Donnerstag , 22. Februar 2018
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Mehr als 3000 Fahrgäste nutzten Mitte Mai die „S-Bahn“ zwischen Lüneburg und Bleckede, die hier bei Erbstorf unterwegs ist. Foto: t&w

S-Bahn: Jetzt muss die Politik ran

Bleckede. 50 Einzelfahrten mit dem Triebwagen zwischen Lüneburg und Bleckede wurden Mitte Mai absolviert. Die Auswertung des „S-Bahn“-Probetriebs zwischen den Städten an Ilmenau und Elbe ist erledigt. Jetzt sollen sich die Politiker im Kreistag und den Kommunen mit der möglichen neuen Zukunft des Personenschienenverkehrs zwischen Lüneburg und Bleckede beschäftigen.

Als erste bekommen die Mitglieder des Bleckeder Stadtrats die Ergebnisse aus erster Hand präsentiert: Pero Schmidt, örtlicher Betriebsleiter der Bleckeder Kleinbahn, der hundertprozentigen Tochter der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL), und Tim Schirbaum, der an allen fünf Tagen als Fahrgastbetreuer mit unterwegs war, berichten am heutigen Donnerstag, 15. Juni, 19 Uhr, im Bleckeder Haus, dem Rat.

So positive Resonanz nicht erwartet

„Wir hatten eine positive Resonanz auf den Probebetrieb erwartet, dass die Resonanz so positiv wird, hatten wir aber nicht erwartet“, sagt Pero Schmidt. Insgesamt haben 3024 Fahrgäste an den fünf Tagen zwischen dem 15. und 19. Mai den Zug zwischen Lüneburg und Bleckede benutzt. Das sind knapp 605 am Tag, oder durchschnittlich rund 60 pro Fahrt.

Ziel aller Bemühungen ist die Reaktivierung der regelmäßigen Bahnverbindung zwischen Lüneburg und Bleckede, die 1977 eingestellt worden war. Als Niedersachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) vor vier Jahren ein Programm zur Reaktivierung von Bahnstrecken und Bahnhaltepunkten auf den Weg brachte, war die Strecke Lüneburg – Bleckede nur knapp daran gescheitert, in das weitere Verfahren aufgenommen zu werden.

Pero Schmidt: „Zumindest zwei Punkte haben wir mit unserem Probebetrieb widerlegt: Zum einen haben wir nachgewiesen, dass es eine Akzeptanz für die Wiederbelebung der Strecke gibt. Zum anderen haben wir gezeigt, dass die Strecke auch für Touristen von außerhalb attraktiv ist.“

Wie soll Reaktivierung erreicht werden?

Rund 800 bis 1200 tägliche Nutzer würden benötigt, um die Bahnverbindung zwischen Lüneburg und Bleckede wieder zu beleben, schätzt Schmidt. „Haben wir die, haben wir eine gute Chance.“ Mit den 600 am Tag, die man im Mai fast aus dem Stand und als „Hobby-Eisenbahner“ erreicht habe, liege man schon gut.

Pero Schmidt ist hochzufrieden: „Die Politik hat gesehen, dass nicht etwa nur die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg oder die Bleckeder Kleinbahn die Reaktivierung der Bahnstrecke Lüneburg – Bleckede wollen, sondern dass die Bürger das wollen.“

Schmidt setzt jetzt auf weitere Gespräche, die kommen sollen. „Die Gemeinden und Samtgemeinden entlang der Strecke und der Landkreis müssen sich jetzt zusammensetzen und ein Paket schnüren, wie man die Reaktivierung erreichen will und das Ergebnis dann der Landesnahverkehrsgesellschaft vorstellen.“ Dann müssten auch die Kosten auf den Tisch kommen. „Es gibt bereits Szenarien für einen künftigen Betrieb“, kündigt Pero Schmidt an.

„Wollen Bahn und Bus nicht gegeneinander ausspielen“

Von Politikern habe man bereits positive Rückmeldungen bekommen, von Bleckedes Bürgermeister Jens Böther (CDU) etwa, aber auch von Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD), der während der Probewoche erklärt hatte: „Bleckedes Bürgermeister Jens Böther und ich sind so verblieben, dass ich den Verkehrsminister bitten werde, die Reaktivierung dieser Strecken neu zu überprüfen. Zwar hatte ich die Reaktivierung anfangs selbst sehr skeptisch gesehen, aber hier bin ich inzwischen anderer Meinung.“

Kommt es zur Reaktivierung, wäre der Streckenverkehr auszuschreiben. Die Infrastruktur würde die Bleckeder Kleinbahn stellen – die hat Gleise und Anlagen für 50 Jahre von den Osthannoverschenen Eisenbahnen gepachtet.

Pero Schmidt ist überzeugt, „dass das Verkehrskonzept im Landkreis Lüneburg geändert werden muss“. Dabei betont er: „Wir wollen nicht Bahn und Bus gegeneinander ausspielen. Beide Verkehrsmittel haben ihre Berechtigung, jedes von ihnen hat seine Vorteile, die genutzt werden müssen.

136 Fahrgäste bei einer Fahrt

Insgesamt 3024 Fahrgäste waren zwischen dem 15. und dem 19. Mai zwischen Lüneburg und Bleckede in den Waggons unterwegs, die der Museumseisenbahnverein „Nebenbahn Staßfurt-Egeln“ aus der Nähe von Magdeburg gestellt hatte. Viele Fahrten waren mit mehr als 100 Menschen besetzt – der Rekord: 136 Fahrgäste, die am 19. Mai um 15.44 Uhr in Lüneburg in den Zug stiegen, fünf Fahrgäste kamen in Scharnebeck noch dazu.

Von den ausgegebenen Fragebögen wurden 763 ausgefüllt zurückgegeben. Eine Erkenntnis: 227 Fahrgäste (30 Prozent) nutzten den Zug als Pendler, weitere 210 Fahrgäste (28 Prozent) waren mit einem „Anliegen“, zum Beispiel Einkauf oder Arztbesuch, unterwegs.

Ein stattlicher Anteil von zwölf Prozent (92) gab an, als Tourist von außerhalb mit der Bahn unterwegs zu sein. Hingewiesen wurde von zahlreichen Fahrgästen darauf, dass eine Wiederbelebung der Bahnstrecke Lüneburg – Bleckede das Lüneburger Umland attraktiver machen würde, auch hinsichtlich des knappen und teuren Wohnraums in Lüneburg.

Von Ingo Petersen

6 Kommentare

  1. Bahn hin ,Bahn her…..schön für die Touristen auch gut…aber hat schon mal einer der Herren die das angezettelt haben, Fragebögen an die Bewohner entlang der Bahnstrecke verteilt um zu fragen wie die das finden… Ich glaube nicht!!!!!! 😠
    Fragt doch die Leute an der Bahnstrecke wie die das finden wenn mehrmals am Tag der Zug durchs Wohnzimmer fährt, von der Gartennutzung ganz zu schweigen. Die Leute die das nicht betrifft finden das sicherlich toll ….die wohnen da ja auch nicht…die zuständigen bei Kreis und Gemeinde sollten lieber auch diese Menschen fragen.
    Und in ihren Artikeln geht es auch immer nur um pro Bahn, ihre Zeitung fragt auch nicht bei den Anwohnern an der Strecke nach und da wird auch nicht davon berichtet, also Objektiv ist meiner Meinung nach anders !!!

    • Ich finde es immer wieder interessant, wie Menschen für andere Menschen sprechen wollen, aber gut.

      Wer an einer Bahnstrecke wohnt muss damit rechnen, dass da auch Züge fahren. Ebenso bei Straßen (da fahren auch Tag und Nacht Autos). Vor allem liegt die Strecke seit 98! Jahren da.
      Stillgelegt war die Strecke auch noch nie, jedes Jahr sind dort Züge unterwegs gewesen, auch lautere Güterzüge.
      Eine Reaktivierung würde natürlich auch die größte momentane Lärmquelle beseitigen: Das Hupen an den Bahnübergängen, die Züge an sich sind ca. genauso laut wie normale Linienbusse.
      Lärmquelle Bahn jedenfalls ist in diesem Falle eine unbegründete Sorge.

    • Die Bahnlinie war vor den Anwohnern da. Es kann sich keiner beschweren neben einer Bahnstrecke zu wohnen. Für die Allgemeinheit wäre die Reaktivierung der Bahnstrecke Lüneburg – Bleckede eine Verbesserung. Aber arbeitende und steuernzahlende Menschen haben in Deutschland keine Lobby.

    • Ich habe am Ebensberg fast direkt neben der Bahnlinie gewohnt als diese noch von der OHE betrieben wurde. Der Lärm hat eigentlich niemanden gestört. Alle hatten sich an den Bahnlärm gewöhnt, als die Strecke dann nicht mehr bzw. nur noch selten befahren wurde, hat man schon etwas vermisst.
      Mich würde intressieren wo Herr Lyßmann wohnt.

    • Karsten Hilsen

      @Lyßmann:
      Eher unwarscheinlich, dass sich Anwohner groß gestört fühlen.
      Ich bin in Scharnebeck ganz in der Nähe der Bahnlinie aufgewachsen.
      Die „LP“ Töne (Läuten und Pfeifen“= Tüt, Bim, Bim Bim der OHE-Züge, mit denen wir nach Lüneburg aber auch zum Waldbad Alt-Garge fuhren, gehörten zu den Alltagsgeräuschen, wie das Muhen der Kühe, das Quieken der Schweine, Hundegebell und das Tuckern der Traktoren und war nie „störend“.
      Die Geräuschemissionen eines modernen Triebwagens sind überhaupt nicht mit dem ohrenbetäubenden Lärm zu vergleichen, den die 700m (und in Zukunft 1500m) langen Güterzüge auf der Hauptstrecke hier in Lüneburg verursachen.

      Ich ziehe meine Mütze vor dem Engagement der Macher der Bleckeder Bahn und wünsche diesem sinnvollen Projekt den verdienten Erfolg.

  2. @Lyßmann: Eine Reaktivierung würde auch bedeuten, dass diverse derzeit technisch nicht gesicherte Bahnübergänge (BÜ) mit Lichtzeichenanlagen versehen würden, so dass an den betreffenden BÜ das derzeit notwendige „Pfeifen“ dann unterbleibt. Die Geräuschemission eines modernen Triebwagens ist vergleichbar (wenn nicht geringer) mit dem eines Omnibusses. Der in der Probewoche eingesetzte Triebwagen hatte, hinsichtlich der Abgasnorm, bereits hervorragende Werte: Norm „Euro 4“.

    Und: Haben Sie auch mal daran gedacht, dass an Ihrer Haustür (also in entgegengesetzter Richtung zu Ihrem Garten) erheblich weniger PKW vorbeifahren könnten? Rechnen Sie mal um: Der Triebwagen hatte für die Reisenden 88 Sitzplätze zuzüglich Stehplätze = rund 250 Plätze zur Verfügung. Fassungsvermögen von ca. 4 Bussen beziehungsweise, bei einer jeweiligen Besetzung von angenommen 1,5 Personen, 167 PKW-Fahrten. Von der reduzierten Abgas-Emission ganz zu schweigen.

    Wie einige „Vorredner“ bereits bemerkt haben: Wer an einer Bahnstrecke wohnt, der muss auch damit rechnen, dass auf ihr etwas fährt. Die Bahnstrecke wurde 1904 eröffnet…