibt Themen genug! Auch und besonders in den Kernbereichen!

  3. Die Biogaser sind die größten Umweltvernichter in der Lüneburger Umgebung. Jeder Aldi-Parkplatz hat einen höheren ökologischen Wert als ihre Maissteppen. Also ganz altmodisch gesagt: Seid froh über die auslaufenden Subventionen und haltet endlich ein! Und überlegt euch, wie ihr den euch anvertrauten Grund wieder mit Respekt vor der Natur nutzen könnt.